AUGUSTUS INTELLIGENCE

Amthor-Firma gerät erneut in die Schlagzeilen

Belegschaft entlassen, Geld verbrannt, Chefs weg: Bei Augustus Intelligence, jener Firma, für die CDU-Jungstar Philipp Amthor seine Karriere riskierte, soll es nicht laufen. Wie sind die Turbulenzen zu bewerten? Im Nordkurier äußert sich neben Amthor auch ein Investor aus MV.
Ungewöhnliche Adresse für ein kleines Startup: das Hauptsitzbüro von Augustus befindet sich im One World Trade Center in New York City (höchstes Gebäude). CDU-Mann Philipp Amthor (kleines Bild) hat sich mittlerweile von der Firma losgesagt.
Ungewöhnliche Adresse für ein kleines Startup: das Hauptsitzbüro von Augustus befindet sich im One World Trade Center in New York City (höchstes Gebäude). CDU-Mann Philipp Amthor (kleines Bild) hat sich mittlerweile von der Firma losgesagt. Corine Sciboz/Jens Büttner/NK-Kombi
Berlin.

Nach der Lobbyismus-Affäre des CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor geriet das deutsch-amerikanische Startup-Unternehmen Augustus Intelligence in dieser Woche erneut in Erklärungsnot. Wie das Handelsblatt unter Berufung auf Mitarbeiter- und Investorenkreise berichtete, musste die Firma dieses Jahr zwei Drittel ihrer Angestellten entlassen, zudem sei ein Großteil der bisher eingesammelten Investitionssumme von 34,5 Millionen Dollar aufgrund einer fehlenden Strategie und des Mangels an einem vermarktbaren Produkt bereits verbrannt worden.

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Darüber hinaus seien, so das Handelsblatt, rund fünf Prozent dieses Geldes direkt aus Amthors Wahlkreis nach Manhattan geflossen. 1,7 Millionen Euro sollen von der „KRC Beteiligungen“ mit Firmensitz in Strasburg in der Uckermark an Augustus gezahlt worden sein. Durch die Berichterstattung über Amthor, in der ihm immer wieder Korruption unterstellt wurde, ohne dass dieser Vorwurf belegt worden wäre, drängt das Kapital aus der Uckermark nun förmlich die Frage auf: Floss hier möglicherweise doch Geld über dubiose Wege, auf das Amthor direkten Einfluss hatte?

Verbindung kam durch Amthor zustande

Nein, sagt der Geschäftsführer der „KRC Beteiligungen“, der Berliner Immobilien-Investor und Gutachter Klaus-Peter Keunecke, der familiäre Wurzeln bei Strasburg hat und dort bis heute Grund und Boden besitzt. Sein Unternehmen trat in der Vergangenheit vor allem durch Großpaketkäufe von Wohnungen in Ballungsräumen wie Berlin in Erscheinung.

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Zu seiner Geschäftsbeziehung zu Augustus Intelligence sagte Keunecke dem Nordkurier auf Anfrage, dass „die KRC eine ganze Reihe von Startup-Beteiligungen bündelt, darunter auch die infrage stehende“. Aus wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen könne er sich nicht zu den Details äußern. „Investitionsentscheidungen“ seien aber „sicher nicht von Philipp Amthor abhängig“.

Die Verbindung kam allerdings tatsächlich über Amthor zustande, wie der CDU-Bundestagsabgeordnete dem Nordkurier bestätigte: Keunecke habe den „damaligen Augustus-Vorstandsvorsitzenden zwar bei einer Gelegenheit in einer größeren Runde kennengelernt, bei der ich auch zugegen war”, sagte Amthor. Doch da der KRC-Chef „seit über 40 Jahren ein international erfolgreicher Unternehmer ist, braucht er für seine Investitionsentscheidungen ganz sicher keine etwaigen klugen Ratschläge seines 28-jährigen Bundestagsabgeordneten”.

Hat Corona Augustus ausgebremst?

Verwerflich oder dubios ist diese Verbindung aber nicht. Im Gegenteil: Es gehört zum Aufgabenbereich eines Bundestagsabgeordneten, wirtschaftliche Kontakte herzustellen, wenn sie zum Beispiel Standortvorteile für den eigenen Wahlkreis bieten. Bei einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung könnte dies durchaus der Fall sein.

Doch eben diese positive Entwicklung steht derzeit in Frage. Der Grund für die Misere ist auf den ersten Blick schnell gefunden: Eine „Jahrhundert-Pandemie” habe „die Weltmärkte und viele Volkswirtschaften ins Ungewisse geworfen”, teilte der Beiratsvorsitzende Prinz Stefan von und zu Liechtenstein laut Handelsblatt den Investoren in einem auf den 9. Oktober 2020 datierten Schreiben mit.

Augustus-Flaute trotz Tech-Boom wirft Fragen auf

Augustus habe deshalb seine „Belegschaft signifikant reduzieren und sich neu fokussieren müssen”, von ehemals 94 Angestellten beschäftigt das Unternehmen heute nur noch 34. Allerdings wirkt diese Erklärung vorgeschoben: Ob der chinesische IT-Gigant Tencent, der Sprachsteuerungs-Spezialist Cerence oder gar der Google-Mutterkonzern Alphabet – kleine und große Konzerne, die die künstliche Intelligenz zum Vehikel ihres Geschäftsmodells gemacht haben, sind nach dem Blitzcrash der Börsen im März fast durchgängig auf Allzeithochs geklettert. Das umstrittene Big-Data-Unternehmen Palantir, das in einem ähnlichen Bereich arbeitet und erst seit Ende September an der Börse notiert, hat in weniger als zwei Monaten seinen Marktwert verdoppelt.

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Wie also kann ein Tech-Konzern inmitten eines Tech-Booms verlieren? Wohl nur, wenn etwas mit dem Produkt nicht stimmt. Und hier scheint tatsächlich der Hase im Pfeffer zu liegen. Denn außer Versprechungen kam von Augustus bisher nicht viel. Die bis heute nur rudimentär vorhandene Website gibt außer zwei von inhaltslosen Buzz-Wörtern wimmelnden Sätzen keinerlei Einblick in die Produkte und Projekte von Augustus.

Reicht das Geld, um erfolgreich zu sein?

Das Unternehmen wolle das führende Portal für Künstliche Intelligenz (KI) werden: Mit dieser Vision köderte Augustus seine rund 40 Investoren, die insgesamt 34,5 Millionen Dollar in die Firma investierten. Viel Geld, sollte man meinen. Und in der Tat: Unternehmen wie Facebook, Palantir oder Nvidia begannen mit einer ähnlichen oder geringeren Summe. Doch diese Firmen hatten bereits ein Produkt oder ein Portfolio, das mit dem Geld weiterentwickelt werden konnte. Über die Produktpalette von Augustus ist außer dem Versprechen, Software für Spracherkennung und computer-basiertes Sehen zu entwickeln, nichts bekannt.

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Zudem relativiert diese Vision die Investitionssumme, mit der Augustus arbeitet. Denn eine derartige Software ist in der KI keinesfalls revolutionär. Alle Global Player und unzählige Startup-Unternehmen mit teils erheblich größeren finanziellen Ressourcen forschen in diesem Bereich. Die ewige Hoffnung für kleine Unternehmen ist, ein Nischenprodukt zu erstellen, das sich in das System eines Global Players wie Microsoft oder Amazon integrieren lässt – und dann von diesem Marktführer übernommen zu werden. Doch die Konkurrenz ist gewaltig. Und es ist äußerst fraglich, ob eine niedrige zweistellige Millionensumme reicht, um aus dem Nichts ein solches Produkt zu erschaffen.

Wagniskapitalgeber halten sich bedeckt

Dieser Meinung sind anscheinend auch die Experten. Denn zu den Geldgebern gehören in erster Linie Bekannte aus dem Netzwerk des Firmengründers Wolfgang Haupt: Der Privatbank-Erbe August François von Finck steckte 11,4 Millionen Dollar in das Unternehmen, Beiratschef Stefan von und zu Liechtenstein 5 Millionen. Hinzu kommen andere illustre Gestalten wie Ex-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) mit 1,7 Millionen oder Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mit 100.000 Dollar.

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Wer aber fehlt auf der Liste der Investoren? Sogenannte „Venture-Capital-Fonds”: Bei aussichtsreichen Startups steigen oft sehr früh Geldgeber ein, die sich auf risikoreiche Unternehmensbeteiligungen spezialisiert haben. Das Prinzip ist einfach: Investoren legen ihr Geld bei einem Risikokapitalgeber an, der ihnen eine hohe Rendite verspricht. Dieses Geld steckt der Fonds wiederum in junge Unternehmen, bei denen die Hoffnung besteht, dass sie stark wachsen und später große Umsätze generieren. Im Investmentbereich ist dies einer der lukrativsten, aber auch risikoreichsten Unternehmungen. Venture-Capital-Fonds sind daher auf Potenzial und Risikoanalyse spezialisiert – fehlendes Interesse könnte ein Zeichen dafür sein, dass das Unternehmen (noch) keine aussichtsreiche Zukunft verspricht.

Augustus tätigte bereits Firmenübernahmen

Auf der anderen Seite scheint Augustus ohnehin einen anderen Weg gehen zu wollen. Denn anstatt das eingesammelte Geld in Forschung und Entwicklung zu stecken, kaufte Augustus zwei Firmen – XBrain, das eine Chatbot-Software für Kundendienste entwickelt hat und Moblty, das smarte Bildschirme für den Einzelhandel produziert. Damit kommen nicht nur Patente und Produkte ins Haus, sondern auch Mitarbeiter und Know-How.

Normalerweise wachsen eher große Firmen auf diese Weise – allein Google hat in den vergangenen zehn Jahren rund 200 Firmen übernommen. Doch selbstverständlich steht dieser Weg auch kleinen, jungen Unternehmen offen, wenn sie das notwendige Kapital dafür haben. Lukrativ ist das derzeit allerdings nur bedingt: Bisher generiert nur Moblty Umsätze, allerdings sagte ein Ex-Mitarbeiter der Firma dem Handelsblatt, dass die Geräte in der Produktion mehr kosteten als Moblty durch den Verkauf damit einnähme. Das einzige Geld, das Augustus derzeit generiert, wird also teuer bezahlt.

Politischer Einfluss schwindet

So ist es wenig verwunderlich, dass sich das Karussell in der Chefetage beinahe täglich dreht: Firmengründer Wolfgang Haupt trat als CEO zur Seite, aus einem elfköpfigen Management-Team haben zehn Mitarbeiter das Unternehmen wieder verlassen. Zwei davon verklagen Augustus gar wegen falscher Versprechen. Und auch der politische Einfluss schwindet: Philipp Amthor und Karl Theodor zu Guttenberg, die als „Director” und „President in charge of General Affairs” für das Unternehmen tätig waren und ihre politische Kontakte für Augustus spielen ließen, verließen das Unternehmen im Sommer.

Charles-Édouard Bouée, ehemals Chef des Unternehmensberaters Roland Berger und bei Augustus zeitweise „Chairman of Business Affairs”, schmiss ebenfalls das Handtuch. Die Frage also, in welche Richtung sich Augustus zukünftig entwickeln wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht seriös beantwortbar.

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