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Einst war Editha Krause hier glücklich, heute nur die Ratten

Im Haus toben sich gern die Randalierer aus. Auch spielende Kinder wurden dort schon gesichtet.

Eine Ratte sucht Unterschlupf – mitten am Tag. Die Fensterscheiben sind kaputt. DDR-Gardinen flattern im Wind. Das Mauerwerk bröckelt. Im Inneren des ...

Eine Ratte sucht Unterschlupf – mitten am Tag. Die Fensterscheiben sind kaputt. DDR-Gardinen flattern im Wind. Das Mauerwerk bröckelt. Im Inneren des Gebäudes lassen sich noch die Tapetenmuster erahnen. Woche für Woche zeigt das Haus sich ramponierter. „Jetzt ist hier nichts mehr zu retten. Das hätte man gleich mit dem Hotel abreißen
sollen“, meint Klaus Zaremba, der gegenüber wohnt. Sein Nachbar Hartmut Roesler bedauert auch, dass es so weit kommen musste. Aber einfach so abreißen, geht denn das? Eben nicht, sagt Bürgermeister Rainer Dambach (parteilos). Auch er ärgert sich über den Schandfleck. „An dem Haus hängen etliche Erben dran, die leben alle nicht mehr“, meint er. Es gab noch eine Ansprechpartnerin, die sei verstorben. Jetzt will die Stadt die Spur noch einmal aufnehmen und über das Grundbuchamt die Erbfolge herausbekommen. Wenn die geklärt ist, könnte eine Pflegschaft beantragt werden. Dann könnte die Stadt das Haus abreißen. „Aber so etwas ist sehr langwierig, deutet das Stadtoberhaupt an.
Fast ist damit alles gesagt. Aber dann gibt es von den beiden ehemaligen Nachbarn noch einen Hinweis: Der letzte Bewohner des kleinen Hauses ist im Bahnhofsviertel wohnen geblieben. Er fand nur wenige Meter weiter ein neues Zuhause. Editha Krause öffnet die Tür. Und sie kann Geschichten erzählen! Die 80-Jährige holt ein Fotoalbum hervor, präsentiert ein verschwommenes Foto. Das zeigt ein schönes Bürgerhaus. „So sah es aus, als mein Großvater Hermann es 1900 kaufte. Dazu gehört ein 1790 Quadratmeter großes Grundstück“, erzählt sie. Er war Viehhändler, die Familie wohnte vorher in Pampow. Erinnerungen an glückliche Tage. Das Leid brach über die Krauses herein, als das Haus am 25. April 1945 bombardiert wurde. Als die Familie von der Flucht zurückkam, fand sie ein Quartier bei Bauer Haß. Das allerdings war für sieben Personen viel zu klein. Aber da standen ja noch die Reste des Hauses, eine Hälfte war weg. 1947 wurde es notdürftig wieder aufgebaut. „Da mussten wir noch 100 Mark Strafe bezahlen, da es eigentlich abgerissen werden sollte“, erzählt Editha Krause.
Zwischenzeitlich wurde Geld in die Reparatur gesteckt. Bis 1960 die Auflage kam, nicht mehr zu investieren, da es nun wirklich abgerissen werden sollte. Was aufgrund der Wohnungsknappheit in der Stadt nicht passierte. Auch verkaufen durfte die Familie das Gebäude nicht. Dann der nächste Schicksalsschlag: „Wir mussten in die LPG, obwohl wir nicht wollten.“ Für die Arbeit in der Landwirtschaft gab es wenig Geld. In das Haus zogen oben Mieter ein. „Die regten sich zu DDR-Zeiten auf, dass sie 37,10 Miete bezahlen sollen“, erinnert sich Editha Krause. Bei den Einnahmen sei es letztendlich nicht möglich gewesen, weiter in das Haus zu investieren. Das Ende kam 1997. Als die Bahnhofstraße saniert wurde, fiel eine Mauer ein. Da zog Editha Krause aus. Sie gehört nicht zur Erbengemeinschaft, verzichtete. Als letzte Bewohnerin vernagelte sie aber Türen und Fenster, bezahlt heute noch die Steuern und Straßenreinigungsgebühren. Fotografieren lassen möchte sich die Seniorin nicht. Die Verbitterung ist zu groß. „Ich fahre immer mit gesenktem Kopf am Haus vorbei, damit ich es nicht sehen muss.“