„Die vielen Tränen, das Heimweh und der Verlust von Freunden – das waren Momente, in denen ich ganz stark sei
„Die vielen Tränen, das Heimweh und der Verlust von Freunden – das waren Momente, in denen ich ganz stark sein musste.” Stefanie Escher 1999 bei einem Heimatbesuch in Ueckermünde und ein aktuelles Foto von ihr in Bonn. privat
Heimweh

Nur in der Heimat spürt sie dieses Gefühl von Freiheit

Stefanie Escher war damals die erste ihrer Clique, die aus Pasewalk fortgezogen ist. Heute sind sie alle weg. Doch auch 20 Jahre später spürt sie das Heimweh noch immer und denkt über eine Rückkehr nach. Dann kam plötzlich ein Angebot.
Neubrandenburg

Dieser Artikel stammt aus unserem neuen „Heimweh”-Newsletter. Er richtet sich an Menschen, die Mecklenburg, Vorpommern oder die Uckermark verlassen haben und der alten Heimat trotzdem die Treue halten wollen.

Am Ende des Textes finden Sie ein Kontaktformular, in dem Sie sich mit Ihrer Mailadresse anmelden können. Oder klicken Sie hier.

Alles begann mit einem Artikel im Nordkurier vor mehr als 20 Jahren. “Ich war damals 16 Jahre jung, stand kurz vor dem Abschluss der Realschule und wusste nichts mit mir anzufangen”, sagt Stefanie Escher, damals noch Kureck. Klar war ihr damals nur eines: “Die beruflichen Aussichten 1999 waren so schlecht, dass man vor Ort im Grunde nicht viel machen konnte.” An einem Tag im Frühjahr entdeckte sie dann in der Zeitung, die sie sonst nie las, diese Anzeige: “Als Aupair-Mädchen nach Bonn mit anschließender Wunschausbildung garantiert”. Spontan hatte sie sich beworben und wurde sofort genommen.

Auf der ersten Fahrt von Pasewalk nach Bonn, in das Zentrum der alten Bundesrepublik, bemerkte das junge Mädchen aus dem Osten, wie weit weg das doch eigentlich war. “Jugendlicher Leichtsinn oder so etwas in der Art ließ mich aber ganz zuversichtlich in meine Zukunft sehen.” Sie kam bei einer Arztfamilie unter und kümmerte sich dort ein Jahr lang um die Kinder. “In dieser Zeit habe ich viel geweint und hatte Heimweh, wie ich es vorher noch nicht kannte. Ich vermisste alles: Die frische Luft, das Essen meiner Oma und meine Freunde”, sagt Stefanie Escher heute. Damals sei sie die erste aus ihrer Clique gewesen, die gegangen ist und bekam dafür ein oder anderen Spruch zu hören, wenn sie auf Heimatbesuch war. Inzwischen seien aber alle weg. Meist nach Berlin, Hamburg oder Niedersachsen. Das große Wiedersehen wurde immer zum Ende des Jahres beim “Weihnachtstanz” im Kreiskulturhaus gefeiert. “Da hatte ich immer Gänsehaut”, sagt Escher. Die Partys gibt es heute nicht mehr und das Kreiskulturhaus auch nicht.

Angekommen in Bonn lernte die damals 16-Jährige schnell die kleinen Unterschiede kennen. Die Familie war wohlhabend und es erschien irgendwie exotisch, jemanden aus der ehemaligen DDR zu sich zu holen. “Hattet ihr da drüben wirklich keine Bananen?” Fragen wie diese soll es tatsächlich gegeben haben. Für die Kinder, so erinnert sich Escher, galten viele Dinge als selbstverständlich, die für sie etwas besonderes waren.

Dieses tiefe gegenseitige Verständnis

Durch Zufall lernte sie weitere Mädchen aus ihrer Heimat kennen. “Sie kamen aus Torgelow und Stavenhagen und so ich fühlte mich mehr und mehr irgendwie verstanden.” Dieses Gefühl spürt die inzwischen 38-Jährige bis heute, wenn sie Menschen trifft, die auch in der DDR gelebt haben. “Man fühlt sich”, sagt sie dazu. Es gibt ein gegenseitiges Verständnis, dass sie mit anderen Menschen nicht so schnell entwickeln kann. Es habe lange gedauert, bis sie auch Freundschaften zu Menschen aus dem Westen aufgebaut hat. Mit dem Karneval hat sie sich erst vor fünf Jahren so richtig angefreundet. “Aber jetzt liebe ich es!” Ihre beste Freundin kommt aus Frankfurt/Oder.

Nach dem Aupair-Jahr begann für sie die versprochene Wunschausbildung in einer Anwaltskanzlei. Sie fasste endgültig Fuß in Bonn und richtete sich ihre erste Wohnung ein, was Jahre dauerte. Sie ging dafür oft neben der Ausbildung arbeiten, um das Geld zusammenzubekommen. Sie wollte sich das alles selbst erarbeiten, wie sie heute betont. Eine schwere Zeit: Die ersten Jahre fuhr fast jedes Wochenende mit dem Wochenendticket (Bonn-Berlin für 69 DM) nach Hause. “Aber es war besser als in der Heimat ohne Arbeit und Ausbildung zu sein.”

Damals lernte sie auch den Vater ihrer vier Kinder kennen. Er kommt aus dem Spreewald. Heute lebt sie mit einer Frau zusammen, sie kommt aus NRW. Zusammen mit den Kindern leben sie in einem Dorf in der Nähe von Bonn. Stefanie Escher arbeitet im Bundesamt für Justiz und treibt ihre Karriere voran, in dem sie nebenbei Jura studiert. “All das hätte ich nicht gehabt, wäre ich geblieben. Aber die vielen Tränen, das Heimweh und den Verlust von Freunden – das waren Momente, in denen ich ganz stark sein musste.”

Solidarität, die es woanders nicht gibt

Mehrmals im Jahr kommt sie heute zum Urlaub in den Nordosten. Das Heimatgefühl setzt meistens ein, wenn sie bei Hamburg auf die A20 abbiegt. “Das Rheinland ist wunderschön”, betont sie. Doch richtig vertraut fühle sie sich erst, wenn sie wieder in diesem weiten, unbebauten Land mit seinen Seen und Feldern sei. Ein Gefühl von Freiheit. Zudem seien die Menschen hier ehrlicher, direkter. Die rheinische Freundlichkeit sei eben oft auch Fassade, wie sie gelernt hat. Werte wie Solidarität würden im Osten eine viel größere Rolle spielen. “Im Urlaub zeige ich meinen Kindern und meiner Partnerin die Schönheit unseres Landes. Jedes Mal fahre ich mit einem weinenden Auge wieder weg und bin traurig, dass ich ‘zu Hause’ beruflich zu der damaligen Zeit nichts werden konnte.”

Aus heutiger Sicht fände sie es aber “nicht richtig”, wieder nach MV zu ziehen. Ihre Kinder sollen dort aufwachsen, wo sie auf die Welt gekommen sind. Für die Zeit danach will sie aber nichts ausschließen. Im November musste sie plötzlich sehr spontan sein: Um die Gesundheitsämter bei der Corona-Nachverfolgung zu unterstützen gibt es ein Programm, bei dem sich bundesweit Beamte für drei Monate freiwillig melden können. “Sofort hatte ich den Gedanken, nach Pasewalk zu gehen.” Sie wollte in der Krise helfen und zwar unbedingt in Mecklenburg-Vorpommern. Sie lotete aus, wo sie unterkommen kann und ob der Vater so lange die Kinder übernimmt. Letztendlich wurde nichts aus dem Plan, doch einmal mehr dürfte er diese tiefe Verbundenheit gezeigt haben, die noch immer da ist.

Sie wollen mehr solcher Geschichten lesen? In unserem kostenfreien Newsletter für Weggezogene berichten wir über Hiergebliebene, Zurückgekehrte und alle, die etwas zu erzählen haben. Dazu zeigen wir die schönsten Seiten der Region und geben Tipps für den nächsten Heimatbesuch. 

Hier für den Newsletter anmelden 

Wir nutzen Ihre E-Mail-Adresse, um Ihnen unseren Newsletter wöchentlich über unseren Anbieter Revue zu schicken. Sie erhalten zunächst eine E-Mail, um Ihre Adresse zu bestätigen. Sie können den Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Mit der Anmeldung bestätigen Sie, die Hinweise zum Datenschutz und zur DSGVO gelesen und zur Kenntnis genommen zu haben und mindestens 16 Jahre alt zu sein.

Heimweh - der Newsletter für Weggezogene

Der wöchentliche Überblick für alle, die den Nordosten im Herzen tragen. Im kostenfreien Newsletter erzählen wir jeden Montag die Geschichten von Weggezogenen, Hiergebliebenen und Zurückgekehrten und zeigen, wie die Region sich weiterentwickelt.

Jetzt schnell und kostenfrei anmelden!

zur Homepage