„Die Zeit” in der Kritik

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Darf man fragen, ob private Seenotrettung legitim ist?

Dieser Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" löste heftige Diskussionen aus.
Dieser Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" löste heftige Diskussionen aus.
Ulrike Kielmann

Für einen Pro- und Contra-Kommentar zur Legitimität privater Seenotrettung von Flüchtlingen hat die "Zeit" im Internet einen Sturm der Kritik geerntet.

Die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland betrifft nicht nur politische Sachthemen wie die Flüchtlingsfrage – vielmehr wird auch darüber diskutiert, welche politischen Fragen überhaupt diskutiert werden dürfen. Das dokumentiert der Streit über einen Beitrag, der gestern auf Seite 3 der renommierten Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien und auch online zu lesen ist. Das als linksliberal geltende Hamburger Blatt fragte unter der Überschrift „Oder soll man es lassen?“, ob private Seenotrettungs-Missionen im Mittelmeer legitim seien. Die Boote und die Initiativen, die sie betreiben, stehen seit Wochen in der Kritik, auch der Nordkurier berichtete wiederholt darüber – etwa über den Fall des Schiffes „Lifeline“, das mit mehr als 200 geretteten Flüchtlingen an Bord zunächst nirgendwo anlegen durfte.

In ihrem Contra-Beitrag argumentiert „Zeit“-Autorin Mariam Lau, dass Retter das Problem vergrößern: „Das Ertrinken im Mittelmeer ist ein Problem aus der Hölle, ein politisches Problem, zu dessen Lösung die private Seenotrettung null und nichts beizutragen hat.“ Die Retter seien „längst Teil des Geschäftsmodells der Schlepper“. Mit Verweis auf eine entsprechende Grafik in der „New York Times“ betonte Lau: „Je mehr gerettet wird, desto mehr Boote kommen – so einfach ist das, und so fatal.“

Auch die Contra-Autorin schreibt: „Wer in Not ist, muss gerettet werden”

Lau, die nach eigenen Worten selbst für zwei Wochen an Bord eines privaten Rettungsschiffs war, stellte klar: „Wer in Not ist, muss gerettet werden, das schreibt das Recht vor und die Humanität. Beide schreiben aber nicht vor, dass Private übernehmen, was die Aufgabe von Staaten sein sollte.“ Sie bemängelte auch, dass das Verständnis der Retter von Menschenrechten „absolut kompromisslos“ sei – und warnte: „Wer mit dem Verweis auf Menschenrechte jede Sicherung der Grenzen zu verhindern versucht, wird am Ende denen in die Hände spielen, die gar kein Asylrecht mehr wollen.“

In den sozialen Medien wurde daran scharfe Kritik laut. Schnell lief eine regelrechte Empörungsmaschinerie an, die darin gipfelte, dass der Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“, Tim Wolff, auf Twitter fragte: „‚Zeit‘-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen?“

Wolff selbst war dafür: „Solange es nicht privat, sondern politisch organisiert wird: Wieso nicht?“

Viele sagen: Über diese Frage darf man nicht reden

Aber auch zahlreiche ernst gemeinte Beiträge verurteilten weniger den Beitrag von Mariam Lau als die Tatsache, dass die „Zeit“ die Frage überhaupt aufgeworfen hatte. Standpunkt vieler Kritiker: Die Rettung von Menschen aus Seenot könne man nicht zur Disposition stellen, weil sie ein Menschenrecht sei, dessen Infragestellen überdies die Menschenwürde verbiete. Dabei fand regelmäßig keine Erwähnung, dass auch gar nicht versucht hatte, die Seenotrettung an sich zur Disposition zu stellen.

Dennoch schrieb etwa der Vize-Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Heribert Prantl in einem Kommentar: „So ein Pro und Contra ist vielleicht gut gemeint, aber nicht gut. Es relativiert die Menschenwürde.“ Der Beitrag laufe darauf hinaus, Menschen zur Abschreckung ertrinken zu lassen. So würden Menschen zum Objekt degradiert. „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski zeigte sich entrüstet, dass nach der „Bild” auch die „Zeit” diese Frage aufgegriffen habe: „Was für ein kalter, verdorbener Wahnsinn ist das.“

Zunächst meldeten sich nur wenige zu Wort, die die „Zeit“ in Schutz nahmen. Wer es tat, wies beispielsweise darauf hin, dass ein Verbot der Debatte es letztlich unmöglich mache, die Arbeit der privaten Retter zu überhaupt kritisieren.

Das sagt der Vize-Chefredakteur der „Zeit” zu der Debatte

Der Vize-Chefredakteur der „Zeit“, Bernd Ulrich, verteidigte die Beiträge im Gespräch mit dem Nordkurier. Er sagte:„Ich kann die Kritik verstehen, dass man den Verzicht auf private Seenotrettung für indiskutabel hält. Ich teile sie aber nicht. Deswegen haben wir das Pro und Contra ja gemacht.“ Unglücklich zeigte er sich über den Debattenverlauf in den Internet-Netzwerken: „Es ist ja zunächst einmal absolut richtig und auch gewollt, dass so ein Debattenformat auch eine Debatte auslöst. Aber ich muss wirklich sagen, dass das insbesondere auf Twitter vielfach keine Grenzen mehr kennt, im Ton vollkommen unsachlich und zum Teil sogar gewalttätig wird.“ So werde eine Debatte unmöglich gemacht.

Ulrich gab zu bedenken: „Wenn die Kritik an dem Beitrag so fundamental wird, dass man selbst ein Medium wie die ‚Zeit‘ von der gesamten Debatte ausschließen will, dann läuft man Gefahr, am Ende ein Selbstgespräch in der Garage zu führen.“ Am Vormittag hatte er sich bereits ähnlich bei Twitter geäußert.

Weiter sagte Ulrich:  „Die Leute, die einfach nur sagen: Man darf das nicht diskutieren, die greifen etwas zu kurz. Ich persönlich teile den Standpunkt der Kollegin Caterina Lobenstein, die den Pro-Artikel geschrieben hat. Aber bevor man den Standpunkt der Kollegin Mariam Lau kritisiert, muss man sich zunächst einmal mit deren Hauptargument auseinandersetzen. Es lautet: Die privaten Retter machen die Situation im Mittelmeer und die Zahl der Menschen in Lebensgefahr auf lange Sicht nur noch schlimmer.“

Am Abend erschien auch auf dem Redaktionsblog von Zeit-Online ein Beitrag, in dem Ulrich und seine Kollegin Sabine Rückert noch einmal zu dem Beitrag Stellung nahmen. Darin hieß es unter anderem: "Wir bedauern, dass sich einige Leser in ihrem ethischen Empfinden verletzt gefühlt haben, und dass der Eindruck entstehen konnte, die ZEIT oder auch Mariam Lau würden einer Seenotrettung generell eine Absage erteilen." Die Debatte an sich verteidigten die beiden Journalisten aber auch dort.

Kommentare (3)

Durften Privatnussschalen mit britischen Privatpersonen britische Soldaten vom Dünkirchener Strand 1940 retten? Mussten ca. 250000 Boatpeople im Südchinesischen Meer zwischen 1975 und 1986 ersaufen, weil die Staatengemeinschaft zu wenig staatliche Rettungsmaßnahmen durchführten? Darf die DLRG e.V als Privatrettungsverein überhaupt Leben retten? Deutschland ist nicht wirklich gespalten. Deutschland ist in einem Drittel nur verblödet.

Ich glaube, das Drittel ist eher partiell verroht, inhuman, denkfaul, egoistisch und undankbar - Deutschland geht es einfach gut (trotz sozialer Ungerechtigkeiten etc.) - anstatt sich den wirklichen Protesthemen zu widmen, geht es nur noch gegen die ärmsten Seelen dieser Welt - den Flüchtlingen. Die können nur nichts dafür. Wir leben einfach auch auf Kosten anderer- das ist nicht wirklich fair.

Aber nicht in der von unserer Politik praktizierten Art und Weise - D fociert und unterstuetzt somit Terrorismus! - diese Losungswege sind falsch due Fluchtursachen / Anreize muessen, bekaempft werden in den Heimatlaendern so wie in D und Europe - 5€ pro Tag + Person ist voellig ausreichend