In Rostock kommen Woche für Woche Tausende Menschen zusammen, um zu demonstrieren. Doch am meisten Menschen gehen in Baden-Württemberg auf die Straße.  Im Westen und im Norden finden nur vereinzelt Demonstrationen statt.
In Rostock kommen Woche für Woche Tausende Menschen zusammen, um zu demonstrieren. Doch am meisten Menschen gehen in Baden-Württemberg auf die Straße. Im Westen und im Norden finden nur vereinzelt Demonstrationen statt. Bernd Wüstneck
Dr. Piotr Kocyba lehrt seit 2009 an der Technischen Universität Chemnitz Politikwissenschaften und ist deutschlandweit ei
Dr. Piotr Kocyba lehrt seit 2009 an der Technischen Universität Chemnitz Politikwissenschaften und ist deutschlandweit ein Experte auf dem Gebiet der Protestforschung. TU Chemnitz
Corona-Proteste

Darum gehen im Osten mehr Menschen demonstrieren

Während in manchen Teilen Deutschlands tausende Menschen auf die Straßen gehen, protestieren in anderen Städten deutlich weniger gegen die Corona-Politik. Woran liegt das?
Neubrandenburg

Tausende Menschen ziehen Woche für Woche los und lassen auf Demonstrationen ihren Frust über die Corona-Politik ab. Doch die Proteste konzentrieren sich vor allem auf den Osten und den Süden Deutschlands. Es gibt zwar auch große Demonstrationen in Großstädten wie Hamburg, Köln und Hannover, doch auf dem Land finden so gut wie keine Demos im Westen und im Norden statt.

Mehr lesen: Corona-Protest am Montag – kein Demo-Zug in Rostock

Ein Polizeisprecher des Landeskriminalamts von Nordrhein-Westfalen bestätigt, dass in den vergangenen Wochen nur vier bis fünf Corona-Demos pro Woche angemeldet wurden. In Hamburg gingen laut Polizei zwar bis zu 3000 Menschen auf die Straße, doch im Umland und in Schleswig-Holstein kam es zu keinen größeren Demos.

Die meisten Demos finden in Baden-Württemberg statt, gefolgt von Sachsen

Zum Vergleich in dem sehr viel kleineren Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind es zwischen acht und zwölf Demonstrationen, in Sachsen bis zu 20 und in Baden-Württemberg waren es in der Spitze sogar bis zu 28 größere und kleinere angemeldete Demonstrationen pro Woche.

Also warum demonstrieren mehr Menschen in Ost- und Süddeutschland und weshalb gibt es dort mehr Demonstrationen?

Auch interessant: Krawalle bei Demo gegen Corona-Maßnahmen in Brüssel

Der Protestforscher Dr. Piotr Kocyba der Technischen Universität Chemnitz hat einen Erklärungsansatz: „Im Osten Deutschlands sind die Strukturen für regelmäßige Demonstrationen einfach vorhanden – vor allem natürlich durch die Pegida-Demos.” Auch in Baden-Württemberg werde insgesamt mehr demonstriert als in anderen Bundesländern, vor allem nach dem Projekt Stuttgart 21, meint der Politikwissenschaftler.

Je professioneller die Demo, desto mehr Menschen kommen auch

Kocyba zur Folge braucht es eine Handvoll erfahrener Akteure, die die Demos organisieren, mit der Polizei und den Ordnungsämtern reden, Routen planen und die Verantwortung übernehmen. „Wer schon einmal eine Demo organisiert hat, der organisiert weitere und der Osten und auch Baden-Württemberg hat einfach diese Demonstrationskultur, die es in West- und Norddeutschland in dieser Form so nicht gibt.”

Weiterlesen: Proteste zum Pegida-Jubiläum in Dresden

Seine Schlussfolgerung: Je besser und professioneller die Demo organisiert ist, desto mehr Menschen gehen da auch hin. Viele Menschen würden damit liebäugeln, auf die Straße zu gehen und zu protestieren, aber bis sie es doch tun muss schon viel passieren und da fällt es leichter, wenn schon gewisse Strukturen vorhanden sind. „Die Menschen in Sachsen, MV oder Bayern sind ja nicht radikaler als im Norden, aber sie haben einfacher die Möglichkeit zu demonstrieren”, erklärt Dr. Kocyba.

Die Menschen sind bequem und demonstrieren am liebsten vor der Haustür

Also eine Frage der Bequemlichkeit? In gewisse Weise ja, sagt der Protestforscher. Das könne man besonders gut auf dem Land beobachten. In Sachsen und auch in MV finden in vielen Dörfern und Kleinstädten Demos statt, die von Profis organisiert werden. „Das sind sehr häufig dieselben Anmelder, die auch in den großen Städten die Demos anmelden und auch vor ein paar Jahren die Pegida-Märsche angemeldet haben.”

Dann würde es Leuten auch leichter fallen zu demonstrieren, wenn sie nicht noch eine Stadt weiter fahren müssen, sondern direkt vor Ort protestieren können.

 

Zur Person:

 

Dr. Piotr Kocyba ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas der Technischen Universität Chemnitz und Experte für Protestbewegungen. Unter anderem erforschte er bereits die Fridays-For-Future-Proteste und die Black-Lives-Matter-Bewegung. Im Dezember 2021 veröffentlichte er gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern eine Arbeit über qualitative und quantitative Herausforderungen bei der Erforschung unter anderem von Pegida.

zur Homepage