"SCHULDIKTATUR" UND "DUCKMÄUSERTUM"

Kein Ende der Probleme an Pasewalker Gymnasium in Sicht

Weil im Abi 2019 ein Drittel des Jahrgangs durchgefallen war, hat das MV-Bildungsministerium eine Prüfungskommission ans Oskar-Picht-Gymnasium geschickt. Doch ist dies mit der bisherigen Schulleitung sinnvoll?
Der Namengeber der Schule: Der Pasewalker Erfinder Oskar Picht
Der Namengeber der Schule: Der Pasewalker Erfinder Oskar Picht Marlis Tautz
Pasewalk.

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Noch immer ist offen, wie und wann die prekäre Lage am Oskar-Picht-Gymnasium Pasewalk entschärft wird. Nachdem im Sommer ein Drittel des Abitur-Jahrgangs durchgefallen war, hatte Anfang des neuen Schuljahres ein Team von Fachleuten an der Schule hospitiert, um Ursachen für den Leistungseinbruch zu ermitteln. Der Abschlussbericht sei fertig, beschied das Bildungsministerium auf Nachfrage. Nunmehr seien „Maßnahmen in Abstimmung“.

Unter den Schülern der 11. und 12. Klassen wächst unterdessen die Sorge, ihr Abitur könnte ähnlich schlecht ausfallen wie das ihrer Vorgänger. „Ich fühle mich nicht auf das Abitur vorbereitet“, sagt ein Junge aus Klasse 12. Immer mehr Betroffene sprechen mittlerweile über die Probleme, bitten jedoch aus Sorge vor negativen Konsequenzen darum, ihre Namen nicht zu veröffentlichen. Zum einen schildern sie Umstände, mit denen auch andere Schulen angesichts der grassierenden Personalnot kämpfen: Unterrichtsausfall, der durch Selbststudium kompensiert werden muss, häufige Lehrerwechsel und eine wachsende Zahl von Seiteneinsteigern, die sich neben dem Fachunterricht pädagogisch fortbilden müssen. Ein Pasewalker Schüler berichtet, dass er in sechs Jahren sechs Chemielehrer hatte. Einer Schülerin zufolge fielen die Hälfte aller Geschichtsstunden aus.

Schule ist für viele kein Ort mehr zum Wohlfühlen

Zum anderen wird in Pasewalk immer wieder ein extrem schlechtes Schulklima beklagt. Schüler und Eltern beschreiben ein „System von Unterdrückung“, eine „Schuldiktatur, die Angst, Duckmäusertum und Resignation erzeugt“. Seit sich der beliebte Schulleiter im Sommer 2015 in den Ruhestand verabschiedet hatte, „ist die Schule kein Ort mehr, an dem man sich wohlfühlt“, sagt eine angehende Abiturientin. Ein Schul-Insider schreibt an den Nordkurier: „Die seit ihrem Antritt mehr als unglücklich agierende neue Schuldirektorin scheint mit aller Kraft darauf hinzuwirken, das einst beste Gymnasium der Region gegen die Wand zu fahren. Was ist von einer Leiterin im 21. Jahrhundert zu halten, die das Kollegium und ihre Schüler als Untergebene ansieht?“ Durch zweifelhafte Personalentscheidungen, so eine Mutter, seien Lehrer vergrault oder mundtot gemacht worden. „Die Verantwortlichen im Schulamt wissen das sehr genau“, sagt sie. Doch die Leiterin des Schulamtes Greifswald und die Schulleiterin schweigen seit Monaten hartnäckig.

Wie groß die Angst vor Repressalien ist, zeigte sich auch während der dreitägigen Recherchen der Untersuchungskommission. Schüler wurden aufgefordert, sich genau zu überlegen, was sie sagen. „Es hieß: Wir erfahren, wer redet“, so ein Schüler. Mehrere Eltern gaben an, dass ihre Kinder sie unbedingt davon abhalten wollten, mit den Experten zu sprechen – aus Angst vor den Folgen. Es herrscht, so ein Vater, „ein zerstörerisches Prinzip im Umgang miteinander an der Schule“. Die Schulelternvertretung sei kaltgestellt worden, „ein Verstoß gegen die Mitwirkungsrechte im Schulgesetz“. Dennoch fanden Eltern den Mut, sich zu positionieren. Als am Ende der Elterngesprächsrunde die Frage stand, ob eine Lösung der Konflikte mit der Schulleitung möglich sei, gab es ein mehrheitliches „Nein“, so berichten Beteiligte.

„Mögliche Änderungen werden uns nicht mehr betreffen“, heißt es im Brief einer Zwölftklässlerin. „Unsere Zeugnisse sind gezeichnet. Wir müssen mit Kritik der Lehrer leben, dass wir an allem Schuld sind. Wir, die ,zu wenig lernen‘, die ,kein Interesse zeigen‘, die ,Arbeit verweigern‘ oder ,zu dumm sind‘. Ich wende mich heute an sie, weil sich etwas ändern muss. Nicht nur für unsere Zukunft, sondern für unsere Nachfolger, die sich gar nicht mehr vorstellen können, wie ein Kollegium unterstützend arbeitet.“ Dabei will sie ausdrücklich jene Lehrer in Schutz nehmen, die sich trauen, durch leise Zwischentöne Kritik an der Schulleitung zu üben. „Es gibt gute und verständnisvolle Lehrer. Lehrer, die an uns glauben und uns antreiben. Sie müssen an dieser Stelle gelobt werden.“ Leider seien sie nur noch in der Unterzahl.

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Kommentare (2)

Bildunterschrift:
https://www.dwds.de/wb/Namengeber
https://www.korrekturen.de/flexion/deklination/Namensgeber/

"Doch ist mit der bisherigen Schulleitung sinnvoll?" Diesem Satz fehlt das Objekt, auf welches sich das Hilfsverb bezieht.

Im Grunde genommen offenbart dieser hervorragende Artikel (saubere Quellen, präzise Formulierungen), dass es nicht Probleme eines einzigen Gymnasiums sind, sondern es sind systemische Probleme im gesamten Bereich der Bildungsvermittlung innerhalb der Bundesrepublik Deutschland. Bildung ist stets gekoppelt an Aspekte und Elemente der Erziehung, beginnend in Elternhaus, Kindergarten, Hort, allgemeinbildenden und weiterführenden Schulen. An Universitäten müssen Vorsemester eingeführt werden, um die Wissensdefizite zu beseitigen, welche trotz des Überflusses an Abiturienten und Abiturabschlüssen mit Note 1 geblieben sind.

Das Oskar-Picht-Gymnasium gehört geschlossen, es hat seinen Ruf, qualitativ hochwertige Bildung und Erziehung zu vermitteln, eingebüßt.
Das Kollegium hat längst resigniert, wie soll da auf die Gymnasiasten motivierend eingewirkt werden können ? Stundenausfall, Quereinsteiger - das sind Armutszeugnisse ersten Ranges. Und offenbar ist selbst die Landesregierung nicht imstande, grundlegende Weichenstellungen vorzunehmen. Es fehlt einfach eine Strategie, die über eine Legislatur hinaus reicht. Sich ein Beispiel zu nehmen an Finnland, was für ein verlogenes Lippenbekenntnis. Finnland hat sein Bildungssystem am Bildungssystem der DDR orientiert und dieses übernommen. Aber das kann ja ein SPD- oder CDU-geführtes Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur nicht zugeben. 9 Minister/innen seit 1990 - quasi alle drei Jahre einen Wechsel an der Spitze - Kontinuität sieht anders aus.....

Wenn Eltern ihre Kinder dazu drängen Abitur zu machen und die Kinder dazu nicht in der Lage sind,liegt der Fehler nicht an der Schule. Es soll jeder Abitur machen auch wenn die Leistungen nicht vorhanden sind,soll die Schule das noch mit Fördermaßnahmen ausgleichen. Zu meiner Zeit haben eben nur die besten ein Abitur gemacht und es bedurfte keine Fördermaßnahmen seitens der Schule. Es ist einfach der Lehrerschaft den schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben.