Die Lieferketten haben sich zuletzt merklich entspannt, was auf sinkende Inflationsdaten hindeutet. Das ist nicht der einzige
Die Lieferketten haben sich zuletzt merklich entspannt, was auf sinkende Inflationsdaten hindeutet. Das ist nicht der einzige Grund, optimistisch für die Wirtschaft zu sein. Sina Schuldt
Rezession

Darum fällt die Wirtschaftskrise aus

Inflation, Energiekrise, geopolitische Konflikte: Die Stimmung in Deutschland könnte nicht schlechter sein. Dabei sind die Probleme zuletzt eher kleiner geworden.
Berlin

Im Grunde genommen sind sich die Wirtschaftsexperten einig: Europa wird in eine Rezession rutschen. Gestritten wird lediglich über die Tiefe des Wirtschaftsabschwungs, als sicher gilt hingegen, dass die exportlastige Bundesrepublik ganz besonders unter der kriselnden europäischen Wirtschaft leiden wird.

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In der Tat spricht vieles dafür, dass das Jahr 2023 für die deutsche Wirtschaft hart werden könnte: Die hohe Inflation schmälert die Konsumlust der Bevölkerung, die explodierenden Energiepreise setzen die Margen der Unternehmen unter Druck, die Auswirkungen von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg wirken sich immer noch negativ auf die globalen Lieferketten und damit die Preise für importierte Güter aus. Die Zukunft ist unsicherer geworden, die Zuversicht schwindet – all dies ist keine gesunde Basis für eine boomende Wirtschaft.

Warnung vor Rezession

„In allen Teilen Deutschlands blicken die Unternehmen pessimistisch auf ihre Geschäftsaussichten”, sagte zuletzt der Konjunkturexperte Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Die Weltbank senkte ihre globale Wachstumsvorhersage für das Jahr 2023 und warnte vor einer möglichen globalen Rezession. „Die Weltwirtschaft steht auf Messers Schneide”, sagte Prognose-Chef Ayhan Kose in Washington.

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Doch die Welt hat die charmante Eigenart, seine Bewohner immer wieder durch unerwartete Wendungen bei Laune zu halten. Und so tritt ein kurioses Phänomen nicht gerade selten auf: dass alles ganz anders kommt, wenn sich alle einig sind. Und in der Tat verdichten sich derzeit die Anzeichen, dass in Deutschland und Europa die von allen Seiten beschworene Rezession ausbleibt.

Wie hoch ist der Preis für die Inlation?

Die Inflation ist der wichtigste Faktor in der kurz- und mittelfristigen wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Kontinent. Warum? Weil sie aus Sicht der Geldpolitik der Notenbanken gedacht werden muss: Die Hauptaufgabe der EZB ist die Garantie von Preisstabilität im Euroraum. Die dafür notwendige niedrige Inflationsrate erreicht sie, indem sie die europäische Wirtschaft durch gezielte Zinserhöhungen abkühlt. Je schneller und stärker die Zinserhöhungen, um so tiefer die wirtschaftliche Abkühlung – bishin zu einer Rezession, also einem Rückgang der Wirtschaftsleistung über mehr als zwei Quartale.

Das bedeutet: Je höher und langwieriger die Inflation ausfällt, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB die Zinsen schnell und stark erhöht und länger auf einem hohen Niveau hält. Die Inflation wird so oder so eingefangen, die Frage ist nur, wie hoch der Preis dafür sein wird. Gelingt dies ohne das Auslösen einer Rezession, spricht man von einer „weichen Landung”, ansonsten von einer „harten Landung”.

Rate geringer als erwartet

Analysten gingen insbesondere für den Euroraum bisher von einer harten Landung aus. Doch völlig überraschend ist die Wahrscheinlichkeit einer weichen Landung zuletzt gestiegen. Im Dezember lag die Inflationsrate im Euroraum auf Jahressicht zwar bei 9,2 Prozent, doch Volkswirte hatten mit einer Rate von 9,5 Prozent gerechnet. Auf Monatssicht waren die Rückgänge massiv: Im November lag die Inflationsrate noch bei 10,1 Prozent, im Oktober hatte sie ihren bisherigen Rekordwert von 10,6 Prozent erreicht. In den großen Volkswirtschaften in Europa – unter anderem in Deutschland, Frankreich und Spanien – ist die Teuerungsrate damit zwar immer noch hoch, fällt aber deutlich geringer aus als erwartet.

Analysten aus der Forschungsabteilung des deutschen Versicherers Allianz gehen sogar davon aus, dass sich die Inflationsrate innerhalb der kommenden zwei Jahre wieder einem Normalmaß annähert. In Deutschland soll die Teuerung nach 8,8 Prozent im Jahr 2022 auf 6,8 Prozent im Jahr 2023 fallen, um dann im Jahr 2024 auf 2,4 Prozent zu sinken. Damit würde sie sich leicht oberhalb des EZB-Ziels von 2 Prozent einpendeln – ein für die Wirtschaft durchaus gesundes Niveau.

Energiepreise sinken seit Monaten

Ursächlich für die stark sinkenden Inflationsraten in Europa sind die fallenden Energiepreise. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Zum einen gingen die Volkswirtschaften in Europa von einer Rezession aus, weswegen sie Wirtschaftsaktivitäten reduzierten. Dadurch sank die Nachfrage nach Energie. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist der milde Winter in Europa und der damit verbundene niedrige Verbrauch von Öl und Gas. Gleichzeitig war es zuletzt ungewöhnlich windig, was zu einer höheren Energieproduktion durch Windräder führte. Als Folge füllten sich die Energiespeicher anstatt sich zu leeren und die Nachfrage nach Gas und Öl sank – und mit ihr die Preise. Sollte nun auch noch ein früher Frühling eintreten, wird die europäische Wirtschaft zusätzlich an Fahrt gewinnen.

Ein dritter Faktor ist das Ende der strikten No-Covid-Politik in China, die mit einer Wiederöffnung der chinesischen Wirtschaft einherging. Dadurch war ein starker Nachfrageschub nach Energie von chinesischer Seite erwartet worden, was die Preise nach oben getrieben hätte – bisher ist dieser Effekt aber ausgeblieben. Sollte er noch eintreten, wäre aber auch das kein Drama, weil er – insbesondere in Deuschland – durch die Konjunkturbelebung in Folge der steigenden Handelsaktivitäten mit China ausgeglichen würde.

Ein weiterer Indikator für die Verbraucherpreise sind die Importpreise, deren Anstieg zuletzt kräftig zurückging. Im November lagen sie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von Anfang Januar um 14,5 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Das ist hoch, aber deutlich niedriger als die 18 Prozent, die Ökonomen vorausgesagt hatten. Tatsächlich wurden die Experten von diesem starken Rückgang überrascht, zumal die Einfuhrpreise im Monatsvergleich sogar um 4,5 Prozent gesunken sind. Da die Importpreise die Verbraucherpreise beeinflussen, ist auch dies ein Indikator für eine zukünftig sinkende Inflationsrate.

Steuerung der Rezession ist möglich

Insgesamt sieht das Bild gar nicht so düster aus: Die Bürger in den Industrieländern geben trotz der Krise weiter Geld aus, die Lieferketten entspannen sich, europäische und amerikanische Unternehmen sitzen auf einem Berg an noch nicht abgearbeiteten Aufträgen und konnten gleichzeitig die in der Pandemie gewachsenen Lagerbestände reduzieren. Zudem tendiert der Dollar wieder schwächer, was sich auch auf die globale Wirtschaft auswirkt: US-Unternehmen profitieren von günstigeren Exporten, die europäische Wirtschaft profitiert von Preisnachlässen bei in Dollar gehandelten Rohstoffen und die meist in Dollar verschuldeten Schwellenländer profitieren, weil sich die Wahrscheinlichkeit für Finanzkrisen in ihren Ländern reduziert. Die Arbeitslosigkeit in der Eurozone hat im Dezember einen historischen Tiefstand erreicht und auch in den USA ist der Arbeitsmarkt so robust wie zuletzt Ende der 1960er Jahre. All dies sind keine Vorboten für eine Wirtschaftskrise.

Tatsächlich stimmt aber vor allem eine einfache Tatsache optimistisch: Eine von den Notenbanken verursachte Rezession lässt sich leichter überwinden als eine Krise, die von grundlegenden Problemen in Wirtschaft und Gesellschaft ausgelöst wird. Ursächlich für eine solche „Notenbank-Rezession” sind Zinsanhebungen. Folglich besteht das Gegenmittel aus Zinssenkungen. Somit ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich in diesem Jahr das Jahr 2022 wiederholen wird, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Im vergangenen Jahr stieg die Inflation und die Notenbanken hoben die Zinsen unter Berücksichtigung der Wirtschaftsdaten an – je solider letztere ausfielen, desto mehr Spielraum für Zinsanhebungen war gegeben. Im Laufe dieses Jahres sinkt die Inflation und die Notenbanken werden unter Berücksichtigung der Wirtschaftsdaten die Zinswende einläuten – je brüchiger letztere ausfallen, je weiter sich die Volkswirtschaften also in Richtung Rezession bewegen, desto stärker werden die entsprechenden Zinssenkungen ausfallen.

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