GEDENKVERANSTALTUNG

Penkun erinnert an die Deportation der Juden

Penkun erinnerte am Donnerstag an die Deportation jüdischer Mitbürger vor 80 Jahren. Die Kirchgemeinde wählte dafür einen besonderen Ort: Die ehemalige Betstube in der Sandkuhlstraße 8.
Das einstige Bethaus der jüdischen Mitbürger Penkuns in der Sandkuhlstraße war Ort des Gedenkens an den Beginn
Das einstige Bethaus der jüdischen Mitbürger Penkuns in der Sandkuhlstraße war Ort des Gedenkens an den Beginn der Judendeportation in Pommern. Rainer Marten
Penkun.

Romanische Fensterbögen sind ungewöhnlich in der Region. Kirchen, gelegentlich ältere Gebäude der Wasserwirtschaft oder der Energieversorgung weisen sie bisweilen auf. An Wohnhäusern findet man derartige Bögen selten bis nie.

Die drei romanischen Fensterbögen an dem kleinen Gebäude in der Penkuner Sandkuhlstraße Nummer 8 vermitteln deshalb sofort das Gefühl: Hier handelt es sich um ein besonderes Haus. Eine Tafel aus dem Jahre 2007 schafft Klarheit: Das Gebäude ist das einstige Bethaus der jüdischen Bürger Penkuns.

In dem Haus beten seit 80 Jahren Bürger jüdischen Glaubens nicht mehr. An gewöhnlichen Tagen ruhen in dem vier mal fünf Meter großen Raum die Rettungssanitäter. Das Haus gehört heute zum Komplex der DRK-Rettungswache in Penkun. Der vergangene Donnerstag war allerdings keiner dieser gewöhnlichen Tage in dem Haus. In dem Zimmer zur Sandkuhlstraße brannten Kerzen, entzündet von Mitgliedern der evangelischen Stadtgemeinde. Pfarrer Bernhard Riedel hatte seinen schwarzen Talar angelegt.

Pfarrer erinnert an die Vertreibung und Deportation vor 80 Jahren

Rund 35 Penkuner und Gäste der Stadt drängten sich in dem kleinen Zimmer und auf dem Korridor. Dann viel Stille... Die Stadtgemeinde hatte an diesem ungewöhnlichen Ort zum Gedenkgottesdienst eingeladen. Grund ist das Geschehen im Februar 1940. „Wir möchten heute an die Ereignisse vor 80 Jahren erinnern. In der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1940 begann in Pommern die Deportation der Juden“, sagte der Pfarrer. Für ihn kam an diesem Tag für das Gedenken kein anderer Ort als das frühere Bethaus in Betracht.

Penkun war damals keine Hochburg mehr für Menschen jüdischen Glaubens. Das war um 1858 anders, als rund 60 Juden in der Stadt lebten. Danach sank die Zahl durch Verzug und Auswanderung; um 1940 zogen sich die letzten jüdischen Familien der Stadt in Stettin zurück. Doch auch da ereilte die einstigen Penkuner Mitbürger dasselbe Schicksal wie ihre Glaubensgenossen.

NSDAP-Mitglieder sollen „mit Härte und Sorgfalt” gegen Juden vorgehen

Auf die Ereignisse ging Dietmar Roglitz om einem Bereicht ein: 12. Februar 1940. Um Punkt 20 Uhr verschaffen sich in Stettin von der NSDAP-Kreisleitung ausgewählte Parteimitglieder Zugang zu den Wohnungen jüdischer Bürger. Ihr Auftrag ist auf einem Merkblatt geregelt. Sie sollen helfen, den Regierungsbezirk Stettin „judenfrei“ zu machen. Sie sollen dabei mit Härte und Sorgfalt vorgehen, heißt es auf dem Blatt.

Den Betroffenen wird wenig Zeit zugestanden, ihre Vermögenswerte zur „treuhänderischen Verwahrung“ aufzulisten und persönliches Gepäck zusammen zu suchen. Zwischen 3 und 6 Uhr brechen sie am 13. Februar zum Stettiner Güterbahnhof auf. Dort werden die Juden in ausrangierte Waggons, zusammen mit den bereits zuvor aus dem Stettiner Umland deportierten jüdischen Familien, gesteckt.

Viele Menschen sterben, Gliedmaßen werden amputiert

Überliefert ist, dass aus Löcknitz 20 Personen, Pasewalk 12 bis 14, Anklam 34 Personen betroffen sind. Über Tage fährt der Zug bis zur polnischen Kleinstadt Lublin. Dort werden alle auf die Orte Bełzyce, Piaski und Głusk verteilt. Auf dem Marsch dorthin sterben viele Menschen, wegen Erfrierungen müssen Gliedmaßen amputiert werden.

Am „Ziel” angelangt, bleibt es den pommerschen Juden überlassen, Quartiere zu finden. Lebensmittel fehlen, die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Bis heute liegen, neben dem antisemitischen Rassenwahn, keine eindeutigen Belege für die Motive dieser frühen Aktion vor. Möglicherweise sollten die Stettiner Wohnungen der Juden aus kriegswirtschaftlichen Gründen enteignet werden. Die Stettiner Vulkanwerft wurde seit 1938 groß aufgebaut, im Ausbau befand sich auch das Pölitzer Hydrierwerk.

Die Berichte wurden von Musik unterbrochen. Friedericke Ohse aus Pasewalk spielte auf dem Cello Stücke von Bach, Martinů, Block, Bartholdy. An diesem Abend wurde deutlich, was Menschen anderen Menschen antun können. Es geht nicht nur um Erinnerung, sagte Penkuns erster stellvertretender Bürgermeister Edmund Geiger. Es geht an einem solchen Tag auch um die Verantwortung für die Zukunft.

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