Kommentar zu #wirsindmehr

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99,8 Prozent der Sachsen waren nicht auf Chemnitz-Demos

Zum Konzert in Chemnitz unter dem Motto «#wirsindmehr» kamen viele Menschen. Richtig viele Menschen. Aber viele auch nicht.
Zum Konzert in Chemnitz unter dem Motto „#wirsindmehr” kamen viele Menschen. Richtig viele Menschen. Aber viele auch nicht.
Sebastian Willnow

Unser Kommentator Jürgen Mladek fragt: Wer sollte beim Gratis-Konzert gegen Rechts in Chemnitz eigentlich etwas auf die Ohren bekommen? Die 99,8 Prozent Unbeteiligten?

Mindestens 99,8 Prozent aller Sachsen waren auf keiner der Demos, die für so viel Wirbel sorgten, dass man diesen verstockten Dunkeldeutschen jetzt endlich mal was auf die Ohren geben musste. Laut und links und radikal, ein „starkes Zeichen gegen Rechts“, ein „Stück Musikgeschichte“, wie die Beteiligten sich gegenseitig abfeierten, noch bevor die erste Note bei #wirsindmehr in Chemnitz erklang.

Doch keine „Hetzjagden“ in Chemnitz

Das alles versehen mit einer Hörempfehlung des Bundespräsidenten, dessen Foto auch in jenen Polizeirevieren hängt, in denen Beamte Dienst tun, die es nicht so toll finden, dass eine der beteiligten Bands wie „Feine Sahne Fischfilet“ immer wieder gerne zur Hatz auf „Bullen“ aufrief. Und wenn wir gerade beim Hetzen sind: Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen gab gerade bekannt, dass es nach ihren bisherigen Erkenntnissen nun doch keine „Hetzjagden“ in Chemnitz gab.

Zumindest die „Neue Züricher Zeitung“ hat sich inzwischen dafür entschuldigt, dass sie diesen Begriff in ihrer bisherigen Berichterstattung gebrauchte. Die Bundesregierung aber will weiter von „Hetzjagden“ sprechen – man wolle darüber keine semantischen Diskussionen führen. Man könnte das auch Rechthaberei nennen.

Zurück aber zu den 99,8 Prozent Sachsen, die also nicht auf diesen Demos waren, derethalben jetzt kostenlose Busse aus ganz Deutschland nach Chemnitz kachelten, um in Hörweite von der Stelle, an der ein Mensch erstochen wurde, womit ja alles anfing, die böse Gesinnung aus Sachsen herauszulassen. Yeah!

Heiko Maas und das „diskursive Wachkoma”

Sachsen, die wie meine Mutter sind, also wahrscheinlich ganz schön viele, gingen auch da nicht hin. Die besuchten lieber ihre kranke Nachbarin oder machten den Enkeln Butterbrote. Und zwischendurch sympathisieren sie nicht etwa mit den unsäglichen Hitlergruß-Dumpfbacken, wie man neuerdings gerne unterstellt, sondern inzwischen verstanden sie einfach die Welt nicht mehr.

Und dort insbesondere Außenminister Heiko Maas nicht, der meiner Mutter unterstellte, seit Jahren im „diskursiven Wachkoma“ zu vegetieren, weil sie ja nicht genug demonstriert. Er hat zwar nicht direkt meine Mutter angesprochen, sondern die „Mitte der Gesellschaft“, die endlich mal runter vom Sofa müsse und den Mund aufmachen, wegen Sachsen und so. Eine Demokratie lebt allerdings davon, dass man als Bürger nicht unbedingt die Musik hören und das sagen und denken und tun muss, was die Regierung von einem erwartet.

Kommentare (4)

Danke fuer diesen feinsinnigen Artikel - beschreibt er doch auf den Punkt recht umfassend, dass 99,8% der real deutschen Bevoelkerung nicht konform gehen mit dem narzistischen Verhalten ihrer sturen gemachten Politik - unserer Kanzlerin und ihrem Regierungskabinett

Teile der Bundesregierung sind gleich mit in die linke Hetze eingestiegen ,ohne den Wahrheitsgehalt zu überprüfen .Da jetzt von der STA ein Dementi gekommen ist,passt das der Regierung nicht ins Konzept. Auch das Konzert der linken Gruppen,war so angelegt,dass sie gegen rechte Übergriffe demonstrieren wollte,es wurde Menschen aus der halben Republik angekarrt die dann einer fragwürdigen Band aus M.v.P zugejubelt hat. Die Schweigeminute vorher ist nur dem Umstand geschuldet,dass das Konzert nicht ganz pietätlos über die Bühne gegangen ist.

Woher wissen Sie, dass die Mehrheit der Sachsen lieber die kranke Nachbarin besuchten oder den eigenen Enkeln Butterbrote schmierten :) ? "Wir sind mehr" war in erster Linie ein kostenloses Punkkonzert, was ohne die vorangegangenen Pegida-, Pro Chemnitz- und AfD-Demos nicht stattgefunden hätte. Ebenso sind die Pegida-, Pro Chemnitz- und AfD-Demos nach der Bluttat gegen den farbigen Deutsch-Kubaner keine sachsenspezifische Veranstaltung gewesen. Medien brauchen Schlagzeilen, um gehört, gelesen, bemerkt zu werden. Im Nordkurier wird jede Woche mindestens eine herzzerreissende Tiergeschichte gebracht, als ob MV ein tierunfreundliches Bundesland sei (Hunde- und Katzenrettung, Storchenkindtod, Schafsjagdkritik.) Aber Sie wissen selbst am Besten, wie hart umkämpft der Medienmarkt ist.

Endlich ein Kommentar, den man lesen kann, ohne wieder am Berufsstand der Journalisten verzweifeln zu müssen! Die Merkeljugend im Vollrausch ihrer Gewißheit, auf der "richtigen Seite" zu stehen und das Wohlwollen von Partei(en) und Staat, einschließlich Medien - die seligen DDR-Zeiten lassen grüßen.