Kriminalität ist keine Einbahnstraße

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Auch Deutsche klauen gerne hinter der Grenze

Gleich hinter dem Grenzübergang in Linken steht Tankstelle an Tankstelle. Täglich fahren Hunderte Tanktouristen über die Grenze, um dort Diesel oder Super bleifrei günstiger als in Deutschland einzukaufen. Aber nicht jeder, der tankt, bezahlt auch.
Gleich hinter dem Grenzübergang in Linken steht Tankstelle an Tankstelle. Täglich fahren Hunderte Tanktouristen über die Grenze, um dort Diesel oder Super bleifrei günstiger als in Deutschland einzukaufen. Aber nicht jeder, der tankt, bezahlt auch.
R. Marten

Dass es so einige Diebe aus Polen ins deutsche Grenzgebiet verschlägt, ist eine Tatsache. Doch wie sieht es andersrum aus? Die Antwort überrascht.

Verschwindet von einem Parkplatz die noble Luxuskarosse, dann blicken alle sofort in Richtung Osten. Denn jeder mutmaßt, dass ein Pole, ein Lette, Litauer oder Russe das Fahrzeug entwendet hat. Das Schlimme: Fischt bei einer Kontrolle die Bundespolizei einen teuren Wagen aus dem fließenden Verkehr in Richtung Polen und ist der tatsächlich gestohlen, dann sitzt oft wirklich ein Fahrer aus einem dieser Länder hinter dem Lenkrad.

Über die gestohlenen Luxuskarossen wird hier allerdings weniger diskutiert. Hier geht es um entwendete Werte aus Wohnungen, gestohlene Landmaschinen oder Baugeräte. Grund genug für den Kommunalen Präventionsrat des Amtes Löcknitz-Penkun, sowohl die deutsche als auch die polnische Seite zum Thema Sicherheit beiderseits der Grenze zu hören.

Über 700 Straftaten in der Region Löcknitz-Penkun

Seit Jahren hat sich die Zahl der Straftaten in der Region Löcknitz-Penkun bei über 700 Fällen eingepegelt. Das sagte der Erste Polizeihauptkommissar und Leiter des Polizeihauptreviers in Pasewalk, Andrè Chappuzeau. 2012 gab es einen nicht zu erklärenden Rückgang um 200 Fälle. 2013 lag die Zahl wieder bei über 700 insgesamt. Betrachtet man alle Straftaten, so gehörten 2013 Dörfer wie Blankensee, Krackow, Löcknitz und Nadrensee zu den arg betroffenen Ortschaften. Löcknitz verzeichnete beispielsweise ein Plus aller Straftaten um 83 auf 238 in 2013. Blankensee war 35-mal betroffen, 13-mal mehr als im Vorjahr.

Der Trend 2014 verheißt ebenfalls nichts Gutes: In Blankensee wurde im ersten Quartal 15 Vergehen (sieben im I. Quartal 2013) festgestellt. Grambow ist bereits 16-mal betroffen (fünf im I. Quartal 2013). Nur in Löcknitz gab es weniger Fälle. Analysiert man alle aufgeklärten Straftaten, so verüben etwa zehn Prozent Ausländer die Vergehen. Das persönliche Sicherheitsempfinden wird von diesen Zahlen stark beeinflusst. Der Amtsbereich ist aber im Vergleich zur Kreisstadt Greifswald nur marginal von Straftaten betroffen.

Deutsche, die in Polen tanken ohne zu zahlen

Und wie ist die Situation in Polen? Kommandant Slawomir Czura, tätig in Mierzyn, und zusammen mit 40 Beamten verantwortlich für zwei Gemeindegebiete mit rund 35 000 Einwohnern, sprach von 1400 Verbrechensdelikten in einem Jahr, darunter etwa 800 Straftaten. Das Sicherheitsgefühl der Bürger sei auf „einem guten Niveau“. Angesprochen auf Straftaten von Deutschen, antwortete Kommandant Czura diplomatisch: Es würde immer wieder Deutsche geben, die in Polen tanken und ohne zu bezahlen abfahren. Also „Flitzer“, Benzinklauer? So hart formulieren wollte der Kommandant das auch bei einer Nachfrage nicht. „Wir haben die Autokennzeichen, aber wir können die Bürger nicht fragen, warum sie nicht bezahlt haben. Vielleicht haben sie es vergessen? Ich weiß es nicht.“ Darüber hinaus werden immer wieder deutsche Fahrer mit Restalkohol im Blut oder ohne Führerschein festgestellt.

Beide Seiten bleiben nicht bei der Feststellung der Kriminalität im Grenzraum stehen, verdeutlichte Pasewalks Polizeichef Andrè Chappuzeau. Seit März gibt es gemeinsame Streifen mehrmals im Monat. Vor Ort eingesetzt sind Kräfte des 5. Dienstpostens des Polizeihauptreviers Greifswald und Unterstützungskräfte der Landesbereitschaftspolizei Mecklenburg-Vorpommern. Wirkungsvoll seien ebenfalls die Streifen in Zivil.