GYMNASIUM PASEWALK

Bildungsministerin watscht die Schulleitung ab

Die extreme Durchfallquote beim Abi 2019 hat dem Oskar-Picht-Gymnasium in Pasewalk geschadet. Jetzt schaltet sich MV-Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) ein.
Die extreme Durchfallquote beim Abi 2019 hat dem Oskar-Picht-Gymnasium in Pasewalk geschadet.
Die extreme Durchfallquote beim Abi 2019 hat dem Oskar-Picht-Gymnasium in Pasewalk geschadet. Marlis Tautz
Pasewalk.

Augenrollen am Kuchenbüfett: Die 12. Klassen des Oskar-Picht-Gymnasiums Pasewalk bieten am Tag der offenen Tür Waffeln und Blechkuchen an, der Erlös soll ihrem Abi-Ball zugute kommen. Noch sieben Wochen bis zum letzten Schultag. Fürchten sie sich vor den Prüfungen, wo doch im letzten Jahrgang ein Drittel der Abiturienten durchgefallen ist?

Die Jugendlichen reagieren freundlich genervt und selbstbewusst: Klar habe man Respekt vor den Prüfungen, schließlich gehe es ja um keine Kleinigkeit, sondern um das Abitur. Und – nunmehr Augenrollen – mit den Problemen der Vorgänger wolle man nichts mehr zu schaffen haben, anderer Jahrgang, andere Leute, jeder kämpft für sich. Punkt.

Gymnasium zeigt sich von seiner besten Seite

Schluss mit den alten Kamellen! Dieser Wunsch ist in Varianten immer wieder zu hören auf den Fluren der Schule, die sich an diesem Tag der Öffentlichkeit präsentiert, um für die künftigen7. Klassen zu werben. 75 Plätze sind zu vergeben. Die Besucher erleben ein Gymnasium von seiner besten Seite: Die Schülerband probt öffentlich, Mädchen und Jungs informieren als Medienscouts über Stolperfallen in der digitalen Welt, Probeunterricht in Polnisch, Experimente im Chemiekabinett, Bilder vom harmonischen Schulleben in Endlosschleife. Im Kunstkeller werden Linolschnitte gedruckt, im Anbau stößt der Physikklub das überaus seltene Foucaultsche Pendel an, das die Erdrotation sichtbar macht. Altschüler schauen vorbei, um mit ehemaligen Lehrern zu plaudern. Schluss mit den alten Kamellen!

Wenn es doch nur so einfach wäre. Ein Fernsehteam ist im Haus unterwegs und erkundet die Befindlichkeiten natürlich auch angesichts der Schreckgespenster aus dem vergangenen Schuljahr: 1. Die landauf landab einmalig hohe Durchfallquote, die überlagert hatte, dass 40 junge Pasewalker erfolgreich vom Gymnasium abgingen; 2. Die wichtigen Fragen, wie der Negativrekord zustande kam und eine Wiederholung zu verhindern ist. Bis heute scheiden sich hieran die Geister, sowohl in Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft. Beide Seiten zitieren den Spruch vom Fisch, der stets am Kopf zu stinken anfängt.

Der Unterschied in der Betrachtung – der Name des Fisches. Die einen meinen damit die gesamte Bildungspolitik im Land und listen ihre Vorwürfe auf. Da sind der Lehrermangel und daraus folgender häufiger Unterrichtsausfall. Seiteneinsteiger, die besser qualifiziert werden müssten, um den Schülern etwas beibringen zu können. Eltern und Kinder, die sich überschätzen und ohne Empfehlung aufs Gymnasiums drängeln. Regionalschulen, die sich in der Folge ungerechterweise zu Resterampen degradiert sehen.

Die anderen erkennen all diese Probleme zwar auch an, beziehen jedoch ihre Einschätzung von Fisch und Kopf direkt auf das Oskar-Picht-Gymnasium selbst und sehen die Wurzel der Probleme zuallererst bei der Schulleitung.

Bildungsministerin Martin: Es muss sich etwas ändern

Das Bildungsministerium hatte zu Beginn des Schuljahres mit einer breit angelegten Evaluation Ursachenforschung betrieben, ein Maßnahmenpaket aufgelegt und eine erfahrene ehemalige Schulleiterin als Coach an die Schule gesandt. Es gehe darum, so hieß es, ein „lernförderliches und produktives Klima“ zu schaffen, die Kommunikation mit Schülern, Eltern und Lehrerkollegium zu verbessern, den Unterricht weiterzuentwickeln und Unterstützungssysteme für Schwächere auszubauen.

Im Gespräch mit dem Nordkurier stellt Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) nochmals klar: „Am Oskar-Picht-Gymnasium Pasewalk muss sich zum Wohle der Schüler und Schülerinnen etwas ändern. Wir nehmen den Veränderungsprozess sehr ernst. Klar ist, dass wir dabei alle Ebenen im Blick haben – selbstverständlich auch die Schulleitung.“ Allerdings seien nun Ruhe und Zeit nötig, um auf dem eingeschlagenen Weg weiter voranzukommen.

Das sehen Schulleitung und Elternvertretung in Pasewalk ebenso. „Ein solches Ergebnis wird es nicht noch einmal geben“, betont die Schulleiterin mit Blick zurück. Mit Blick nach vorn rät sie auf der Elternversammlung am Tag der offenen Tür, die Frage über den künftigen Bildungsweg der Kinder genau zu prüfen und sich die Empfehlung der bisherigen Schule bewusst zu machen. Allerdings könne auch ein Kind mit Regionalschul-Empfehlung auf dem Gymnasium bestehen, sofern es Freude am Lernen und Ausdauer mitbringe. Die Arbeitshaltung entscheide, die Lernbereitschaft und die Fähigkeit, sich selbst gut organisieren zu können.

Im Februar müssen Eltern entscheiden, ob es für ihre Sechstklässler an der Regionalschule oder am Gymnasium weitergeht. Wer zu Oskar Picht will, gibt sich zuversichtlich. Der Schulelternrats-Chef ermuntert: Die Schule sei im Aufschwung und brauche endlich Ruhe. Schluss mit den alten Kamellen! Die zufriedenen Eltern und Lehrer hoffen inständig, dass es damit endlich klappt; die skeptischen erwägen, den Bürgerbeauftragten des Landes einzuschalten, wenn von den angekündigten Verbesserungen nicht bald etwas zu spüren ist.

 

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Kommentare (1)

Wo und an welcher Stelle wird in Ihrem Artikel beschriben, daß die Schulleitung durch die Ministerin abgewatscht wurde?
Es heißt lediglich ich zitiere:
"....Wir nehmen den Veränderungsprozess sehr ernst. Klar ist, dass wir dabei alle Ebenen im Blick haben – selbstverständlich auch die Schulleitung."
Wie aus diesem, im Übrigen einzigen Satz der Ministerin in diesem Zusammenhang, ein Abwatschen wird erschließt sich mir nicht.