PASEWALKER GYMNASIUM

Keiner will für Abitur-Schock gerade stehen

Wer übernimmt die Verantwortung, wenn ein Drittel des Jahrgangs durch die Reifeprüfung fällt? Die Ursachenforschung geht weiter.
Marlis Tautz Marlis Tautz
Was ist los am Gymnasium Pasewalk?
Was ist los am Gymnasium Pasewalk?
Pasewalk.

Auch nach Beginn des neuen Schuljahres bleibt unklar, wer die Verantwortung für das aufsehenerregende Abitur-Debakel 2019 am Oskar-Picht-Gymnasium Pasewalk übernimmt. „Personelle Konsequenzen sind derzeit nicht geplant“, teilte das Bildungsministerium dem Nordkurier mit. An der Schule hatten 20 von 60 Jugendlichen die Reifeprüfung nicht bestanden, 18 gingen mit einem Zeugnis über den schulischen Teil der Fachhochschulreife ab, zwei wiederholen die12. Klasse.

Für zusätzlichen Unmut sorgte die nach Einschätzung von Eltern und Abiturienten „schäbige und würdelose Zeugnisübergabe“ an die „Durchfaller“ durch die Schulleiterin. Die Opposition im Landtag hatte Anfang Juli von einer „Katastrophe“ gesprochen und eine „Behebung des Missstände“ gefordert.

Aufsichtsbehörden schweigen seit Wochen

Doch seither wurde es mucksmäuschenstill um das Thema: Schulleitung und Staatliches Schulamt schweigen seit Wochen. Die ehemaligen Schüler sind in alle Winde verstreut, ihre Eltern haben sich offenkundig wieder beruhigt. Laut Ministerium hat niemand die Möglichkeit genutzt, die Prüfungsergebnisse rechtlich anzufechten. Auch seien aufgrund der Abiturprüfungen 2019 keine Jugendlichen aus der Oberstufe abgemeldet worden, um anderswo das Abitur in Angriff zu nehmen.

In drei siebten Klassen kamen 70 Mädchen und Jungen neu aufs Gymnasium. Welchen Rat das Ministerium hat für Eltern, die sich um die Qualität der Lehre sorgen? Antwort: „Eine solide Schulbildung an den Gymnasien des Landes wird durch die vielen engagierten und erfahrenen Lehrkräfte – so auch in Pasewalk – abgesichert.“

Schwere Vorwürfe gegen Schul-Führung

Das scheint angesichts der massiven Vorwürfe, die im Raum stehen, eher Wunschdenken zu sein: schlechtes Schulklima, häufige Lehrerwechsel, unkluge Personalentscheidungen. Nachdem der langjährige Schulleiter im Sommer 2015 in den Ruhestand gegangen sei, habe der Abstieg der einst so erfolgreichen Schule begonnen, heißt es immer wieder. Die Durchfallerquote am Picht-Gymnasium übertrifft den Landesdurchschnitt seit zwei Jahren deutlich. 2017 und 2018 scheiterten nach Angaben des Ministeriums 12,5 und 14,3 Prozent der Schüler am Abitur, landesweit waren es 6,8 beziehungsweise 6,2 Prozent. Beim Pannen-Abi 2019 betrug die Relation 32,2 zu 6,5 Prozent.

Zwar wurden auch aus Schulen in Rostock, Gadebusch und Stavenhagen zweistellige Durchfallerquoten gemeldet, doch die drei Schulen mit der höchsten Misserfolgsrate gehören zum Staatlichen Schulamt Greifswald – neben Pasewalk das Schlossgymnasium Gützkow (19,2 Prozent) und das deutsch-polnische Gymnasium Löcknitz (14,9). Ob ausgerechnet das Schulamt Greifswald bei der Ursachenforschung helfen kann?

Erster Hilferuf von Eltern schon 2016

Schon im Frühjahr 2016 hatten Pasewalker Elternvertreter einen Hilferuf an das Amt geschickt. Die Schulamtsleiterin habe „daraufhin die Situation überprüft, an Schulversammlungen teilgenommen und Einzelgespräche mit Eltern und Lehrern und Lehrerinnen geführt“, so das Ministerium. Könnten Personalprobleme die Ursache sein, wie Eltern und Schüler vermuten? „In den letzten Jahren wurden fünf Lehrer und Lehrerinnen verrentet, zwei baten um Versetzung, um näher an ihrem Wohnort zu arbeiten, zwei verließen die Schule aus persönlichen Gründen.“ Derzeit sei im Kollegium keine Stelle unbesetzt, neben 35 Lehrern gehören vier Referendar und drei Seiteneinsteiger dazu.

Ende August werden nun endlich Vertreter des Instituts für Qualitätsentwicklung das Oskar-Picht-Gymnasium besuchen, um die Situation der aktuellen Oberstufe zu analysieren. Hospitationen im Unterricht sind ebenso geplant wie Befragungen. „Auch Schulorganisation und Schulleiterhandeln sind Gegenstand der Untersuchung.“

 

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Kommentare (5)

aber auch, zu hinterfragen, was denn die 40 Schüler, die das Abi bestanden haben, besser gemacht haben. Es ist immer einfach den schwarzen Peter jemand anderen zuzuschieben.

Bereits zu DDR-Zeiten wurde ein beträchtliches Nord-Süd-Gefälle bei den Abiturienten an den Univeritäten festgestellt. Die Situation hat sich offensichtlich nicht geändert. Ursache?

In erster Linie,sind doch die Schüler selber Schuld,dass sie nicht das Ziel erreicht haben. Alles andere sind doch Nebelkerzen,die durch verschiedene Akteure geworfen wurden. Viele Schüler,die ein Gymnasium besuchen,bringen auch die Voraussetzungen nicht mit. Soll man diese Schüler mit durchziehen ?

Ich denke viele Einflüsse sind zu betrachten. Es ist schon auffällig, daß derart schlechte Ergebnisse, gemessen am Landesschnitt, festgestellt werden müssen, nachdem der Schulleiter ab 2016 neu ist. Bzw drei der schlechtesten Schulschnitte im Verantwortungsbereich des Schulamtes Greifswald liegen. Und wenn Eltern eine Qualitätsabnahme bemerken und dies melden, sollte viel intensiver hinterfragt werden. Ob Schüler hier auch mehr hätten tun müssen, kann ich nicht beurteilen. Aber das dreigliedrige, "preußische" Schulmodel, gehört unter Experten schon lange grundlegend reformiert.
Es gibt soviele verschiedene Schulformen, die besser dafür geeignet sind unsere Kind auf das Leben vorzubereiten. Es mangelt schlicht an politischen Willen, hier etwas zu ändern. Da bringt ein "Digitalpakt" wenig bis gar nichts.

Wenn wir uns darin einig sind, dass am Ende einer Gefällestrecke eine geringere Höhe zu verzeichnen ist, dann ist es ein Süd-Nord-Gefälle.
Im Übrigen stimme ich Herrn Schubert zu: Es sind viel zu viele, die von sich (bzw. ihre Eltern) glauben, ein Abitur als Zugangsvoraussetzung einer akademischen Bildung zu benötigen, aber nach der 8. Klasse nicht imstande sind, Kreisflächen- und Trigonometrieberechnungen vorzunehmen. Ein Autohausbesitzer aus Ueckermünde berichtete mir, er stelle für die Ausbildung von Kfz.-Mechatronikern nur noch Abiturienten ein, die könnten wenigstens noch Prozentrechnung....unlängst bat er einen von den Azubis, 2. Lehrjahr, Benzingemisch 1:50 an der Tankstelle für den Rasenmäher zu holen, und hielt ihm einen 5-l-Kanister entgegen. "Meister", sagte der Azubi, "das geht nicht. Da passen doch keine 50 Liter rein."
Über fünf Jahre lang habe ich Mathematik-Nachhilfeunterricht (8. bis 12. Klasse) für verschiedene Schüler gegeben. Die Grundkenntnisse waren verheerend, nicht einmal quadratische Gleichungen, binomische Formeln, Wurzel- und Logarithmenrechnung konnten ausgeführt werden. Als ich der Mutter eines Schülers sagte, es sei schade um ihr Geld, und ich werde die Nachhilfestunden wegen Desinteresse des lieben Kleinen beenden, sagte die Mutter im Beisein ihres Sohnes (Gymnasiast in Löcknitz !!!), sie verstehe sowieso nicht, wozu ihr Sohn das braucht, sie habe in Mathe auch eine VIER im Abschlußzeugnis bekommen, die ganzen Rechenkünste niemals benötigt und sei doch ein brauchbarer Mensch geworden. Soviel zum Thema Motivation....