Dirk Stegemann veranstaltet jeden Montag Corona-Demos in Pasewalk. Dabei hatte er Derartiges eigentlich gar nicht vor.
Dirk Stegemann veranstaltet jeden Montag Corona-Demos in Pasewalk. Dabei hatte er Derartiges eigentlich gar nicht vor. Susanne Böhm
Coronavirus

Dieser Mann veranstaltet Pasewalks Corona-Demos

Dirk Stegemann (39) hat die Initiative „Pasewalk steht auf“ gegründet und veranstaltet jeden Montag eine Corona-Demo. Susanne Böhm hat mit dem Baustoff-Verkäufer gesprochen.
Pasewalk

Herr Stegemann, hätten Sie sich vor einem Jahr träumen lassen, dass Sie bald regelmäßig auf dem Pasewalker Marktplatz vor Hunderten Menschen sprechen werden und Demos organisieren?

Das war eigentlich nicht mein Bestreben.

Wie kam es dazu?

Ich las am 22. Dezember in der Zeitung, dass zur zweiten Demo am 27. Dezember im Internet zwar aufgerufen wurde, es aber keine Anmeldung bei den Behörden dafür gab. Deshalb hatte ich die Befürchtung, dass das nach rund 300 Teilnehmern bei der ersten Demo gleich wieder einschläft. Darum habe ich mit Freunden gesprochen, mir ein Herz gefasst und am 25. Dezember bei der Polizei angerufen. Die haben mir gesagt, dass immer noch keine Anmeldung vorliegt, also habe ich das gemacht.

Und schwups waren Sie Demo-Veranstalter.

Ja, meine Eltern zum Beispiel haben das aus der Zeitung erfahren. Ich wusste ja nicht, wie schnell das in der Zeitung steht. Meine Mutter hat kein Problem damit, mein Vater findet das nicht gut. Beide waren noch nie bei einer Corona-Demo.

Warum bewegt Sie das Thema so sehr, dass Sie solchen Aufwand betreiben?

Mit dem ersten Lockdown ging ich anfangs noch konform. Außer um zu arbeiten und einzukaufen durfte man nicht mehr raus. Für mich schien es so, dass alles, was Spaß macht, verboten war. Ich saß nach der Arbeit allein in meiner Wohnung und verfolgte die Medien. Dann fiel mir auf, dass die Berichterstattung in den meisten großen Medien eine ähnliche Tendenz hat, meistens die Gefahren von Corona in den Fokus stellt. Oft gibt es gar keine Diskussion über verschiedene Wege und Möglichkeiten, sondern nur eine Richtung.

Aus welchen Medien holen Sie sich Ihre Informationen?

Seit 14 Jahren habe ich keinen Fernseher mehr. Der große Zeitungsleser war ich nie. Ich suche mir meine Infos im Internet, schaue viele YouTube-Videos, vergleiche die Informationen mit anderen Medien und bilde mir dann eine eigene Meinung.

Sind Sie persönlich vom Coronavirus oder den Maßnahmen betroffen?

Ich konnte immerhin die ganze Zeit arbeiten, aber die Einschränkungen haben mein Leben trotzdem verändert. Zum Beispiel darf ich in keine Gaststätte mehr gehen. Als ich selbst Corona hatte, nicht mehr als etwas Schnupfen und Husten, war ich zwei Wochen in Quarantäne, zwei Wochen in meiner Wohnung eingesperrt. Ich fand die allgemeinen Maßnahmen wie Lockdown, Sperrstunden, Einreiseverbot nach Mecklenburg-Vorpommern, Einschränkungen des Bewegungsradius sehr restriktiv und tendenziell totalitär. Auch wenn ich weiß, dass andere Länder noch strenger waren. In der Gesellschaft gibt es fast keinen Diskurs mehr. Viele Politiker widersprechen sich. Erst hieß es, die Masken bringen nichts, jetzt sollen wir überall Masken tragen. Dann hieß es, Impfpflicht wird es nicht geben, für Pflegekräfte kommt sie aber bald und die allgemeine Impfpflicht ist im Parlament auch in der Diskussion.

Widersprüche entstehen eventuell dadurch, dass die Situation für alle neu ist, alle nach dem richtigen Weg suchen und niemand weiß, was der perfekte Weg ist. Oder kennen Sie die ultimative Lösung?

Nein, natürlich nicht. Vielleicht haben die skandinavischen Länder einen guten Weg gefunden. Mein Kumpel war in den vergangenen zwei Jahren öfter in Schweden und Finnland unterwegs, die sind nicht so restriktiv. Dort ist nichts geschlossen. Die Gastronomie, die Bars, überall darf man rein. Natürlich testen die auch und passen auf, aber es wird nicht so drüber gebügelt, wie bei uns. Man kann nur appellieren, dass die Politiker wenigstens auf Kinder und Jugendliche Rücksicht nehmen. Ich habe zwar keine Kinder, aber ich sehe im Bekanntenkreis, wie schwierig es ist, Homeoffice und Homeschooling zu schaffen. Den Kindern rennt die Zeit davon. Für sie sind zwei Jahre viel länger als für uns. Stattdessen gibt es hier immer neue Maßnahmen, immer noch mehr. Wir werden von der Politik hingehalten und in Rostock werden sogar schon Demos verboten.

„Hinhalten“ würde bedeuten, dass Politiker ein bestimmtes Ziel verfolgen. Welches soll das sein, außer durch die Pandemie zu kommen?

Das weiß ich nicht. Aber ich denke, wir sollten aufpassen.

Die Demo in Rostock wurde aber einzig und allein wegen der Gewalt verboten. Oder glauben Sie, dass die wegen der Meinungsäußerungen verboten wurden?

Ich glaube schon, dass die Politiker Angst davor haben, dass noch mehr Leute auf die Straße gehen.

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Werden Sie mittlerweile in Pasewalk auf der Straße erkannt und auch mal angesprochen?

Manchmal schon, die Resonanz war meistens positiv. Die Demos haben meiner Popularität keinen Abbruch getan.

Was muss passieren, damit Sie aufhören zu demonstrieren?

Wenn die Impfpflicht und die Maßnahmen abgeschafft werden oder wenn nur noch 20 Leute mitmachen.

Wie viele Leute gehören zum harten Kern von „Pasewalk steht auf“? Wollen Sie nach Corona mit anderen Themen weiter machen?

Wir sind sechs bis acht Leute. Ich denke, das Thema, dass Politiker ihre eigenen Ziele durchsetzen wollen, bleibt uns erhalten, unabhängig davon, wie schlimm Corona ist.

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Kommentare (1)

Zitat Leander Haußmann (Regisseur, Filmemacher):""Demonstrationen sind nicht dazu da, den Herrschenden zu gefallen."