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Nur wer nicht hilft, wird bestraft

Arbeitsteilung: Nachdem Jürgen Desombrè den Brustkorb gedrückt hat, beatmet die Oberärztin die Puppe. [KT_CREDIT] FOTO: A. Stegemann

VonAngela StegemannWie geht noch mal stabile Seitenlage? Oder die Herz-Druck-Massage?Wer zur ersten Mittwochs- vorlesung der Pasewalker Asklepios-Klinik ging, ...

VonAngela Stegemann

Wie geht noch mal stabile Seitenlage? Oder die Herz-Druck-Massage?
Wer zur ersten Mittwochs- vorlesung der Pasewalker Asklepios-Klinik ging, der erinnerte sich wieder.

Pasewalk.Liesbeth Zichner rechnet nach. Ihr letzter Erste-Hilfe-Lehrgang ist 43 Jahre her. Da machte sie die Fahrerlaubnis. Zeit, alles einmal aufzufrischen, fand sie. Daher kam die erste Mittwochsvorlesung an der Klinik gerade recht. Eine kleine Senioren-Runde fand sich ein. Karin Busse, Oberärztin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, nahm allen schnell die Scheu. Die Diplommedizinerin ist seit 1986 auch Notärztin, eine Frohnatur und wusste Etliches zu berichten.
So änderte sich das Wissen über die Reanimation in den zurückliegenden Jahren rapide, merkten die Teilnehmer schnell. Einem Unfallopfer oder einem im Haushalt Verunglückten den Puls kontrollieren, einen Spiegel zur Kontrolle der Atmung vorhalten? Alles nicht mehr aktuell. Nur dass man den Betroffenen laut anspricht, und so merkt, ob er bei Bewusstsein ist, das ist geblieben. Bei der Wiederbelebung wird mit der Herz-Druck-Massage begonnen. Optimal wären 100-mal in der Minute. Nach 30-mal drücken sollte zweimal beatmet werden. „Wichtig ist, dass sie sich beispielsweise an einer Unfallstelle Hilfe suchen“, meint die Ärztin. Dabei sollte man Leute konkret ansprechen. Während die Wiederbelebungsversuche laufen, gilt es unter der 112 Hilfe zu holen. Das alles hört sich sehr fachmännisch an. Die Oberärztin ermunterte aber zu helfen. „Bestraft werden Sie nicht dafür, dass Sie beim Retten etwas falsch gemacht haben, sondern wenn Sie gar nicht geholfen haben“, erklärte sie. Unterlassene Hilfeleistung kann einen für ein Jahr ins Gefängnis bringen.
Angesichts der weiten Entfernungen im Großkreis bat Karin Busse auch, trotz aller Aufgeregtheit einen Rettungsruf präzise abzusetzen. Das fängt schon beim Ort an. Damerow beispielsweise gibt es allein in Mecklenburg-Vorpommern fünfmal, außerdem im benachbarten Brandenburg. Da Straßen nicht immer gut ausgeschildert sind, sollte gut beschrieben werden, wie das Haus, in dem der Rettungsdienst herbeigesehnt wird, aussieht. Kurz und präzise muss gesagt werden, was passiert ist, wie viele Leute verletzt sind. Und man sollte für einen Rückruf am Telefon bleiben. Wenn jemand den Rettungsdienst ruft, weil es beispielsweise einem Angehörigen schlecht geht, sich die Diagnose aber nicht bewahrheitet, wird niemand bestraft. „Nur wenn man den Notdienst wissentlich missbraucht“, sagt Karin Busse. Dass sei glücklicherweise aber seit die Telefonnummern auf den Displays zu sehen sind, zurückgegangen. Da kam es schon mal vor, dass solche „Spaßmacher“ den Einsatz bezahlen mussten. Und der kostet zwischen 900 und 1200 Euro.
Dann wird es praktisch: Jürgen Desombrè versucht sich mit der Ärztin bei Wiederbelebungsversuchen an einer Puppe: „Ganz schön anstrengend.“ Und hat auf alle Fälle dazugelernt, dass man mit der Wiederbelebung erst aufhören soll, wenn der Rettungsdienst vor Ort ist.