Computer, Konsolen, Smartphones – viele Menschen leiden unter Mediensucht.
Computer, Konsolen, Smartphones – viele Menschen leiden unter Mediensucht. Nigel Treblin
Dr. Tino Meitz hat wissenschaftlich erforscht, welchen Einfluss die Nutzung von Medien wirklich auf die Entwicklung von Kinder
Dr. Tino Meitz hat wissenschaftlich erforscht, welchen Einfluss die Nutzung von Medien wirklich auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat. Mathias Scherfling
Experten-Vortrag

Mediensucht – Panikmache oder berechtigte Sorge?

In Pasewalk hat ein Experte der Uni Münster ein differenziertes Bild des Medienkonsums von jungen Menschen gezeichnet – und Bestseller-Autor Manfred Spitzer widersprochen.
Pasewalk

Wenn irgendwo auf der Welt an einer Schule ein Amoklauf passiert, sind Medien und Politiker schnell dabei – neben Verboten von Waffen – auch die sogenannten Killerspiele verbieten zu wollen. Auch wenn Arztverbände vor der Mediensucht warnen, ist deren Wirkung wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Damit sollen die Probleme eines exzessiven Konsums aber nicht kleingeredet werden. Genau diese Lücke suchte Dr.  Tino Meitz mit seinem Vortrag in der Marienkirche Pasewalk zu schließen. Veranstaltet wurde der Vortrag von den Freunden und Förderern eines Europa-Kolleg Pomerania.

Dr. Tino Meitz hat wissenschaftlich erforscht, welchen Einfluss die Nutzung von Medien wirklich auf die Entwicklung von Kinder

Nach Meinung des Kommunikationswissenschaftlers von der Universität Münster ist das Thema Mediennutzung gerade mit den Einschränkungen von Corona öffentlich geworden. „Je komplexer die Medienwelt ist, desto komplexer wird auch die Fragestellung. Es gibt nicht nur Zeitungen, Radio oder Fernsehen. Wir sprechen heute über eine Medienumgebung, die eine Vielfalt von Gefahren, aber auch Möglichkeiten birgt“, eröffnete Meitz seinen Vortrag.

Darin beschäftigte er sich mit drei Fragestellungen. Erstens mit Medien und Gewalt. An zweiter Stelle mit prosozialem Verhalten. Damit sind Verhaltensweisen gemeint, die im weitesten Sinne anderen Menschen helfen sollen – also das Gegenteil von antisozialem Verhalten. Abschließend beschäftigte sich Meitz mit dem populärwissenschaftlichen Thema Bildungsdämmerung. Dabei ging es darum, inwiefern Medien eine Wirkung auf Allgemeinbildung haben.

Kinder und Jugendliche eher beeinflussbar

„Wenn wir uns mit Gewalt in Medien beschäftigen, stellt sich die Frage, ob Gewalt enthaltende Inhalte zuträglich für die Entwicklung unserer Kinder sind.“ Dabei müsse beachtet werden, dass es eine wissenschaftliche, aber auch eine öffentliche und politische Debatte gebe. Leider beherrsche die politische Debatte die Medien. Fest stehe aber, dass Kinder und Jugendliche eher von Medien beeinflusst werden als gesetzte Menschen. „Wir sehen, dass beispielsweise stark gewalthaltige Medien kurzfristig bei Personen mit einer Disposition zur Aggression Auswirkungen haben. Ebenso können Erregungszustände unmittelbar dazu führen, potenziell impulsive Handlungen zu beeinflussen.“

Aber es gebe noch unzählige weitere Faktoren. Beispielsweise bestehende Verhaltensstrukturen, also Neigungen, Situationen als Provokation wahrzunehmen – sich also angegriffen zu fühlen. „Menschen mit wenig Vertrauen in sich selbst glauben nicht, dass sie einer bestimmten Situation ohne Gewalt gewachsen sind. Im Gegensatz dazu reagieren Menschen mit einem moralischen Wertesystem weniger gewaltbereit“, war sich Tino Meitz sicher.

Prosoziales Verhalten bedeute, etwas mit der Intention auszuführen, anderen Personen oder Gruppen zu helfen. Dieses könne durch gewalthaltige Medien zu einer emotionalen Desensibilisierung und dem Verlust von Empathie führen. „Wenn sich dieser Konsum bei Kindern und Jugendlichen normalisiert, müssen wir schon aufpassen, welche Auswirkungen das auf das prosoziale Verhalten hat.“ Die Kehrseite sei aber, dass Medien nur ein Abbild der Umwelt seien. Neben Gewaltspielen gebe es auch neutrale (Tetris) oder prosoziale (Lemminge) Spiele. „Medien sind wie eine Petrischale. Es kommt immer darauf an, welche Funktion wir diesen Medien geben. Genauso wie es Aspekte von Gewalt in Videospielen gibt, bieten sie aber auch sehr interessante Aspekte“, betonte der Wissenschaftler.

Populäre Thesen nicht haltbar

Am Ende ging Tino Meitz auf die populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen von Manfred Spitzer ein. Mit Büchern wie „Digitale Demenz – Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen“ schüre Spitzer Ressentiments gegenüber digitalen Medien. Der Wissenschaftler sieht indes keinen sicheren Beleg für negative Effekte. Auch die Förderung der Vereinsamung sei empirisch nicht haltbar. „Nach derzeitigem Kenntnisstand sind Spitzers schrille Thesen in keiner Wiese belegt. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse beruhen nicht auf aktuellem Tagesgeschehen. Was wir brauchen, ist Zeit, um langfristige Effekte und Veränderungen sichtbar zu machen. Wissenschaft sichert Erkenntnisse über teils lange Zeiträume.“

Als Beispiel für das positive Potenzial von Medien nannte Meitz das „Blended-Learning.“ Bei dieser Kombination aus virtuellen und klassischen Lehrmethoden – wie sie vermehrt während der Corona-Pandemie zum Einsatz kam – seien höhere Lerneffekte beobachtet worden als im klassischen Unterricht. „Bislang waren die Probanden in der Regel Erwachsene. Bei Kindern und Jugendlichen muss das noch erforscht werden.“

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