Klinikchef

Corona ist keine Bedrohung mehr für die Krankenhäuser

Der Umgang mit Corona muss entspannter werden, sagen Klinikchefs.

Weg von der Zahlenhypnose, zurück zum gesunden Menschenverstand – mit deutlichen Worten fordert der Chef einer großen Uniklinik das Ende des „Angst- und Panikmodus“ in deutschen Kliniken.

Der Covid-19-Alarmismus muss aufhören... In einem Interview zu Omikronzahlen und der aktuellen Situation in Krankenhäusern appelliert Prof. Jochen Werner, Chef der Essener Uniklinik, an Mediziner-Kollegen in ganz Deutschland: „Wir müssen diesen Angst- und Panikmodus zugunsten eines kontrollierten Pragmatismus im Krankenhaus-Management verlassen. Es muss Schluss sein mit dem Covid-19-Alarmismus. Und es muss Schluss sein mit diesem Starren auf Zahlen.“ Diese würden sich in den nächsten Tagen noch steigern, so Prof. Werner. „Aber das können wir nicht jeden Tag als neues Problem nach außen verkünden.“

Endlich wieder Ruhe in den Krankenhausbetrieb bringen

In einem auf Youtube veröffentlichten Gespräch (siehe unten) mit Publizist Jens de Buhr, Leiter des Medienverbundes „Chefvisite“ (GMX, web.de, WAZ, Schwäbische Zeitung und andere), schildert Prof. Werner – Chef von rund 6000 Mitarbeitern und verantwortlich für das Wohl von 50.000 stationären Patienten pro Jahr – die derzeitige Corona-Lage in seiner Klinik: „Wir beobachten, dass immer mehr Patientinnen und Patienten wegen ganz anderer Erkrankungen bei uns sind und dann – wie auch in der übrigen Bevölkerung – zufällig positiv getestet sind. Also keine Anzeichen für das Vorliegen einer Corona-Erkrankung haben.“ Deshalb, so Prof. Werner, sei es jetzt wichtig, zurück zur Ruhe zu finden. „Was die Anzahl lebensgefährlich erkrankter Patientinnen und Patienten betrifft, sind wir von einer Triage weit entfernt.“

Der Mediziner betont, dass das Coronavirus in den ersten drei Wellen aggressiver war. „Man muss es jetzt wirklich so sehen: Es ist eine andere Situation, es ist ein Bruch. Es ist etwas anderes als die sich zu Delta steigernde Variantenform.” Deshalb, so Prof. Werner, kämen auch die Themen neu auf den Tisch. „Man muss den Zahlen, die unweigerlich steigen werden, entgegenhalten: Wir haben mildere Verläufe. Von den erkrankten Patienten her ist es keine Bedrohung für unser Krankenhauswesen.“

Kollateralschäden durch Angst und Panik

Sorge bereitet dem Klinikchef, dass es auch in den kommenden Wochen zum Ausfall von Operationen kommen wird. „Entweder, weil Personal erkrankt ist oder – viel häufiger – weil es positiv getestet wurde und dann in Quarantäne befindlich ist. Es wird auch zum Ausfall von Operationen kommen, weil die Patientinnen und Patienten selbst positiv getestet sind, obgleich sie keine Symptome haben.“ Prof. Werner weiter: „Wenn ich das alles zusammenfasse, dann bedeutet es: Wir haben es mit einer sich wirklich stark ausbreitenden Omikroninfektion zu tun, bei der wir aber aufpassen müssen, dass die Quarantäneregelungen nicht zu Kollateralschäden im Krankenhausbetrieb führen.“ Es müsse Schluss damit sein, dass Krankenhausmitarbeiter, die das kleinste Erkältungssymptom verspüren, „sich aus lauter Vorsicht gar nicht mehr zur Arbeit trauen“, sagt Prof. Werner. Natürlich müsse getestet und müssten im Fall der Fälle „Mechanismen des Schutzes“ eingehalten werden. „Aber dann geht's auch weiter“, so der Klinikchef. „Sonst legen wir uns hier bald lahm.“

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Süddeutscher Klinikverbund äußert sich ähnlich

Bereits vergangene Woche machte in den sozialen Medien eine Meldung des Acura-Klinikverbundes in Baden-Baden die Runde, wonach die aktuelle Corona-Lage einer Grippe-Epidemie entspräche. Konkret hieß es: „Die Zahl der positiv Getesteten explodiert. Aber die 'harte Währung' – Tote, Patienten auf Intensivstationen und ITS – sinken bzw. bleiben konstant.” Im Vorjahreszeitraum hätte es drei Mal mehr Tote infolge einer Corona-Infektion gegeben. Man wäre in der Sache „bei einer Grippe angekommen”. Facebook löschte den Post nach kurzer Zeit.

Auf Nordkurier-Anfrage bestätigte Acura-Geschäftsführer Dirk Schmitz jedoch, dass es sich bei dem Beitrag tatsächlich um die Stellungnahme der Geschäftsführung des südwestdeutschen Klinikverbundes gehandelt habe. Man habe rechtliche Schritte gegen die Löschung des Facebook-Beitrags eingeleitet. „Omikron hat aus einer gefährlichen Pandemie eine Grippe gemacht”, bekräftigte Schmitz im Nordkurier-Gespräch.

Klinik kritisiert Impfpflicht

Die Acura-Kliniken seien auch gegenüber der geplanten Impfpflicht kritisch eingestellt, so Geschäftsführer Schmitz zum Nordkurier. Selbstverständlich werde dort auch geimpft, auch die meisten Mitarbeiter wären immunisiert – aber vor jeder Impfung müsse eine individuelle Risikoabwägung stattfinden. Viele Mitarbeiter hätten Nebenwirkungen erlebt, so Schmitz. Eine Impfung sei ein Eingriff in den Körper. Die Entscheidung dafür oder dagegen bliebe daher jedem Mitarbeiter selbst überlassen.

Simone Schamann

s.schamann@nordkurier.de
Textchefin

Zoltán Szabó

z.szabo@nordkurier.de
Volontär

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