KOMMENTAR

Flaggen sind so mikroskopisch wichtig

Der Kreistag Vorpommern-Greifswald sendet ein fatales Zeichen hinaus in die Welt – findet unser Kommentator Philipp Schulz.
Darüber wurde gestritten: Eine Regenbogenfahne.
Darüber wurde gestritten: Eine Regenbogenfahne. Wolfgang Kumm
Pasewalk ·

Eine Flagge vor einem öffentlichen Gebäude aufzuhängen, ist ein standardisiertes Verfahren. Die Tage, an denen immer geflaggt wird, sind festgelegt: Es sind zehn pro Jahr. Die bevorzugte Stelle für den Fahnenmast ist festgelegt: links. Die Reihenfolge der Flaggen ist festgelegt: EU, Bund, Land, Kreis, Gemeinde. Standardisiert und mit absteigender Relevanz.

Das Gegenteil war die Debatte im gestrigen Kreistag von Vorpommern-Greifswald. Kein Standard.

Weil die Grünen eine Regenbogenflagge, Symbol für homo-, bi-, trans- und intersexuellen Menschen, neben die standardisierten Flaggen hängen wollten, eskalierte es. Sascha Ott von der CDU nannte diese Menschen „mikroskopische Randgruppe“, Ulrike Berger von den Grünen unterstellte ihm daraufhin das Gebaren eines alten weißen Mannes.

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Ott erhielt stürmischen Applaus von der rechten Plenarseite, AfD und NPD teilen sich hier die Bänke. Bergers Antrag hingegen wurde abgelehnt, sie selbst erhielt für ihre Aussagen böses Gemurmel. Flaggen hin oder her. Jemand, der Homosexuelle als mikroskopische Randgruppe marginalisiert, darf nicht mit Zustimmung belohnt werden. Jemand, der für sie einsteht, nicht niedergeschrien und abgelehnt werden.

Welch fatales Zeichen senden wir als Kreis hinaus in die Welt, wenn wir es nicht einmal schaffen, Toleranz und Solidarität an einem Tag im Jahr vor unsere öffentlichen Gebäude zu hängen, neben der „Identität“ und der „Heimat als Lebensgefühl“, wie Ott die Flagge für den Kreis nennt?

Auch Toleranz gegenüber Minderheiten, mikroskopisch oder mit dem bloßen Auge wahrnehmbar, ist ein Lebensgefühl und ist identitätsstiftend. Dafür braucht es jedoch keine Flagge. Das kann auch so Standard sein.

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