In der Grabenstraße erinnert ein Gedenkstein an die Synagoge, die 1938 niedergebrannt wurde. Egon Krüger ist es wic
In der Grabenstraße erinnert ein Gedenkstein an die Synagoge, die 1938 niedergebrannt wurde. Egon Krüger ist es wichtig, dass der Holocaust nicht vergessen wird. Susanne Böhm
Stolpersteine wie diese, insgesamt 78 Stück, erinnern im Stadtzentrum an die ermordeten Juden aus Pasewalk
Stolpersteine wie diese, insgesamt 78 Stück, erinnern im Stadtzentrum an die ermordeten Juden aus Pasewalk Susanne Böhm
12. Februar 1940

„Die Nazis testeten die Deportation in Pasewalk, und alle schauten weg“

15 Juden wurden am 12. Februar 1940 aus Pasewalk verschleppt und ermordet. Ein Hobby-Historiker sagt: An diesem Tag begann der Massenmord der Nazis an mehr als 6 Millionen Menschen.
Pasewalk

Die Deportation mit anschließendem Mord an mehr als sechs Millionen Juden begann vor genau 82 Jahren in Pasewalk und in anderen pommerschen Städten. Am 12. Februar 1940 verschleppten die Nazis 15 jüdische Pasewalker und brachten sie später um. Danach galt Pasewalk als erste „judenfreie“ Stadt in Deutschland. Hobbyhistoriker Egon Krüger hat das herausgefunden und erinnert an dieses Datum. „Die Nazis wollten damals in Pasewalk testen, wie die Menschen auf die Deportation reagieren. Es gab keinerlei Proteste. Die Bevölkerung schwieg, schaute weg“, sagt er.

Der 85-Jährige hat die Geschichte der Pasewalker Juden jahrzehntelang akribisch aufgearbeitet, drei Bücher geschrieben und ist sich sicher, dass Pasewalk die Stadt war, in der der nationalsozialistische Völkermord geübt wurde. Richtig losgegangen sei es dann im Januar 1942 mit der Wannseekonferenz.

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„Es geschah das Allerschlimmste”

In Pasewalk lebten einmal auffallend viele Juden. Mitte des 19. Jahrhunderts waren fünf Prozent aller Einwohner jüdischer Abstammung, sagt Krüger. Erna Lazarus, Hugo und Frieda Translateur, Hedwig Salemon, Josef und Gertrud Brezezinski – er kennt jeden einzelnen Namen auswendig. Schon vor 1940 seien viele jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Pasewalk geflohen, zumeist nach Berlin. „In der großen Stadt fühlten sie sich sicher.“ 15 Menschen im Alter von 30 bis 73 Jahren blieben jedoch. „Sie sagten: ‚Schlimmer als die Nacht zum 10. November 1938 kann es nicht werden.‘“ In jener Nacht war die Synagoge niedergebrannt, der jüdische Friedhof verwüstet und auf Juden eingeprügelt worden. Doch der 12. Februar 1940 wurde in Pasewalk schlimmer als die Reichspogromnacht zwei Jahre zuvor. „Es geschah das Allerschlimmste.“

Von SA und SS aus den Wohnungen getrieben

„Die jüdischen Bürger, die noch in Pasewalk wohnten, wurden von der SA, der SS und deren Gehilfen aus ihren Wohnungen zum Bahnhof getrieben. Nur eine Jüdin, die schwer krank war, konnte nicht deportiert werden. Sie verstarb im Juni 1943. Offenbar hatten die Nazis sie vergessen.“ Der Zug sei nach Stettin gefahren, wo die Juden in einen Güterwagen umgeladen wurden. „Bei eisiger Kälte wurden sie im großen Stettiner Judentransport in die deutschen Ghettos und Konzentrationslager im von Deutschland besetzten Polen deportiert. Keiner der Pasewalker Juden überlebte, alle wurden ermordet. Jene, die zuvor aus Pasewalk geflohen waren, wurden später umgebracht.“

Pasewalk, die Stadt mit den meisten Stolpersteinen in MV

Dem pensionierten Chemiker Egon Krüger ist wichtig: „Wir in Pasewalk sollten niemals vergessen, was damals im Zweiten Weltkrieg geschah. Solche Brutalität und Menschenverachtung darf sich niemals wiederholen!“ Ein Gedenkstein in der Grabenstraße erinnert an die Vernichtung der Synagoge. 78 Stolpersteine in der Innenstadt erinnern an jeden ermordeten Juden aus Pasewalk. „Wir sind die Stadt mit den meisten Stolpersteinen in Mecklenburg-Vorpommern.“

Heute gebe es keine Juden in Pasewalk – nur einen Mann, dessen Großvater Jude war.

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