EINGEWANDERTE TIERE

Waschbären entwickeln sich in Vorpommern zur Plage

Die Waschbär-Population ist in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert – ein Albtraum für Tierhalter. Die schlauen Allesfresser schaffen es sogar, Hühnerställe aufzubrechen. Was kann man tun, um die ungebetenen Besucher gar nicht erst anzulocken?
Waschbären sind nachtaktiv. Sie öffnen und fressen alles, was ihnen zwischen die Pfoten kommt. Hier die Nachtaufnahm
Waschbären sind nachtaktiv. Sie öffnen und fressen alles, was ihnen zwischen die Pfoten kommt. Hier die Nachtaufnahme einer Wärmebildkamera. Katja Richter
So sieht der Schädel eines Waschbären aus. Die Einwanderer haben sich zu einer Plage entwickelt.
So sieht der Schädel eines Waschbären aus. Die Einwanderer haben sich zu einer Plage entwickelt. Katja Richter
Pasewalk.

Die Geschichte klingt wie aus einem Kinderbuch und hätte vielleicht sogar das Zeug gehabt, ein Disney-Klassiker zu werden: 25 Waschbären entkommen in den letzten Weltkriegstagen aus einer Pelztierfarm im Brandenburgischen und finden in freier Natur einen neuen Lebensraum, so berichteten damals Zeitzeugen. Einen Lebensraum ohne natürliche Fressfeinde – was für ein Paradies! So weit, so gut, aber irgendwie meinte es Mutter Natur dann doch zu gut mit den katzengroßen Bären, die vor allem eines sind: unglaublich anpassungsfähig.

Während sich die Nachkommen jener unverwechselbaren Allesfresser, die demzufolge auch vor Aas nicht haltmachen und damit Krankheiten übertragen können, viele Jahre nur in Brandenburg vermehrten, berichten Naturfreunde und Jäger, dass sie seit einigen Jahren auch in Vorpommern immer öfter gesichtet werden. Mehr noch: In den vergangenen Jahren haben sie sich zu einer regelrechten Plage entwickelt, von der genervte Gartenbesitzer, Jäger, Bauern und Vogelfreunde ein Lied singen können.

Die einzigen Feinde sind der Straßenverkehr und die Jäger

„Alle in Europa vorkommenden Waschbären gehen auf Tiere zurück, die im 20. Jahrhundert aus Pelztierfarmen und Gehegen entkommen sind oder ausgesetzt wurden. In Hessen wurden beispielsweise 1934 lediglich zwei Paare ausgesetzt, die sich in den 1960er-Jahren bereits so stark vermehrt hatten, dass sie dort vom Staat bekämpft werden mussten“, weiß der vorpommersche Jäger Raul Schade. „Die ursprünglich in Nordamerika beheimateten Säugetiere scheinen sich in ihrer neuen Umgebung bei uns sehr wohl zu fühlen. Man nennt diese eingewanderten Tiere, die sich durch menschliche Einflussnahme in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie zuvor nicht heimisch waren, auch Neozoen“, fügt Naturschützer und Jäger Frank Joisten hinzu. „Einzige Gefahren der unheimlich klugen, aber auch furchtbar lästigen und großen Schaden anrichtenden Neuankömmlinge sind der Straßenverkehr und die Jäger“, weiß er.

Der Schaden, den Waschbären anrichten, kann enorm sein. So holte sich der dreiste Dieb beispielsweise vor einigen Wochen die jungen Schwalben aus einem Nest in einem Eggesiner Garten, und in einer Bungalowsiedlung in der Nähe von Ferdinandshof trieben zahlreiche Waschbären wochenlang ihr Unwesen. Sie plünderten nicht nur Vogelnester, sondern machten sich auch am Kompost und den Müllsäcken zu schaffen. „Waschbären können zudem komplette Dämmungen von Dachstühlen zerstören und sogar einzelne Dachziegel anheben, sodass, wenn dies nicht rechtzeitig bemerkt wird, ein enormer Wasserschaden droht“, sagt Raul Schade.

Schon 1966 wurde ein Waschbär bei Pasewalk beobachtet

„Dafür sind die Waschbären bekannt“, erklärt Frank Joisten. „Sie sind unheimlich geschickt mit ihren Händen und wahre Kletterkünstler. Waschbären plündern alle möglichen Nester und greifen sogar in Baumhöhlen hinein.“ Die Tiere sind so geschickt, dass sie beispielsweise ohne Weiteres den Riegel des Hühnerstalls aufbekommen, weiß Joisten. „Sie wissen nicht, wie das geht, aber probieren ausdauernd, bis sie an ihre Beute herankommen.“

Hat der Problembär sich erst einmal eingenistet, wird man ihn schwer wieder los. Deshalb ist es wichtig, sagt Joisten, zu agieren, bevor ein Schaden entstanden ist.

„Aufstiegs- und Kletterhilfen sollten grundsätzlich beseitigt werden, dazu gehören auch Äste in Hausnähe. Verschlossene Mülltonnen und ein Kompost ohne Essensreste sind ebenfalls gute Präventivmaßnahmen“, erklärt Jäger Schade.

Jäger berichten, dass zwar seit 2001 in Mecklenburg-Vorpommern Waschbären regelmäßig beobachtet werden, doch erst in den vergangenen Jahren die Population regelrecht explodiert sei. Raul Schade erinnert sich an ein Buch, das er vor vielen Jahren gelesen hat. Dort wird bereits von einer Waschbärensichtung im Jahr 1966 in der Nähe von Pasewalk berichtet. Die Zeiten einzelner Sichtungen seien jedoch vorbei, denn bereits in diesem Jagdjahr, so die Prognose des Landesjagdverbandes, könnten mehr Waschbären als Füchse erlegt werden. Im Jagdjahr 2018/19 wurden dem Verband zufolge 17.600 Füchse, 6.900 Marderhunde und 15.800 Waschbären erlegt.

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