Adolf Hitler war im Herbst 1918 Patient in Pasewalk.
Adolf Hitler war im Herbst 1918 Patient in Pasewalk. Archiv
Regisseur Udo Flohr (links) ist in der Region kein Unbekannter: Hier ist er im Jahr 2019 bei Dreharbeiten in Stavenhagen f&uum
Regisseur Udo Flohr (links) ist in der Region kein Unbekannter: Hier ist er im Jahr 2019 bei Dreharbeiten in Stavenhagen für seinen Film „Effigie – Das Gift und die Stadt” zu sehen. Eckhard Kruse
Psychiatrie

Nahm Adolf Hitlers Wahn in Pasewalk seinen Ursprung?

Adolf Hitler war als Gefreiter am Ende des Ersten Weltkriegs in psychiatrischer Behandlung in Pasewalk. Dort liegt vielleicht die Basis für seine Allmachtsphantasien. Stoff für einen Thriller!
Pasewalk

Es waren nur 28 Tage im Herbst 1918 in Pasewalk. Doch nach Meinung einzelner Historiker entschieden sie über das Schicksal der Weltgeschichte. Im dortigen Reservelazarett wurde ein gewisser Adolf Hitler, seines Zeichens willfähriger Frontgefreiter im Ersten Weltkrieg, wegen einer Senfgasvergiftung der Augen behandelt. Eigentlich bereits geheilt soll der Mann bei Bekanntgabe der Kapitulation Deutschlands erneut in eine tiefe Depression mit hysterischer Erblindung verfallen sein.

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Hypnose Schuld an Hitlers Rassenwahn?

Der Neurologe Edmund Forster habe Hitler daraufhin mittels Hypnose geheilt. Und suggerierte ihm – so der Mythos – durch das „Wunder“ der Heilung jenes Omnipotenzgefühl und Sendungsbewusstsein, das die Welt in Schrecken versetzen sollte. Denn unseligerweise soll Hitlers Arzt seine Hypnose nicht ordnungsgemäß zu Ende ausgeführt haben. Hitler selbst stellte seinen Lazarettaufenthalt später als Wende in seinem Leben dar – als intensives Erleben der plötzlichen Gesundung verbunden mit einer politischen Vision...

Soweit die These Bernhard Horstmanns in seinem Buch „Hitler in Pasewalk. Die Hypnose und ihre Folgen“, basierend hauptsächlich auf überlieferten Augenzeugenberichten. Denn die Krankenakten des späteren Diktators galten bereits Ende der 1920 Jahre als verschwunden.

Wissenschaftsjournalist Udo Flohr will nun daraus einen Film machen. 2019 kam er mit dem in Stavenhagen und Behren-Lübchin gedrehten Low-Budget-Erstling „Effigie – das Gift und die Stadt“ in gleich mehreren Kategorien in die Vorauswahl für Oscar-Nominierungen. Flohr bewies damit eine besondere Passion für psychiatrische Themen. Beruht doch der Stoff für seinen Film auf dem authentischen Fall der Bremer Serien-Giftmörderin Gesche Gottfried, die am sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom litt – Menschen, die Familienmitglieder krank machen, um Aufmerksamkeit zu erregen.

„Unwertes Leben” als Kanonenfutter

Jetzt reizt ihn Hitlers mögliche Psychiatrie-Behandlung in Pasewalk. Die Idee, die bislang weniger bekannten Spekulationen in eine Filmhandlung einzubauen, hatte der Psychiatrieprofessor Ulrich Sachse, seinerzeit wissenschaftlicher Berater für Effigie – und Darsteller des Bremer Bürgermeisters. Sachse gilt als Spezialist für Täter und Täterinnen mit einem ähnlichen Krankheitsbild wie Gesche Gottfried. Seit einiger Zeit arbeitet der über 70-Jährige mit Flohr an einem Drehbuch.

Der paradoxe Hintergrund: Hitler ließ Psychiatrie-Patienten systematisch ermorden. Wie passt diese ”Vernichtung unwerten Lebens“ dazu, dass er womöglich selbst wegen einer psychischen Störung behandelt wurde? Das grausige Thema „Euthanasie“ kam übrigens nicht erst mit der Nazi-Herrschaft auf, weiß Udo Flohr: Bereits im Ersten Weltkrieg forderten Funktionäre, psychisch Kranke als „Kanonenfutter“ an die Front zu werfen. „Unwertes Leben“ sollte dem deutschen Volk nichts wegessen – die Nazis setzten diesen Gedanken mit grausamem Fanatismus um.

Bei seinem neuen Filmprojekt soll es aber nicht primär um Hitler gehen, betont Udo Flohr. Vielmehr ist die Legende um Hitler in Pasewalk nur Ausgangspunkt eines internationalen Agententhrillers: angeblich ließ Hitler Mitwisser seiner geheimen militärischen Krankenakte – die ihn ja als Psychiatrie-Patienten entlarvt hätte – liquidieren. Stabsarzt Forster beging 1933 Selbstmord. Teile der Akte aber soll der Mediziner zuvor einem Pariser Emigrantenkreis übergeben haben … die wiederum Agenten der Alliierten kontaktierten.

Filmproduktion noch am Anfang

Die Filmgeschichte soll zum Ende des Ersten Weltkriegs beginnen und greift auch die Goldenen Zwanziger auf – hier darf man also auf Szenen ähnlich der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ hoffen. Die internationale Rahmenhandlung spielt in Reykjavik – doch aus Kostengründen werden nur wenige Szenen in Island gedreht. Die meisten Filmsets entstehen, wie schon bei „Effigie“, in mecklenburgischen Gutshäusern. Weitere Handlungsorte wären die Uniklinik Greifswald und natürlich Pasewalk.

Die Realisierung des Projekts ist allerdings erst einmal, wie so vieles, Corona-bedingt eingefroren, ließ Udo Flohr wissen. Mit einem Produzenten, der schon größere Hollywood-Produktionen umgesetzt habe, hatte es eigentlich bereits zur Berlinale 2020 ein Treffen geben sollen. Dieser hatte „Effigie“, der in den USA schon in den Kinos lief, gesehen und Interesse bekundet, in letzter Minute das Treffen jedoch abgesagt. Auch aus einem Start der Dreharbeiten im Herbst 2020 wurde so nichts. Als Status quo sind derzeit nur weitere Arbeiten am Drehbuch möglich.

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