ABI-SKANDAL IN PASEWALK

Eine Schule ramponiert ihren Ruf

Mit dem schlechtesten Abitur landauf landab hat das Oskar-Picht-Gymnasium in Pasewalk das Schuljahr beendet. Unruhe und Empörung schwelen weiter. Die Schulleitung überrascht mit einer Erklärung.
Mit dem schlechtesten Abitur landauf landab hat das Oskar-Picht-Gymnasium in Pasewalk das Schuljahr beendet.
Mit dem schlechtesten Abitur landauf landab hat das Oskar-Picht-Gymnasium in Pasewalk das Schuljahr beendet. Marlis Tautz
Pasewalk.

Es sind wahrlich große Aufgaben, die das Schulgesetz Mecklenburg-Vorpommern der Institution Schule auflädt. Paragraf 3 nennt Lernziele, 16 an der Zahl: Punkt 11 fordert, „Konflikte zu erkennen, zu ertragen und sie vernünftig zu lösen“. Punkt 12, „Ursachen und Gefahren totalitärer und autoritärer Herrschaft zu erkennen, ihnen zu widerstehen und entgegenzuwirken“.

Das scheint derzeit am Oskar-Picht-Gymnasium in Pasewalk alles andere als gut zu gelingen. Nach dem katastrophalen Finale des alten Schuljahres ist auch zu Beginn des neuen Schuljahrs keine Ruhe eingekehrt. Das Thema kommt beinahe täglich zur Sprache, im Unterricht ebenso wie bei den jüngsten Elternversammlungen – vor allem aber hinter vorgehaltener Hand.

Zur Erinnerung: Beim Abi 2019 war in Pasewalk ein Drittel des Jahrgangs durchgefallen, 59 Mädchen und Jungen traten zur Reifeprüfung an, 40 bestanden, 17 gingen nur mit dem Zeugnis über den theoretischen Teil der Fachhochschulreife ab, zwei wiederholen gerade das zwölfte Schuljahr.

MV mit der bundesweit höchsten Durchfallerquote

Ein Extrem, das fast einmalig ist. In Sachsen lag die Durchfallerquote im Abi 2019 bei 2,6%, gefolgt von Thüringen (3,2%), Brandenburg (4,8%), Sachen-Anhalt (5%) und Mecklenburg-Vorpommern (7,4%). Andererseits hatte das vergangene Schuljahr auch an der Spitze der Leistungspyramide Rekorde geschrieben: Bundesweit schaffte jeder vierte Abiturient eine Eins vor dem Komma, in Mecklenburg-Vorpommern waren es 28,9%, in Brandenburg sogar 30,2%. Soweit die Statistik.

Um Ursachen für das Pannen-Abi von Pasewalk zu ergründen, hatte das Bildungsministerium in Schwerin noch in den Sommerferien eine Evaluation angekündigt, eine „fach- und sachgerechte Bewertung“ also. Vor Kurzem sah und hörte sich ein Expertenteam an der Schule um. „Mitglieder waren Schulleiter, Vertreterinnen der unteren und oberen Schulaufsicht, des Beratungs- und Unterstützungssystems sowie des Instituts für Qualitätsentwicklung“, erklärte das Ministerium. An drei Tagen seien „Unterrichtsstunden begutachtet, Datenerhebungen durchgeführt und Gespräche mit Schülern und Schülerinnen, Eltern, dem Kollegium, weiterem schulischen Personal und der Schulleitung geführt“ worden. Derzeit werde ein Abschlussbericht erarbeitet, damit die Schulaufsicht über die weiteren Schritte entscheiden kann.

Ob sich das Team denn ein ehrliches Bild verschaffen konnte? Das Ministerium gibt sich überzeugt: „Die Gespräche fanden in offener Atmosphäre statt, und das Team konnte sich einen realistischen Einblick in das Schulgeschehen verschaffen.“ Die Bitte der Zeitung, ob ein direktes Gespräch mit einem Vertreter des Evaluationsteams möglich sein, blieb unbeantwortet. Die Schulleiterin und die Leiterin des Schulamtes Greifswald schweigen seit Monaten hartnäckig.

Eine Ansage auf der Elternversammlung

Immerhin war von den Elternversammlungen zum Schuljahresbeginn zu hören, dass die Schulleiterin dort eine Erklärung präsentierte für die Misere an ihrer Schule: „Die desaströse Berichterstattung in der Zeitung.“ Keine Spur von Selbstkritik, verantwortlich soll wieder einmal der Überbringer, nicht der Verursacher der schlechten Nachricht sein. Eine Sichtweise, die Teile des Kollegiums offenkundig übernommen haben. So wird aus dem Unterricht berichtet, dass einige Lehrer den Schülern regelmäßig Unvermögen ankreiden und über die Dummheit ihrer Vorgänger lästern. Bei den Eltern ist der Wunsch zu reden groß, sofern ihre Namen ungenannt bleiben. Während der Evaluation, so behaupteten ihre Kinder, sei der Unterricht teils deutlich anders verlaufen als üblich. Die Eltern kritisieren, dass sie ihre Einschätzungen zur Qualität von Lehrmethoden und Personal vor den Augen und Ohren der betreffenden Lehrer vortragen sollten. „Wer spricht denn da offen?“, fragt ein Elternteil. Zu groß sei die Furcht vor negativen Konsequenzen.

Ein anderer Vertreter der Elternschaft schildert, dass Schülern vor den Hospitationen Zurückhaltung nahegelegt wurde nach dem Motto: „Wir erfahren, wer hier was sagt“. Sogar aus der Lehrerschaft habe manch einer durchblicken lassen, dass Maulkörbe verpasst wurden.

Übereinstimmend verorten Schüler und Eltern den Wendepunkt im Schulleben Mitte 2016. Der langjährige Schulleiter wechselte in den Ruhestand, am 1. August trat seine Nachfolgerin den Dienst an. Mit dem Schul-klima, dem Lehrerkollegium und den Leistungen sei es fortan abwärtsgegangen.

Das scheinen Zahlen des Ministeriums zu belegen: 2015 betrug die Durchfallerquote in Pasewalk 9,1 Prozent, drei Jahre später bereits 14,3 Prozent. Zwei Lehrer hatten eine Versetzung erbeten, „um näher an ihrem Wohnort arbeiten zu können“, wie es heißt. Zwei gingen aus persönlichen Gründen. Mit umstrittenen Personalentscheidungen und dem Instrument des Teile-und-herrsche habe die Schulleitung den zuvor guten Ruf des Gymnasiums ramponiert, beschreiben Insider. Das Pannen-Abi sei der deutlichste Beleg dafür.

Erst Fassungslosigkeit und zuletzt Resignation

In dem Zusammenhang kommt auch noch einmal die Zeugnisausgabe im Juni zur Sprache, die gegen den Wunsch der Schüler zweigeteilt verlief. Diejenigen, die statt des Abis die Fachhochschulreife erhalten sollten, wurden an einem Freitagmorgen in die Aula der Schule geladen, inklusive der Eltern, die sich für den Anlass extra freigenommen hatten. Nach wenigen Minuten sei alles vorbei gewesen, ohne ein Wort geschweige denn einen Wunsch für die Zukunft. Zurück blieben ein fassungsloses Publikum und die Enttäuschung, nach zwölf Schuljahren „schäbig und würdelos“ entlassen worden zu sein.

Warum es trotz allem nach außen relativ ruhig war und ist in Pasewalk? Wer diese Frage stellt, wird einer gewissen Resignation begegnen. Oder einem gewissen Lokalpatriotismus, dem jede Kritik sogleich als Nestbeschmutzung gilt. Zuletzt hatten Elternvertreter 2016 den Aufstand geprobt und einen Beschwerdebrief ans Schulamt geschickt. Laut Ministerium waren seinerzeit Gespräche geführt und die Vorwürfe geprüft worden. Schwamm drüber: neue Schüler, neue Eltern, neues Glück.

Zumal ja eine Alternative zum Picht-Gymnasium nicht gerade vor der Haustür liegt: Löcknitz und Ueckermünde sind rund 18 beziehungsweise 30 Kilometer entfernt. Und auch ausgebildete Lehrer sowie willige Schulleiter sind im ländlichen Nord-osten nicht leicht zu finden.

Was bleibt, ist dann also die Hoffnung, die Schulzeit möglichst gut zu überstehen und am Ende das Abitur nach Hause zu tragen. Und eine wehmütige Erinnerung an die Lernziele des Schulgesetzes, Konflikte oder autoritäre Herrschaft zu erkennen oder gar zu überwinden.

 

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Kommentare (1)

Als ehemalige Abiturientin (2000) des Oskar-Picht-Gymnasiums bin ich entsetzt ob der dortigen Entwicklung und der Tatenlosigkeit der Behörden/Ämter. Sicherlich liegt ein Versagen bei den Prüfungen nicht nur in der Verantwortung der Schulleitung und des Lehrerkollegiums, gelernt werden muss halt doch noch, aber der Umgang mit dieser Fehlleistungsquote und die fehlende Einsicht der Leitung und des Kollegiums erschüttern mich. Das Gymnasium hatte stets einen guten Ruf, die damaligen Lehrer leisteten gute Arbeit. Es macht traurig, dass sich hier niemand an die eigene Nase fassen möchte und keine Bereitschaft da zu sein scheint, die Ursachen zu ergründen und zu beseitigen, wo doch alles recht offensichtlich scheint. Schade, peinlich und enttäuschend und für die Zukunft der Schule keine gute Aussicht.
Der hier erschienene Artikel ist gut geschrieben, ich hoffe, das der Nordkurier dran bleibt und hierdurch entsprechend Druck auf handelnde Personen ausgeübt wird. MV als eines der Schlusslichter bei Wirtschaft etc sollte wenigstens bei der Bildung vorn mit dabei sein (was Pasewalk bisher auch war).