UMFRAGE UNTER VIRUS-EXPERTEN

Ärzte beklagen einseitigen Blick auf Corona

Eine aktuelle Corona-Umfrage unter deutschen Fachärzten lässt aufhorchen: Erstaunlich viele von ihnen sehen die getroffenen Corona-Maßnahmen kritisch.
Der Wissenschaftler Michael Schindler befragte Experten-Kollegen zum Thema Corona.
Der Wissenschaftler Michael Schindler befragte Experten-Kollegen zum Thema Corona. Marcus Brandt
Tübingen.

Die Umfrage erfolgte zwar anonym, aber die Initiatoren hatten sich ganz genau ausgesucht, wen sie befragen – ausschließlich Experten aus den Fachgebieten der Virologie, Mikrobiologie, Hygiene, Tropenmedizin, Immunologie, Inneren Medizin und Intensivmedizin. Und auch die Initiatoren der Umfrage waren vom Fach. Geleitet wurde das Team von Professor Michael Schindler (Virologe an der Uni Tübingen) mit Unterstützung der Gesellschaft für Virologie (GfV), der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Bei der Befragung, über die jetzt die Universität Tübingen informierte, wurden die Rückmeldungen von 178 Teilnehmern ausgewertet und zudem mit den Ergebnissen einer Erstbefragung mit 197 Personen gegenübergestellt.

Fast alle Experten halten Schul- und Kitaschließungen für übertrieben

Die aktuelle Umfrage zeigt, dass mehr als 70 Prozent der Befragten die Abstandsregel von 2 Metern sowie das Verbot von Großveranstaltungen als Maßnahme zur Kontrolle und Eindämmung der Pandemie befürworten und sogar favorisieren. Kitas- und Schulschließungen sieht dagegen nur ein sehr kleiner Teil als wichtige Maßnahme an (weniger als 5 Prozent).

Die Ergebnisse bezüglich der Sinnhaftigkeit von Mund-Nasen-Bedeckung sind widersprüchlich: Obwohl häufig als mögliche Maßnahme genannt, werden sie doch nur selten als wichtig im Kampf gegen Corona priorisiert. Harte wissenschaftliche Belege für die Schutzwirkung von Masken, ob professioneller Mund-Nasen-Schutz oder selbst hergestellte („Alltags“) Atemmasken, sind den wenigsten Experten bekannt. Über 70 Prozent sehen hingegen Risiken durch falsche Handhabung der Masken.

Zustimmung zu Cornoa-Maßnahmen der Regierung ist gesunken

„In diesem Zusammenhang hat uns die diskrepante Haltung gegenüber dem Thema Atemmasken überrascht”, sagt Professor Schindler: „Obwohl keine oder widersprüchliche Evidenz zu deren Schutzwirkung bekannt ist, befürworten ein Großteil das Tragen zum Beispiel in Bussen und Bahnen.“ Der Forscher ergänzt: „Auch Wissenschaftler sind nur Menschen und scheinen bei einigen Themen eher ihrem Bauchgefühl zu vertrauen.“

Die Zustimmung zu den von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen ist gesunken und wird zum aktuellen Zeitpunkt nur noch zu 50,1 Prozent befürwortet – bei einer Erstbefragung im März waren dies noch 80,7 Prozent. Die Aussage, das öffentliche und wirtschaftliche Leben wiederherzustellen, im Alltag jedoch weitestgehend Atemmasken zu nutzen, befürworten 62,9 Prozent, bei der Erstbefragung lag diese Zahl noch bei 16,8 Prozent.

Forscher sehen die Rolle der Medien kritsch: zu unausgewogen

Die Rolle der Medien wird zunehmend kritisch eingestuft und nur noch von 59 Prozent als sachlich empfunden (Erstbefragung 79,7 Prozent). Die Experten vermissen eine ausgewogene Berichterstattung (82,6 Prozent) – zu oft würden die gleichen befragt. Außerdem, so die Aussage von 62,9 Prozent, fehle eine konstruktive Fachdiskussion mit unterschiedlichen Positionen der Experten. Jeder zehnte Befragte beklagte sich zudem über eine sehr restriktive Informationspolitik einiger Universitäten, sogar ein Drittel aller Expertinnen und Experten sieht die freie Meinungsäußerung in der Wissenschaft als bedroht.

Professor Schindler hierzu: „Ein aus unserer Sicht bedenkliches Ergebnis. Wenn sich ein Drittel der Fachkolleginnen und Kollegen in Ihrer freien Meinungsäußerung bedroht sieht, sollten wir unsere Diskussionskultur grundsätzlich hinterfragen.“

Befragte rechnen mit Virus-Verbreitung von bis zu 50 Prozent

Wenig oder gar nicht verändert hat sich die Einschätzung der Expertinnen und Experten zu Verlauf und Schwere der Erkrankung. Im Durchschnitt gehen sie von einer Ansteckung von bis zu 50 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus aus. Die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung wird bei etwa 5 Prozent gesehen mit einer Sterblichkeit von einem Prozent.

 

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Kommentare (2)

... unter Ärzten, die derzeit ohne Kunden sind, weil Corona die einzige Krankheit in Deutschland sei bzw. die hysterische Corona-Angst jeglichen Arztbesuch unterbindet?

🤔