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Einen Menschen 'Flüchtling' zu nennen, raubt ihm sprachlich das letzte – nämlich das Menschsein”, so die Künstlerin Barbara Caveng. Susanne Boehm
So etwas gab es noch nie am Bahnhof in Pasewalk. Zu Ostern wurden vor Ort Eier gefärbt.
So etwas gab es noch nie am Bahnhof in Pasewalk. Zu Ostern wurden vor Ort Eier gefärbt. Privat
Barbara Caveng (rechts) machte am Bahnhof in Pasewalk Menschen aus der Ukraine eine Freude.
Barbara Caveng (rechts) machte am Bahnhof in Pasewalk Menschen aus der Ukraine eine Freude. Privat
Kunst am Bahnhof

Frau in Pasewalk kämpft gegen das Wort Flüchtlinge

So was gab es hier noch nie: Eine Künstlerin sorgt in Pasewalk erneut für Gesprächsstoff. Es geht um Menschen aus der Ukraine, Krieg, Eier, Strumpfhosen, Sprache und Ostern.
Pasewalk

Barbara Caveng setzt sich gegen das Wort Flüchtlinge ein. Die Künstlerin aus Berlin, die derzeit in Pasewalk wohnt und arbeitet, hält „diese Form des sprachlichen Framings in der zwischenmenschlichen Begegnung für hinderlich und kontraproduktiv. Aktiv setze ich mich dafür ein, dass dieses Wort aus dem Sprachgebrauch verschwindet”, teilte sie am Ostersonntag mit.

Wort „Flüchtling” raube Betroffenen noch das letzte

„Kein Mensch ist ein Flüchtling. Selbst wenn ein Mensch alles verliert, von dem Ort, an dem er gelebt hat fliehen muss und sein Leben keinen Alltag mehr kennt – ein Mensch bleibt immer Mensch. Einen Menschen 'Flüchtling' zu nennen, raubt ihm sprachlich das letzte – nämlich das Menschsein”, erklärte die 58-Jährige. „Ich wende mich in meiner Arbeit nicht 'Flüchtlingen' zu, sondern Menschen – mit zwischenmenschlichen Gesten und künstlerischen Mitteln.”

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Das tat sie am Ostersonnabend auf dem Pasewalker Bahnhof, indem sie Eier färbte und Menschen aus der Ukraine beschenkte. „Die Aktion nimmt Bezug auf die Ostern zugeschriebene Friedensbotschaft. So wie sie nach meinem Verständnis in der Tradition der Ostermärsche zum Ausdruck kommt – als das Bekenntnis zum Frieden, das sich je nach aktueller politischer Lage gegen Atomkraft oder Aufrüstung richtet und bis heute Ausdruck pazifistischer Überzeugungen ist.”

Beim Eierfärben am Bahnhof sei es ihr „neben dem politischen Gehalt ganz direkt um eine zwischenmenschliche Geste gegangen – die Darbietung eines Objektes, welches das Leben und die Fruchtbarkeit feiert. Das rohe Ei gemahnt aber auch an die Zerbrechlichkeit des Lebens und fordert Umsicht ein. An so vielen Orten auf der Welt hat das Eierfärben Tradition – es verbindet uns. Wir teilen etwas.”

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Richtig schöne Eier

Bei strahlendem Sonnenschein und im Beisein einiger Zuschauer hat die Bildende Künstlerin richtig schöne Eier hinbekommen. Die Technik ist einfach, sagte sie. Man müsse rechtzeitig vor Ostern Zwiebelschalen sammeln. Geeignet seien rote und braune. Die Schalen müssen dann in einem großen Topf zum Kochen gebracht werden und im Anschluss mindestens 30 Minuten lang ziehen. Als Stabilisator gehöre ein Schuss Essig mit hinein. Drei bis vier Tage vor dem Färben seien Gräser und Kräuter zu sammeln. „Sie sind besser zu verwenden, wenn sie etwas müde sind.”

Dann seien einzelne Kräuter und Gräser auf ein rohes Ei zu legen, welches danach vorsichtig in ein Stück Nylonstrumpf zu stecken sei. Beide enden des Strumpfs seien mit Garn zuzubinden. „Nicht ganz einfach, die Kräuter verrutschen gerne.” Nun solle das Ei im Strumpf im Zwiebelwasser sechs bis acht Minuten kochen und danach ein paar Minuten ziehen. „Aus dem Wasser nehmen und abkühlen lassen, dann aus dem Strumpf befreien. Für einen schönen Glanz mit einem Tropfen Öl polieren” – fertig.

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Internationales Flair in Pasewalk

Obwohl die Ukrainer am Pasewalker Bahnhof nicht viel Zeit haben, weil sie in der Regel ihre Anschlusszüge nicht verpassen möchten, waren die Ostereier für einige von ihnen ein kleiner Lichtblick. 100 Eier färbte die Künstlerin und verschenkte sie an Menschen aus der Ukraine und von anderswo. „Die ungewöhnliche Aktion erhielt eine belebende, freundliche, gar staunende Zustimmung alles Reisenden.” Gespräche über Ostern und auch über den Krieg seien in mehreren Sprachen geführt worden. „Der Bahnhof in Pasewalk tauchte für Augenblicke in Internationalität”, sagte Barbara Caveng. Der Pasewalker Bahnhof sei den Zuggästen „in einem ganz anderen Licht” erschienen.

„Die Aktion sorgte für ein Innehalten vom alltäglichen Tagesgeschehen, für einen Moment der Ruhe und des Besinnens. Einem Flüchtling bin ich noch nirgendwo auf der Welt begegnet, auch nicht in Pasewalk, aber schon sehr vielen Menschen, die fliehen mussten. Sie alle haben einen Namen: Mensch”, sagt barbara caveng, die ihren Klarnamen klein geschrieben als Künstlernamen verwendet. „Krieg und seine zerstörerischen Auswirkungen auf Gesellschaften und das Leben der Einzelnen beschäftigt mich in meiner künstlerischen Arbeit seit dem Jahr 2003. Es entstand eine Reihe von Projekten, die sich in unterschiedlicher Weise damit auseinandersetzen. Aufenthalte in Syrien, auf der Insel Lampedusa, in Bosnien, dem Kosovo, Albanien und dem Irak, lehrten mich über den Krieg.”

Geld wird knapp

Barbara Caveng ist eine von 32 Menschen aus Pasewalk und Umgebung, die seit mehr als vier Wochen am Bahnhof in Pasewalk täglich Erwachsenen und Kindern helfen, welche vor dem Krieg in der Ukraine flüchten. Sie verteilen unter anderem Reiseproviant und Kuscheltiere. Trotz vieler Geld- und Sachspenden geht den ehrenamtlichen Helfern das Geld aus, sagte Barbara Caveng. Die Ukraine-Helfer vom Pasewalker Bahnhof bitten um Spenden an den Caritasverband.

Barbara Caveng wirkt ein halbes Jahr lang in Pasewalk, gefördert im Rahmen des „Residenzkünstler”-Projekts. Sie sorgte unter anderem am Frauentag für Aufmerksamkeit, als sie mit einem Pferd und einem mit Frauennamen bedruckten Vorhang durch die Stadt zog. Bis zum Mai ist ihre Ausstellung „Die Vorreiterin” in der Großen Kirchenstraße 25 zu sehen. Was sie noch alles vor hat, weiß sie selbst nicht. Es bleibt spannend in der Kleinstadt.

 

 

 

 

 

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Kommentare (1)

Was will die Künstlerin ausdrücken? Dass es keine Unterscheidung der Menschen gäbe? Das führt soweit, dass es wahrhaftig eine unbefleckte Empfängnis gibt, weil es nur Menschen gäbe. Wohin solch Brainstorming führt, wird derzeit im englischsprachigen Raum thematisiert, wo Frauen im Frauengefängnis schwanger werden. Bekannt ist, dass es kein biblisches Wunder ist.