Schlüsseldienst

Insider: In der Abzocke steckt System

Ein bundesweit tätiger Schlüsseldienst aus Geldern am Niederrhein soll seine Kunden systematisch ausgenommen haben. Gegen die Betreiber begann am Montag in Kleve der Prozess. In Vorpommern lebt ein einstiger Mitarbeiter eines vergleichbaren Unternehmens. Er sagt: In der Abzocke steckt System!
Rainer Marten Rainer Marten
Hubert T. hat bei einem Schlüsseldienst gearbeitet und sagt: Dort hat man die Notsituation von Menschen ausgenutzt. 
Hubert T. hat bei einem Schlüsseldienst gearbeitet und sagt: Dort hat man die Notsituation von Menschen ausgenutzt. Schierenbeck
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Pasewalk.

Die Nachricht im Nordkurier über den Prozess gegen einen bundesweit agierenden betrügerischen Schlüsseldienst hat Hubert T.* nicht verwundert. Auch er sei einst als „Aufschließer“ tätig gewesen – bei einem Schlüsseldienst in Bremen und Arbeitsbereich im Odenwald. Der Mann lebt seit Kurzem in einem kleinen Ort bei Pasewalk. Mit seiner früheren Tätigkeit hat er lange abgeschlossen. „Ein knappes Jahr lang war ich bei diesem Dienst, dann konnte ich die Arbeit mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren.“ Wenn die Staatsanwaltschaften heute gegen die Betreiber derartiger Dienste vorgehen, dann sei das mehr als richtig, meint er. Denn in der Abzocke stecke System.

Kurz nach seinem Eintritt in die Arbeitslosigkeit hat Hubert T. in einer Tageszeitung eine Suchanzeige gelesen. Eine Firma in Bremen habe „Leute mit handwerklichen Fähigkeiten“ gesucht. „Ich habe mich dort gemeldet und erst vor Ort erfahren, um welche Tätigkeit es geht. Als selbstständiger Handelsvertreter, gefördert vom Arbeitsamt, sollte ich für die Firma den Schlüsseldienst ausüben.“

Dem Mann wurden etwa 70 Aufträge im Monat in Aussicht gestellt, vermittelt von der Bremer Zentrale. Davon könne er und die Firma gut leben, hieß es. Die Einarbeitungszeit war kurz, denn es bedarf nur weniger Kniffe und Handgriffe, um professionell eine Tür zu öffnen, sagt er.

Als Erstes mussten sie die Unterschrift sichern

Das Unternehmen hat dann mit regionalen Telefonnummern, deren Anrufe in der Bremer Zentrale eingingen, die Leistung angeboten. „Wir ‚Handelsvertreter‘ wurden von dort aus zum Auftraggeber vermittelt. Die dachten immer, wir kommen aus der Region. Mein weitester Weg zu einem Kunden war einmal 180 Kilometer.“

Das Erste, was die „Handelsvertreter“ einfordern sollten, war die Unterschrift unter dem Vertrag. „Wenn Menschen in einer Notsituation sind, dann unterschreiben sie, ohne lange zu lesen“, erzählt er.

Weil eine Türöffnung für einen geübten Mann sehr schnell möglich ist, musste der Dienst den Betreffenden vor Ort vorspielen, wie kompliziert die Sache sei. „Von 8 bis 18 Uhr kassierten wir je Auftrag mindestens 150 Euro. Das Doppelte wurde an freien Tagen fällig. 150 Prozent Zuschlag hatten wir dann für Feiertage zu kassieren – und das alles für eine Türöffnung, die in der Regel nicht länger als vier bis fünf Sekunden dauert.“ Hinzu kamen die Kosten für die An- und Abreise.

Ausgestattet wurden die „Handelsvertreter“ nicht nur mit dem erforderlichen Werkzeug, sondern auch mit einem Schlosssortiment verschiedener Hersteller. „Wir mussten dafür in Vorkasse gehen.“

30 Prozent der Rechnungen wurden gerichtlich geklärt

„Ich konnte es dann nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, die Notsituation der Leute auszunutzen, und habe versucht, reelle Preise zu kassieren. Weil der Umsatz in der Zentrale registriert wurde, habe ich immer weniger Aufträge zum Öffnen von Türen erhalten. Noch innerhalb des ersten Jahres habe ich dann aufgehört, für die Firma zu arbeiten, ich hatte ja noch einen Anspruch auf weiteres Arbeitslosengeld.“

Hubert T erinnert sich, dass die Betroffenen erst aufgewacht sind, als ihnen die kompletten Rechnungen präsentiert wurden. Etwa 30 Prozent der Rechnungen wurden gerichtlich geklärt, sagt er. „Darum mussten aber nicht wir uns kümmern, das hat die Bremer Zentrale erledigt.“

Mit dem Abstand von Jahren rät er heute jedem Haus- und Wohnungsbesitzer, Schlüssel entweder bei den Nachbarn zu deponieren oder sich in einem angemessenen Abstand vom Wohngebäude ein Depot einzurichten. Wer wirklich einen Dienst in Anspruch nimmt, sollte sich vergewissern, dass der Anbieter eine Firma vor Ort betreibt.

* Name der Redaktion bekannt