In luftiger Höhe inspizierte Barara Caveng am Freitag das Relief am Speicher und unternahm einen ersten Test mit Silikon.
In luftiger Höhe inspizierte Barara Caveng am Freitag das Relief am Speicher und unternahm einen ersten Test mit Silikon. Stefan Schwill
Mit einer Drehleiter ließ sich die Künstlerin hoch zum Relief fahren. Höhenangst hat sie nicht.
Mit einer Drehleiter ließ sich die Künstlerin hoch zum Relief fahren. Höhenangst hat sie nicht. Lana Svirezheva
Geschichte

Kunst mit Getreide-Relief vom Nazi-Speicher geplant

Ran an die spannende Geschichte des Pasewalker Bahnhof-Areals: In rund zehn Metern Höhe hat Barbara Caveng ein besonderes Relief an einem alten Silo untersucht.
Pasewalk

Den ersten Schritt ihres neuen Projekts hat Barbara Caveng geschafft. Mit einer Drehleiter fuhr sie am Freitag an der Fassade eines alten Speichers in der Nähe des Pasewalker Bahnhofs hoch. In rund zehn Metern Höhe vermaß und fotografierte sie dort das riesige Getreide-Relief und bereitete einen ersten Silikon-Abguss vor.

„Es war schön. Toll, das Teil aus der Nähe zu sehen und total interessant, wie es gemacht ist“, sagte die 58-Jährige, als sie nach dem mehrstündigen Unterfangen wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Das Relief sei samt Umrandung drei Mal drei Meter groß. Die Ähren, die sie als Brot nachbacken möchte, seien bis zu 2,30 Meter lang. Ganz genau habe sie sich jedes Detail angesehen, fotografiert und eingeprägt. Was sie unten schon ahnte, habe sich oben bestätigt. Der Wandschmuck bestehe aus sehr grobem Putz als Untergrund. Die Ähren seien aus Putz geformt, auf den eine Art Fliesen geklebt wurden – „Keramikteile, gebrannte Tonziegel, möglicherweise ganz alte Dachziegel“. „Das ist keine filigrane Stuckateurs-Arbeit, sondern spannende Formensprache in ganzer Direktheit.“

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Wurde in Vorbereitung auf Zweiten Weltkrieg gebaut

Speicher und Relief würden wohl aus Zeiten des Nazi-Regimes stammen, aus den 1930er-Jahren. Das bestätigte Ulrich Zimmermann. Der 72-Jährige ist in Pasewalk geboren und aufgewachsen und ist überzeugt, dass das Gebäude ein „nationalsozialistisches Silo“ war. „Mit Sicherheit, ich kannte das schon als kleiner Junge, als noch Pferdewagen dort fuhren. Das wurde in Kriegsvorbereitung von den Nazis als Lager errichtet.“ Nur das riesige Silo an der Umgehungsstraße stamme vom Ende der 60er-, Anfang der 70er -Jahre. Alle anderen Speicher in der Bahnhofsgegend seien älter und Teil der damaligen Heeresversorgungsanlage gewesen, berichtet der Pasewalker. Neben dem Relief, dem die Frau mit dem Künstlernamen barbara caveng ihre Aufmerksamkeit widmet, sei auch der Schriftzug „Deike“ an dem Gebäude zu erkennen. Das sei eine alteingesessene Firma gewesen, die bei Rollwitz eine angesehene Landwirtschaft betrieben habe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Versuch unternommen worden, einen Speicher zu sprengen. Ob genau dieser oder ein anderer Speicher in der Nähe hatte vernichtet werden sollen, wisse er nicht genau. Jedenfalls sei die Sprengung nicht gelungen. Das Gebäude sei nicht kaputt zu kriegen und sein Keller so tief, wie es hoch ist. Von solchen gewaltigen Kellern unter Speichern hatte Barbara Caveng auch schon gehört. „Die wurden damals wie Bunker gebaut, unzerstörbar.“ Die Tatsache, dass Nazi-Kunst ein wesentlicher Bestandteil ihres neuen Projekts ist, schrecke sie nicht ab – im Gegenteil.

„Ich finde, das passt wahnsinnig gut in den aktuellen politischen Kontext.“ Wenn man bedenke, wie wichtig Getreide für die Menschheit ist, dass Russlands Präsident Wladimir Putin Nazis als Grund für seinen Angriff der Ukraine vorgab, und wenn man beachte, dass Getreide knapp wird und sich möglicherweise eine Hungersnot anbahne, falle ihr kein passenderes Objekt für ihre Kunst ein als ausgerechnet die Getreide-Ähren am Nazi-Speicher in Pasewalk. Das gesamte Bahnhofsareal mit der Nähe zur Uecker atme Geschichte. Dort seien mal uralte Siedlungsreste gefunden worden. „Das ist Pasewalks ältester Platz der Niederlassung von Menschen“.

Relief soll gebacken werden

Bevor sie die Korn-Ähren aus Silikon-Backformen nachgebildet haben und am Ende ein Brot in Originalgröße des Reliefs vorliegen wird, sei noch einiges zu tun. Zunächst wolle sie den Wandschmuck in seinen originalen Maßen auf Papier drucken lassen, was ihr als weitere Arbeitshilfe diene. Auf eine äußerste Spitze einer Ähre habe sie am Freitag schon Silikon aufgebracht. Sie werde wohl noch einige Male hinauf zum Motiv fahren.

„Ich freue mich total auf die weiteren Schritte.“ Sie sei sehr froh, sich an das ehrgeizige Projekt gewagt zu haben und sei sich ziemlich sicher, dass es ihr gelingt. Diese Art von bildhauerischer Arbeit mache ihr Freude. „Mich dem Objekt anzunähern, es kennen zu lernen – ich habe ein gutes Grundgefühl. Mich macht der Prozess glücklich.“

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Kommentare (2)

Alte Nazi-Ähren!

Dieses Relief - in seiner Ausführung ganz und gar ungewöhnlich - ist nichts Geringeres als das Meisterwerk eines längst schon vergessenen Maurers.