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Nicht nur bestätigte Covid-Patienten, sondern auch Verdachtsfälle, werden auf den Intensivstationen mit einem erheblichen Mehraufwand betreut. Experten betrachten das als großen Fehler, der die Kapazitäten der Krankenhäuser unnötig einschränkt. Waltraud Grubitzsch
Covid-19-Pandemie

Alles nicht so schlimm mit Corona?

Kliniken melden einen Rückgang der Atemwegsinfektionen. Kritiker der Corona-Maßnahmen sehen das als Beweis dafür, dass die Covid-Pandemie aufgebauscht ist. Stimmt das?
Neubrandenburg

Neue Zahlen zu den behandelten Atemwegserkrankungen im Jahr 2020 haben die Corona-Debatte von Neuem angeheizt. Pünktlich zum Start des bundesweiten Teil-Lockdowns im November veröffentlichte die „Initiative Qualitätsmedizin” (IQM) eine Analyse der Abrechnungsdaten ihrer Mitgliedskrankenhäuser. Sie kam zu dem Schluss, dass im ersten Halbjahr 2020 deutlich weniger Patienten stationär behandelt wurden als im selben Vorjahreszeitraum. Kritiker der Corona-Maßnahmen sehen dies als Beweis dafür, dass Covid-19 eine harmlose Erkrankung ist und faktisch keine Auswirkungen auf das reale medizinische Leben hat. Liegen sie damit richtig?

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Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Einige dieser Zahlen sind in der Tat bemerkenswert und geben Hinweise darauf, was in der ersten Welle falsch gelaufen sein könnte. Und doch ist die Schlussfolgerung der Corona-Kritiker voreilig und vor allem zu radikal. Die Wahrheit ist schlicht komplexer. Aber immer der Reihe nach – worum geht es überhaupt?

Drei Mal mehr Verdachtsfälle als Covid-Erkrankungen

Die Initiative Qualitätsmedizin ist ein Verein, in dem sich rund 500 Krankenhäuser aus Deutschland und der Schweiz für mehr Qualität in der Medizin und der Patientensicherheit engagieren. Um sich einen besseren Überblick in der Pandemie zu verschaffen, hat die Initiative die Abrechnungsdaten von 421 Mitgliedskliniken analysiert und mit den Zahlen aus dem Jahr 2019 verglichen. Dabei kam sie unter anderem zu folgenden Ergebnissen.

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Erstens: Die Zahl der Atemwegserkrankungen war im ersten Halbjahr 2019 mit 221 841 Fällen höher als 2020 mit 187 174 Fällen, obwohl in diesem Jahr auch alle Covid-Fälle mit eingeschlossen wurden. Und zweitens: Im ersten Halbjahr 2020 wurden insgesamt 14 783 Patienten mit einer nachgewiesenen Corona-Infektion stationär behandelt. Im gleichen Zeitraum wurden aber mehr als drei Mal so viele Patienten – nämlich 46.919 – stationär behandelt, die zwar mit einem Verdacht auf eine Covid-Erkrankung eingeliefert wurden, aber einen negativen Test oder gar keinen labortechnischen Befund vorwiesen.

Bis zu 30 Prozent falsch-negative Tests

Kritiker folgern daraus, dass das Coronavirus keineswegs so gefährlich sein kann wie immer angenommen, sonst hätten mehr Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen. Und zweitens würde das Thema medial und politisch aufgeputscht und die Zahl der Corona-Verdachtsfälle künstlich hochgehalten, um weiterhin Angst und Panik in der Bevölkerung zu schüren.

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Interessanterweise geht die IQM selbst auf diesen letzten Punkt ein: „Die wahrscheinlichste Erklärung” für die hohe Zahl der Verdachtsfälle sei, dass „in Anbetracht der medialen Präsenz des Themas und der damit einhergehenden Aufmerksamkeit Fälle mit passender Symptomatik selbst dann als Covid-Verdacht behandelt wurden, wenn die PCR negativ blieb”. Die Grundlage für diese These ist allerdings, dass aus der Fachliteratur hervorgehe, dass bis zu 30 Prozent aller PCR-Tests falsch-negative Ergebnisse hervorbringen. Somit ist im Einzelfall eine Covid-Verdachtsdiagnose zunächst einmal nachvollziehbar.

Falsche Verdachtsfälle belasten mehr als Corona

Allerdings, so die IQM-Analysten, sei die hohe Diskrepanz zwischen tatsächlichen Fällen und Verdachtsfällen weder durch die anfangs mangelnden Testkapazitäten noch durch die Möglichkeit eines falsch-negativen PCR-Tests plausibel erklärbar. Denn rückwirkend betrachtet müssen viele Verdachtsfälle wohl als Nicht-Covid-Fälle klassifiziert werden. Der Grund: Die Mortalität in der Covid-Gruppe lag bei 18,98 Prozent, in der Verdachtsfallgruppe lediglich bei 6,55 Prozent. Somit ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Covid-Verdachtsfälle tatsächlich nicht covid-erkrankt war, sonst würden die Sterblichkeitsraten näher beieinanderliegen.

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Für die Kliniken in Deutschland hatte das laut IQM erhebliche Folgen: „Möglicherweise” habe dies „einen nicht begründet hohen Aufwand für Schutzmaßnahmen in den Krankenhäusern nach sich” gezogen, da Verdachtsfälle und tatsächliche Covid-Patienten „mit denselben oder ähnlichen Maßnahmen behandelt wurden”. Der Vorschlag der Initiative: „Gerade wenn die Fallzahlen wieder steigen, wäre hier eine national oder international standardisierte Strategie zur Bewertung der Tests von höchster Priorität, um möglicherweise unnötige Engpässe in der Versorgung oder auch bei Schutzmaterialien zu vermeiden”. Im Klartext heißt das: Es ist davon auszugehen, dass bei einem negativen PCR-Test keine Ansteckungsgefahr besteht. Deshalb brauchen negativ getestete Patienten auch nicht mit einem deutlichen Mehraufwand behandelt werden. Damit würden Kliniken Ressourcen schonen und nicht so schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen.

Bevölkerung hat eigene Vorsichtsmaßnahmen getroffen

Doch wie verhält es sich mit der Zahl der Atemwegserkrankungen im Vergleich zwischen 2019 und 2020? Ist das ein Beweis, dass das Virus tatsächlich viel harmloser ist als angenommen? Das ist es nicht. Erstens lag laut IQM der Höhepunkt der Krankenhausaufnahmen eine Woche nach dem Höhepunkt der Neuinfektionen, woraus sich schließen lässt, dass viele Patienten tatsächlich aufgrund von Corona stationär aufgenommen wurden. Der Rückgang der Patientenzahlen insgesamt und der Atemwegserkrankungen im Besonderen ist damit auf andere Faktoren zurückzuführen. Welche könnten das sein?

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Zum einen ist die Grippewelle in diesem Jahr deutlich schwächer ausgeprägt als beispielsweise in der Saison 2017/18, als rund 25 000 Menschen an einer Influenza starben. Zum anderen wirken sich natürlich auch die Corona-Maßnahmen auf andere Erkrankungen als auf Covid-19 aus. Dazu zählt nicht nur der harte Lockdown im März und April, sondern auch die praktisch durchgängig angewandten Masken-Regelungen und vor allem die Vorsichtsmaßnahmen, die ein Großteil der Bevölkerung für sich selbst getroffen hat.

Zahl der Corona-Toten auf neuem Allzeithoch

Die Wahrscheinlichkeit, an einer Erkältung, Grippe oder Lungenentzündung zu erkranken ist damit ebenso gesunken wie die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken. So sanken „nach dem Lockdown die Anzahl der Fälle von Lungenentzündung um 21 Prozent verglichen zum Vorjahr“, wie die IQM feststellte. Zu guter Letzt ist die Debatte um Klinik-Kapazitäten immer ein Blick in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heute reichen unsere Kapazitäten aus – aber es müssen Maßnahmen getroffen werden, damit wir auch morgen keine Probleme haben werden.

Schließlich sieht die Corona-Welt im November anders aus: Die Höchststände der Neuinfektionen haben sich gegenüber dem Frühjahr im Mittel verdreifacht. Mit einer gewissen Zeitverzögerung steigen nun auch die Zahlen der invasiv Beatmeten und der Toten. So meldeten die Gesundheitsämter dem Robert-Koch-Institut am Mittwoch mit 410 Verstorbenen einen neuen Höchststand bei den Corona-Todesfällen. Auch die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen nimmt kontinuierlich zu, gleichzeitig schwinden die Intensivbetten-Kapazitäten. Wir brauchen ganz sicher keine Panikmache – aber eine Verharmlosung der Pandemie ist mindestens ebenso fehl am Platze.

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