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4495 Tage Bundeskanzlerin

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Das hat sich seit der ersten Wahl von Merkel verändert

Ein altes und ein aktuelles Portrait der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zwischen 2005 und 2018 ist viel passiert.
Ein altes und ein aktuelles Portrait der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zwischen 2005 und 2018 ist viel passiert.
Wolfgang Kumm/Tim Brakemeier/NK-Montage

Das Smartphone spielte noch keine große Rolle, dafür Thomas Gottschalk. Seit der ersten Wahl von Angela Merkel hat sich in Deutschland viel verändert. Ein Streifzug durch mehr als zwölf Jahre.

Im Jahr 2005 war vieles anders als heute. Zum Wort des Jahres wurde damals „Bundeskanzlerin” gekürt. 2017 ging dieser Titel an „Jamaika-Aus”. Matthias Platzeck wurde damals mit 99,4 Prozent zum neuen Vorsitzenden der SPD gewählt. Zur gleichen Zeit regierte er als Ministerpräsident in Brandenburg. Sein Kollege in Mecklenburg-Vorpommern war Parteifreund Harald Ringstorff.

Heute ist Platzeck Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, Ringstorff hat sich weitgehend von der politischen Bühne verabschiedet. Im Gegensatz zu Wladimir Putin oder Silvio Berlusconi, die Merkel gefühlt schon seit Anbeginn der Zeiten begleiten – anders als ihr Freund Barack Obama. Die Amtszeit des ersten schwarzen US-Präsidenten endete im Januar 2017.

Als die in Templin aufgewachsene Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt wurde, trainierte Felix Magath den FC Bayern München. Heute wartet er nach seinem Engagement bei Club Luneng in China auf die nächste Anstellung. Und Thomas Gottschalk moderierte damals mit „Wetten dass..?” die Top-Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen. Heute ist er weitgehend vom Bildschirm verschwunden.

„Tokio Hotel” singen „Durch den Monsun”

„Bundeskanzlerin” wird in Deutschland gewiss nicht mehr Wort des Jahres, denn Teile der jüngeren Generation dürften sich schon gar nicht mehr daran erinnern, dass Deutschland auch mal einen Mann als Bundeskanzler hatte. Wenn Angela Merkel (CDU) heute vom Bundestag zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt wird, sind 4495 Tage seit ihrer ersten Wahl in dieses Amt am 22. November 2005 vergangen.

Das Jahr 2005, das ist die Zeit von Tokio Hotel. Die Magdeburger Boyband beweist, dass Musikgruppen die Teenies auch im 21. Jahrhundert noch immer zum Kreischen bringen. Sie singen „Durch den Monsun” und verkaufen in ihrem Aufstiegsjahr über eine Million Platten. Im Publikum freuen sich junge Fans – darunter auch junge Männer, die seinerzeit wieder verstärkt Bart und Zauselfrisuren tragen.

Abseits der Teenie-Band sind Sudoku-Rätsel im Trend, im Kino läuft „Harry Potter und der Feuerkelch” sehr erfolgreich. „Million Dollar Baby” von Clint Eastwood gewinnt den Oscar als bester Film. Und mit der breit angelegten Kampagne „Du bist Deutschland” soll Mut und Optimismus verbreitet werden. Ein Jahr später ist die Fußball-WM in Deutschland. Das Sommermärchen.

Vom Klapphandy zum Allzweck-Smartphone

In den 4495 Kanzlerin-Tagen haben die fortschreitende Technik und vor allem das Smartphone Arbeit, Freizeit und Beziehungen der Deutschen revolutioniert. Freute man sich bei den Mobiltelefonen von 2005 schon über einen Farbbildschirm, eine funktionierende Kamera und ein paar taugliche Spiele, sind die Handys im Jahr 2018 Allzweckwaffen: soziale Netzwerke, Navigation, das Wetter, Videotelefonie und vieles mehr. Wer will, kann sich von seiner App auf dem Smartphone die richtige Grillzeit für sein Fleisch nennen oder sich die Schritte und Herzfrequenz beim Joggen messen lassen.

Überhaupt hat sich die Kommunikation in der letzten Dekade enorm gewandelt. Wurde der Empfang einer E-Mail im Jahr 2005 noch alle paar Tage via AOL oder MSN überprüft, sind die Menschen heutzutage jederzeit erreichbar und nicht nur über WhatsApp in Kontakt, sondern versuchen auch ihre Urlaubsschnappschüsse auf Instagram mit dem besten Filter ins richtige Licht zu rücken und teilen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ihre Gemütslagen zu der letzten Talkshow-Sendung der öffentlich-rechtlichen Programme mit der Welt.

In mehr als zwölf Jahren Kanzlerinnenschaft war auch genug Zeit für eine kleine TV-Revolution. Nahm 2005 bei „Wetten dass..?” noch die ganze Familie vor dem Fernseher Platz, um Superstars auf Gottschalks Sofa zu sehen, ist die Sendung nach einem Moderatoren-Wechsel zu Markus Lanz längst abgeschafft. Auf das einst berühmteste Sofa Deutschlands setzte sich Merkel im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) sowieso nie.

Die heutige Fernseh-Generation wächst anders auf: Streaming-Dienste wie Netflix und Mediatheken haben – außer vielleicht bei Fußball und beim „Tatort” – für eine Zersplitterung gesorgt. Das TV-Programm ist nicht mehr alternativlos, sondern gerade bei jungen Leuten oft eine Option von vielen.

„Wir sind Papst” und Fußball-Weltmeister

4495 Tage: Das sind auch zwei Päpste, vier Bundespräsidenten, fünf Vize-Kanzler (Olaf Scholz wird der sechste) und 19 Fußball-Trainer beim Bundesliga-Dino Hamburger SV, der in all dieser Zeit natürlich in der höchsten deutschen Spielklasse antrat. Ailton oder Rafael van der Vaart kickten damals noch für die Hamburger, in den Folgejahren fielen sie eher im Boulevard auf. Zum Beispiel im RTL-Dschungelcamp, das 2004 erstmals ausgestrahlt wurde und damit tatsächlich länger existiert als Merkel die Bundesregierung führt.

Als Krisenkanzlerin brachte sie den Atomausstieg 2011 auf den Weg, bekämpfte den Kollaps des Finanzsystems ab 2007 und musste mit diversen außenpolitischen Krisen umgehen: Konflikt in der Ukraine, Arabischer Frühling, Bürgerkrieg in Syrien, Zuzug von Millionen Geflüchteten.

„Wir sind Papst”, titelte die „Bild”-Zeitung 2005 beim Amtsantritt von Joseph Ratzinger. Papst ist Deutschland zwar seit 2013 nicht mehr, dafür aber seit 2014 Fußballweltmeister. Und sogar Sieger des Eurovision Song Contests (ESC) war Deutschland einmal in Merkels Amtszeit, weil 2010 Lena Meyer-Landrut mit „Satellite” in Oslo triumphierte. Stefan Raab, der damals Lena groß machte, hat sich inzwischen in den TV-Ruhestand verabschiedet. In den letzten Jahren landete Deutschland beim ESC stets weit hinten.

BER, Stuttgart 21 und A20

Und auch bei den Bauprojekten der Neuzeit hatten die Wegbegleiter Merkels kein glückliches Händchen. Während der Hauptstadtflughafen BER (Baubeginn 2006) und Stuttgart 21 (Baubeginn 2010) noch in Arbeit sind, steht ein anderes Projekt unter einem ganz anderen Stern: Am 7. Dezember 2005 eröffnete die Kanzlerin zusammen mit Ministerpräsident Ringstorff und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee die letzten Teilstücke der A 20 bei Tribsees. Was daraus geworden ist, muss nicht mehr extra erklärt werden.