Gertje Graef (rechts) war lauscht den Geschichten der Frauen in Rothenklempenow. Hier berichtet Karin Fischer von den Afrika-R
Gertje Graef (rechts) war lauscht den Geschichten der Frauen in Rothenklempenow. Hier berichtet Karin Fischer von den Afrika-Reisen mit ihrem Mann. Dajana Richter
Buchprojekt

Autorin porträtiert starke Dorf-Frauen in MV

Kein Ort ist so klein, dass darin nicht ganz unterschiedliche Frauen leben würden. Deren Geschichten sammelt Gertje Graef im Rahmen der Dorfresidenzen für ihr Projekt „Die Venus von Uecker-Randow“.
Rothenklempenow

Das Sofa steht in Rothenklempenow, einem Ort nicht weit entfernt von der polnischen Grenze. Doch die Erinnerungen führen Karin Fischer in die Ferne, nach Afrika. Dorthin reiste die heute 77-Jährige mehrmals mit ihrem Mann, einem großen Afrika-Liebhaber. Das merkt man auch, wenn man das Wohnzimmer der Seniorin betritt. Ihr Mann ist zwar verstorben, doch die Souvenirs, die Dia-Fotos und die Geschichten, die Karin Fischer erzählt, halten die Erinnerung an ihn lebendig.

Ein Zufall und die späte Liebe

Ihr gegenüber sitzt Gertje Graef. Sie hört genau zu, unterbricht selten. Denn sie möchte möglichst viel von der Frau erfahren, über die sie danach ein Porträt schreiben wird. Eigentlich stamme sie aus Wolgast, erzählt Karin Fischer. Für ihren ersten Mann zog sie nach Rothenklempenow, doch die Ehe scheiterte. Und plötzlich war sie eine alleinerziehende Mutter in der DDR. Das war alles andere als einfach, erinnert sie sich. Doch mit der Wende nahm auch ihr Leben eine sehr schöne Wende. Über eine Bekannte lernte sie ihren zweiten Mann kennen, der schließlich für sie von Gelsenkirchen in den äußersten Osten des Landes zog.

Lesen Sie auch: Öko-Landbau und ein bisschen DDR in Rothenklempenow

Jury wählte Autorin aus

Karin Fischer ist eine von etwa 20 Frauen, die Gertje Graef in ihrem Buch-Projekt porträtiert. „Sie hat mich auf der Straße angesprochen, wollte zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht mitmachen“, erinnert sich die Autorin. Sie besuchte Karin Fischer dann zu Hause und mit der Zeit entstand ein Vertrauensverhältnis zwischen den Frauen und die 77-Jährige entschloss sich schließlich doch dazu, zumindest einen Teil ihres Lebens öffentlich zu machen.

Die 1985 in Ostfriedland geborene Graef ist seit November zu Gast in Rothenklempenow und lebt im ehemaligen Gutshaus. Der Ort östlich von Pasewalk hat rund 600 Einwohner und bekam 2021 vom Kulturlandbüro die Chance eine Dorfresidenz zu werden. Aus rund 180 Bewerbern durfte eine Dorfjury dann einen Künstler auswählen, der für sechs Monate mit im Dorf lebt, um gemeinsam mit Einwohnern ein kreatives Projekt umzusetzen. Gertje Graef wurde zur Siegerin gekürt. Überzeugt hat sie mit ihrer Idee der „Venus von Uecker-Randow“.

Lesen Sie auch: Starke Frauen - die Nordkurier-Serie

Galas in Schweden und Transsexuelle im Dorf

Die Venus, die römische Göttin der Liebe, wird mit zahlreichen weiblichen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Für viele ist sie das Sinnbild der Weiblichkeit an sich – und diese kann sehr viele Facetten haben. Das möchte das Multitalent Gertje Graef, die nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Ärztin und Theaterregisseurin ist, in Rothenklempenow ans Licht bringen und die unterschiedlichsten Frauen und deren Geschichten in einem Buch festhalten. Die 36-Jährige verbringt immer wieder einige Tage im Ort, sammelt bei Gesprächen jede Menge Material und kehrt dann zu ihrer Familie nach Leipzig zurück.

Lesen Sie auch: Projekt Dorfesidenz - Ein Ort am Stettiner Haff will hoch hinaus

In den vergangenen Wochen hat sie so mit zahlreichen Einwohnerinnen im Alter von 23 bis 87 Jahren gesprochen. Darunter waren alte Bäuerinnen, polnische Frauen, eine Schwedin, die von Rothenklempenow aus Kostüme für Galas in Schweden schneidert oder auch eine transsexuelle Landwirtin. Aus den teils sehr offenen Gesprächen soll nichts nach außen dringen, was die Frauen nicht wollen, was ihnen unangenehm wäre. „Ich frage immer nach, was von dem Erzählten ich für die Texte verwenden darf und was nicht. Außerdem gebe ich ihnen den etwa achtseitigen Text vor der Veröffentlichung noch einmal zum Lesen, damit sie mir ihre Änderungswünsche mitteilen können“, erklärt Gertje Graef.

Im April möchte sie ihre Ergebnisse im Rahmen einer Lesung und Foto-Ausstellung der Öffentlichkeit vorstellen. „Über das Projekt kann ich 100 Bücher drucken lassen, aber vielleicht findet sich noch ein Verlag, der das Buch auf den Markt bringen möchte“, hofft Graef.

zur Homepage