Beschäftigte in Hotels, Gaststätten, Bäckereien und Fleischereien profitieren besonders, wenn der Mindestlohn a
Beschäftigte in Hotels, Gaststätten, Bäckereien und Fleischereien profitieren besonders, wenn der Mindestlohn auf 12 Euro steigt. Die Gewerkschaft NGG fordert die neue Bundesregierung dazu auf, die geplante Erhöhung möglichst rasch auf den Weg zu bringen. NGG/ZVG
Wird die Anhebung des Mindestlohnes zu Preissteigerungen etwa bei Lebensmitteln führen?
Wird die Anhebung des Mindestlohnes zu Preissteigerungen etwa bei Lebensmitteln führen? NGG/ZVG
12 Euro pro Stunde

Wer profitiert von höherem Mindestlohn in Vorpommern?

Die Ampel-Koalition plant einen höheren gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde. Die Gewerkschaft sieht Vorteile, die Arbeitgeber aber auch die Kehrseite.
Vorpommern

Allein im Kreis Vorpommern-Greifswald würden von einem höheren Mindestlohn 22.350 Menschen profitieren – das sind 24 Prozent aller Beschäftigten im Landkreis. Darauf weist die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hin und beruft sich auf eine Analyse des Pestel-Instituts aus Hannover. Danach arbeiten im Kreis derzeit 4950 Beschäftigte zum Mindestlohn von aktuell lediglich 9,60 Euro pro Stunde. Weitere 17.400 Menschen liegen zwar darüber, verdienen aber trotzdem weniger als 12 Euro.

„Die versprochene Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro ist ein Meilenstein. Damit werden in der Region die Einkommen vieler Beschäftigter deutlich steigen – insbesondere in Hotels, Gaststätten, Bäckereien oder Fleischereien. Sie arbeiten häufig zu Löhnen, die zum Leben nicht reichen – auch weil Unternehmen ausgehandelte Tarifverträge unterlaufen“, sagt Jörg Dahms, Geschäftsführer der NGG-Region Mecklenburg-Vorpommern.

Die Gewerkschaft fordert die neue Bundesregierung nun auf, die Erhöhung des Mindestlohns rasch auf den Weg zu bringen. „Ziel von SPD, Grünen und FDP muss es sein, den 12-Euro-Stundenlohn in den ersten ‚100 Ampel-Tagen‘ hinzubekommen. Vom Kellner bis zur Bäckereifachverkäuferin – wer jeden Cent zweimal umdrehen muss, um seine Miete bezahlen zu können, für den zählt jeder Monat“, betont Dahms. Die NGG hatte sich nach seinen Worten schon seit Jahren für einen gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro starkgemacht.

Gewerkschaft sieht Vorteile für lokale Wirtschaft

Die Erhöhung des Mindestlohns käme Dahms zufolge nicht nur Geringverdienern zugute, sondern auch der regionalen Wirtschaft: Nach Angaben des Pestel-Instituts würde die Kaufkraft im Landkreis Vorpommern-Greifswald um rund 31 Millionen Euro pro Jahr steigen und den Unternehmen höhere Umsätze bescheren. „Wer ohnehin ein eher geringes Einkommen hat, kann meist nichts davon auf die hohe Kante legen. Damit fließt fast jeder Euro, den Mindestlohn-Beschäftigte am Monatsende extra haben, in den Konsum. Ein Großteil davon wird vor Ort ausgegeben. Beim Restaurant- oder Kinobesuch – oder, um etwas Neues für den Haushalt anzuschaffen“, so Dahms.

Eine kräftige Anhebung der Lohnuntergrenze sei auch mit Blick auf die aktuell hohe Inflationsrate wichtig. Wenn der Mindestlohn schnell auf 12 Euro steige, dann hätten Beschäftigte trotz der Preissteigerung de facto deutlich mehr in der Tasche, erläutert der Gewerkschafter. Der NGG-Chef der Region appelliert an die heimischen Bundestagsabgeordneten, der geplanten Mindestlohn-Erhöhung in Berlin zuzustimmen: „Dass nach einem jahrelangen Ausufern des Niedriglohnsektors Menschen wieder besser von ihrer Arbeit leben können, sollte keine Frage des Parteibuchs sein“, sagt Dahms.

Minderung durch höhere Preise und Inflation

Jörg Pommerening, Direktor der Pasewalker Hotel-Restaurants Villa Knobelsdorff, der auch jahrelang Vizepräsident des Landesverbandes M-V des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) war, begrüßt eine Erhöhung des Mindestlohns grundsätzlich. „Vor allem die Dienstleistungen am Gast und an Menschen insgesamt müssen besser bezahlt werden als Arbeit an toten Gegenständen. In der Pflege tut sich langsam etwas. Das ist überfällig“, meint Jörg Pommerening. Es sei aber zu erwarten, dass ein höherer Mindestlohn wenig Wirkung bei den Betroffenen hat.

„Die Inflation und die allgemeine Preissteigerung fressen das auf“, sagt der Hotel-Direktor. Jede Lohnsteigerung verursache Kosten, die an die Gäste weitergegeben werden müssen. Würden Preissteigerungen nicht akzeptiert, führe das letztlich zu Entlassungen.

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Lohnabstand zu Facharbeitern

Ein weiteres Problem, so Pommerening, sei das Lohnabstandsgebot. Mit einem höheren Mindestlohn etwa würden Ungelernte fast an den Facharbeiterlohn herankommen, was bei Letzteren wiederum Begehrlichkeiten wecken würde. Das führe insgesamt zu einer Verschiebung des Lohnniveaus.

Ähnlich sieht es Elisabeth Kurzweg, Chefin der gleichnamigen Bäckerei in Pasewalk. „Ich stimme einem höheren Mindestlohn zu. Das ist auch eine Wertschätzung für die Beschäftigten“, meint sie. Durch Nachtzuschläge würden Mitarbeiter in der Bäckerei schon über dem Mindestlohn liegen. Auch Verkäuferinnen würden besser bezahlt als vorgeschrieben. „Ich frage mich aber, was kostet ein Brot in zwei Jahren“, erklärt Elisabeth Kurzweg. Die Bäckerei habe ständig mit Preissteigerungen zu tun. So sei der Marzipanpreis stark gestiegen. „Ende 2021 hatten wir Preiserhöhungen bei Backwaren. Unsere Kunden haben aber ziemlich gelassen reagiert. Einige hatten das schon erwartet, andere wunderten sich, dass diese Steigerung so gering ausfiel“, sagt die Bäckerei-Chefin.

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