Die Bank of England, die britische Zentralbank, musste nach der Steuerankündigung der Regierung die Reißleine ziehe
Die Bank of England, die britische Zentralbank, musste nach der Steuerankündigung der Regierung die Reißleine ziehen, sonst wäre es zu einer Katastrophe an den Finanzmärkten gekommen. Vuk Valcic
Finanzkrise

Das globale Finanzsystem stand kurz vor dem Kollaps

In Großbritannien spielte sich zuletzt ein Krimi ab, der die Finanzmärkte weltweit erschütterte. Die Renten standen auf dem Spiel. Das letzte Kapitel scheint noch nicht geschrieben.
London

„Ich dachte, dies ist der Anfang vom Ende”. Mit eindrücklichen Worten schildert ein Londoner Banker anonym der Financial Times, wie sich das Desaster, das Ende September in Großbritannien begann, vor seinen Augen entfaltete. „Es war nicht ganz ein Lehman-Moment”, sagt er und erinnert damit an die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers, die für Verwerfungen an den globalen Finanzmärkten sorgte und zu einer der schwersten weltweiten Finanzkrisen der jüngeren Geschichte sorgte. „Aber es war nah dran”.

Konjunkturpaket ohne Absicherung

Am Ende geriet das gesamte Finanzsystem ins Wanken, der britische Finanzminister Kwasi Kwarteng wurde entlassen und auch die Regierungszeit von Neu-Premierministerin Liz Truss dürfte abgelaufen sein. Wie konnte es in so kurzer Zeit so weit kommen?

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Nach dem Brexit, der Corona-Pandemie und den Folgen des Ukraine-Krieges leiden die Briten unter einer der schwersten Wirtschaftskrisen seit Jahrzehnten. Die Inflation ist zweistellig, die Energiekosten haben sich in kürzester Zeit fast verdoppelt und es droht eine Firmeninsolvenzwelle ungeahnten Ausmaßes. Um der Krise entgegenzuwirken, kündigte die britische Regierung Anfang der letzten Septemberwoche ein massives Konjunkturpaket und die größten Steuererleichterungen seit 50 Jahren an. Alleine durch das Herabsetzen der Einkommenssteuersätze sollte die Bevölkerung bis 2027 um 45 Milliarden Pfund (rund 51 Milliarden Euro) entlastet werden. Insgesamt hätte das Paket ein Volumen von 160 Milliarden Pfund gehabt, was wahnsinnige 1,25 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts entsprochen hätte. Das Problem dabei: Es gab nicht einmal den Anschein einer Gegenfinanzierung. Die Regierung schien sich in der Hoffnung verloren zu haben, dass das Paket die Wirtschaft so sehr ankurbeln würde, dass dadurch Steuereinnahmen in ähnlicher Höhe zu generieren seien.

Pfund und britische Staatsanleihen stürzten ins Bodenlose

Eine solche Prognose hat in deflationären Phasen – zumindest in der volkswirtschaftlichen Theorie – eine durchaus vertretbare Eintrittswahrscheinlichkeit, stellt in Zeiten der Hochinflation aber ein Symptom für wirtschaftliche Suizidalität dar. Warum? Weil der Markt ohne belastbare Hinweise auf eine Gegenfinanzierung davon ausgehen muss, dass das Paket über neue Schulden finanziert wird, welche die ohnehin schon ausufernde Staatsverschuldungskrise in Großbritannien weiter verschärft hätte. Steigende Zinsen würden sich in einer solchen Lage dramatisch auf den Haushalt auswirken. Das bedeutet auch: Der Bank of England, der britischen Zentralbank, wären in der Inflationsbekämpfung die Hände gebunden, sie müsste die notwendigen Zinsanhebungen verzögern, abschwächen oder gar ganz aussetzen, was im schlimmsten Fall zu einer Hyperinflation führen könnte. Der Kapitalmarkt reagierte entsprechend auf die Ankündigung der britischen Regierung: Das Pfund stürzte ins Bodenlose und die Kurse für britische Staatsanleihen brachen massiv ein.

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Dadurch wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, die den gesamten britischen Rentenmarkt an den Rand des Ruins brachten. Wie kann das sein? Die Herausgabe von Staatsanleihen ist eine Möglichkeit für einen Staat, Schulden zu machen. Initial haben sie bei einer festen Laufzeit einen bestimmten Kurs und einen bestimmten Zinssatz. Nach Herausgabe können Kurs und Zinssatz schwanken und die Anleihen selbst können bis zum Ende der Laufzeit gehalten oder frei am Markt gehandelt werden. Der Markt für britische Staatsanleihen wird wiederum von den nationalen Pensionsfonds dominiert, die aus den Zinserträgen der Anleihen, den sogenannten Renditen, Teile der Rentenansprüche ihrer Pensionäre begleichen. Da Zinsen ein Risikoaufschlag sind, verlaufen Kurs und Rendite einer Staatsanleihe gegensätzlich: Steigt das Risiko, eine Anleihe zu halten, sinkt ihr Kurs und die Rendite steigt. Nimmt das Risiko ab, steigt ihr Kurs und die Rendite fällt.

90 Prozent aller Pensionskassen drohten zu kippen

Was geschah nun nach der Ankündung der britischen Regierung? Der Finanzmarkt bewertete dies in einem inflationären Umfeld als hochriskant. Die Folge: Die Kurse der britischen Staatsanleihen fielen und die Renditen stiegen, und zwar massiv. Das Problem dabei: Da die Renten britischer Pensionäre an den Pensionskassen hängen, können diese nicht tun und lassen, was sie wollen. Sie unterliegen Auflagen unter anderem bezüglich ihres Risikomanagements. Wenn das Risiko steigt, müssen Pensionsfonds zusätzliche Sicherheiten hinterlegen. Nach der Ankündigung der britischen Regierung sind langlaufende britische Staatsanleihen aber in einer solchen Geschwindigkeit gefallen, dass die britischen Rentenkassen hastig Teile ihrer Vermögenswerte, darunter auch Staatsanleihen selbst, verkaufen mussten, um zusätzliche Sicherheiten zu hinterlegen. Das Problem hier: Viele Pensionskassen setzen bestimmte Finanzprodukte ein, um Vermögen und Verbindlichkeiten im Gleichgewicht zu halten. Diese sogenannten Derivate gewinnen an Wert, wenn die Zinsen fallen und verlieren an Wert, wenn die Zinsen steigen.

Die Produkte funktionieren ausgezeichnet, um sich gegen fallende Zinsen abzusichern. Doch wenn britische Staatsanleihen schlagartig im Kurs steigen und ihre Renditen sinken, verlieren sie stark an Wert. Die Folge: Neue Sicherheiten in Form von Bargeld müssen her. Deshalb verkauften die Pensionskassen britische Staatsanleihen, was die Kurse weiter fallen ließ – und die Fonds schlussendlich dazu zwang, noch mehr Sicherheiten zu stellen. Eine Abwärtsspirale war in Kraft getreten. „Ohne Intervention hätten 90 Prozent der britischen Pensionsfonds keine Sicherheiten mehr gehabt, sie wären vernichtet worden”, sagte Kerrin Rosenberg, Geschäftsführer des britischen Ablegers des niederländischen Investmentberaters Cardano. Damit drohte urplötzlich ein Zusammenbruch des gesamten britischen Rentenmarktes, was zum Ausfall der Renten für viele Millionen Briten im Ruhestand geführt hätte.

Finanzsystem stand kurz vor dem Zusammenbruch

Und nicht nur das: Durch die enge Verzahnung der Pensionskassen mit dem Rest der Finanzwelt geriet das ganze System ins Wanken. Die globalen Aktien- und Anleihenmärkte gaben nach, das Pfund stürzte ab, die großen Ratingagenturen Fitch, Moodys und S&P kündigten eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit Großbritanniens an, der Internationale Währungsfonds (IWF) sandte eindrückliche Warnungen an die britische Regierung, und Banken und Vermögensverwalter wie Blackrock forderten die britische Zentralbank auf, umgehend einzugreifen, um einen drohenden Systemzusammenbruch zu verhindern. Innerhalb von nur 48 Stunden war auf der Insel völliges Chaos ausgebrochen, das das globale Finanzsystem ins Wanken brachte.

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Erst durch ein Eingreifen der Bank of England konnte das Schlimmste verhindert werden. In einer Notsitzung beschloss die britische Zentralbank, den Anleihenmarkt zu stützen, indem 13 Werktage lang täglich britische Staatsanleihen im Wert von 5 Milliarden Euro gekauft wurden. Nach mehrmaligen Nachfassen stabilisierten sich die Finanzmärkte – doch die politischen Turbulenzen blieben. Premierministerin Truss entließ ihren Finanzminister Kwarteng, der neu eingesetzte Jeremy Hunt machte umgehend so gut wie alle von Truss angekündigten Steuererleichterungen rückgängig. Truss selbst scheint nicht nur den Rückhalt in ihrer Partei, sondern im ganzen Land verloren zu haben. Das konservative Magazin „Spectator” nannte ihr gescheitertes Steuerprojekt den „größten selbstverschuldeten politischen Fehler” seit der Suez-Krise 1956, ihr intellektuelles und politisches Projekt sei am Ende.

Der Sturm über dem Meer des globalen Finanzsystems scheint verzogen, doch das flaue Gefühl im Magen bleibt: Wie anfällig für eine systemische Krise ist die Finanzwelt? Welche Risiken gibt es und welche Auswirkungen hätte ein großer Crash für die Bürger? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns demnächst hier auf www.nordkurier.de.

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