Nordkurier-Chefredakteur Jürgen Mladek
Nordkurier-Chefredakteur Jürgen Mladek Nordkurier
Cancel-Wünsche auf Twitter

Der Nordkurier erscheint weiter ohne Haltungs-Disclaimer

Der Nordkurier soll seine Textchefin rauswerfen, fordert der Haltungsadel auf Twitter. Chefredakteur Jürgen Mladek erklärt, warum das nicht geschehen wird.
Neubrandenburg

Aktuell wünschen sich in sozialen Netzwerken – vor allem bei Twitter – allerhand Menschen, die für sich reklamieren, Journalist*Innen oder anderweitig mit besonderem Durchblick ausgestattet zu sein, das Ende des Nordkurier und dessen Chefredakteurs allgemein und speziell die umgehende Kaltstellung der Textchefin Simone Schamann. Sie tun das öffentlich auf Twitter und hinterrücks durch „Meldung” beim Arbeitgeber.

Diese Existenzvernichtungsphantasien haben ihren Ursprung in einer Reihe von Veröffentlichungen, in denen die geschätzte Kollegin Schamann die Argumente und Forderungen von Kritikern der Corona-Maßnahmen – darunter auch Querdenker – unvoreingenommen thematisiert.

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Sie tut das, indem sie diesen Menschen zuhört und dann deren Standpunkt beschreibt. Das würde man ihr vielleicht noch verzeihen. Sie berichtet dann aber auch noch – und daran entzündet sich die Kritik, die durchsetzt ist mit Hass und Häme – ohne den für viele Medien offenbar unverzichtbar gewordenen Haltungs-Disclaimer. Man findet kaum Beiträge über Kritiker der Regierungsmaßnahmen, die nicht tugendhaft signalisieren, dass die Maßnahmenkritiker für diese Journalierenden allesamt und selbstredend komplett verschwurbelte rechte Irre sind.

Eingefärbte Berichte

Frau Schamann verstößt damit gegen einen in den entsprechenden Kreisen herrschenden Common Sense, der Zweifel an der jeweiligen Wirksamkeit und Angemessenheit der vielen Einschränkungen von Grundrechten für wahlweise lächerlich oder sogar – weil angeblich „rechts” – gefährlich hält. In bester Generalverdachts-Manier wird zudem suggeriert, eine viele Tausend Köpfe zählende Bewegung sei staatsfeindlich, weil einige ihrer Anhänger es möglicherweise sind. So wird demokratischer Protest sabotiert und das Regierungshandeln als – wieder mal – alternativlos geframed.

Dass derart staatsfromm eingefärbte Berichte dem Publikum die Möglichkeit nehmen, sich ein eigenes umfassendes Bild von Standpunkten und Argumenten zu machen, ist dann natürlich kein Journalismus mehr. Es ist Propaganda.

Und ja, natürlich sind bei den Querdenkern und anderswo auch Rechte mitmarschiert, und es ist verdienstvoll, dass das umfassend recherchiert und beschrieben wurde. Unredlich ist es aber, wenn man dann alle Kritiker damit pauschal unablässig zu stigmatisieren versucht. Denn nahezu jede Bewegung, jede Partei und jede Überzeugung könnte man delegitimieren, wenn man ständig nur auf einen negativen Aspekt fokussieren würde. Denn den gibt es überall, und darüber kann man natürlich auch trefflich streiten.

Wenn unserer Textchefin aber ausgerechnet von Kolleg*Innen – besonders hervor tat sich hier der Übermedien-Autor Hendrik Wieduwilt – ihre berufliche Qualifikation abgesprochen wird und sie mit sexistischen Klischees als ahnungsloses Dummerchen abgekanzelt wird, ist das keine Einladung zum Diskurs mehr, sondern eine respektlose Absage an den Pluralismus und die offene Diskussion, die dafür unabdingbar ist.

Veröffentlichung zu internem BKA-Papier

Wie verengt und voreingenommen der Blick auf die Arbeit unserer Kollegin ist, zeigte sich exemplarisch bei ihrer jüngsten Veröffentlichung über ein geleaktes internes BKA-Papier, das die Gefährdungslage im Umfeld von Querdenker-Demonstrationen behandelt. Auf Twitter gab es einen Entrüstungssturm, weil Frau Schamann den Fokus auf einen auch für sie überraschenden Aspekt legte – dass nämlich laut BKA von linken Gegendemonstranten die größte Gefahr droht. Die Folge: Maßlose Angriffe auf ihre Person und berufliche Qualifikation, inklusive Denunziation beim Arbeitgeber. Einig waren sich die Hater auch darüber, dass Frau Schamann das BKA-Papier falsch interpretiert und journalistisch schlampig gearbeitet habe.

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Kurz nach dem entsprechenden Nordkurier-Bericht erschien dann allerdings auf der Informationsplattform „Belltower“ der Amadeu-Antonio-Stiftung ein Artikel über dasselbe BKA-Papier. Der/die Autor*in legte den Inhalt des Papiers exakt so aus wie die Kollegin Schamann. Manche Absätze ähnelten denen in ihrem Artikel sogar verdächtig bis aufs Wort. Hier blieb allerdings der Shitstorm aus – weil nämlich im „Belltower“-Artikel einfach mal behauptet wurde, dass das BKA ganz offensichtlich keine Ahnung hat.

Tugend-Schaufenster Twitter

Dafür gibt es dann Extra-Applaus aus dem Tugend-Schaufenster Twitter. Und genau darum geht es im Kern auch bei der „Kritik” am Nordkurier und seiner Textchefin: Die eigene Moral-Marke öffentlich zu schärfen. Es waren nicht die vermeintlichen handwerklichen Fehler der Kollegin, die den Sturm der Entrüstung auf Twitter auslösten – sondern es war die Tatsache, dass sie es gewagt hat, über das BKA-Papier und manches andere ohne das fast schon obligatorisch gewordene Framing von den „bösen irren Querdenkern“ zu berichten.

Dass es nie um Inhalte ging, sondern um Meinungen, zeigt sich auch daran, dass kaum ein „Kritiker” den Kontakt mit Frau Schamann oder dem Chefredakteur suchte. Aburteilen ohne zuerst Fragen zu stellen, auch das ist übrigens kein Journalismus, sondern wieder nur Propaganda. Der Nordkurier wird sich daran auch in Zukunft nicht beteiligen.

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