FRIDAYS FOR FUTURE

Die Greta Thunberg von 1992 (Video)

„Das Mädchen, das die Welt zum Schweigen brachte” – diese Schlagzeilen gingen um die Welt. Und zwar nicht nach Greta Thunbergs jetzt schon legendärer Wutrede vor der UNO, sondern bereits 1992.
Jürgen Mladek Jürgen Mladek
Severn Cullis-Suzuki und Greta Thunberg trennen mehrere Jahre – und doch haben sie Einiges gemeinsam.
Severn Cullis-Suzuki und Greta Thunberg trennen mehrere Jahre – und doch haben sie Einiges gemeinsam. Screenshot Youtube/ Kay Nietfeld
New York.

„Ich bin 5000 Meilen gereist, um Ihnen zu sagen, dass sie Ihren Kurs ändern müssen. Ich kämpfe für meine Zukunft. Die Zukunft zu verlieren ist etwas anderes als eine Wahl oder ein paar Punkte im Aktienindex.” Ein Mädchen, 12 Jahre alt, spricht in beschwörendem Ton auf die versammelten Vertreter der Staaten dieser Welt ein. Sie wirkt aufgewühlt, aber auch kämpferisch. Nicht ganz so voller Wut und Verzweiflung, wie 27 Jahre später Greta Thunberg, aber nicht weniger eindringlich. Sechs Minuten zeichnet sie ein Horrorszenario vom Zustand der Welt. Hungernde Kinder, aussterbende Tierarten, verschwundene Wälder. Und sie klagt die Regierungsvertreter an, die am Ende lange klatschen. Das Mädchen ist die Kanadierin Severn Cullis-Suzuki, sie spricht in Rio de Janeiro anlässlich einer Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung.

Mit neun Jahren hat Severn schon eine eigene Umweltorganisation gegründet, unterstützt von ihren Eltern, die selbst Umweltaktivisten sind. Das Geld für die Reise hat sie durch Spenden gesammelt, den Platz am Rednerpult allerdings, den haben ihr, wie auch bei Greta Thunberg, natürlich genau jene Erwachsenen geebnet, die dann von ihr auf die Anklagebank gesetzt werden.

„How dare you” (Wie könnt ihr es wagen), das war der immer wieder kehrende Hauptpunkt in der Rede von Greta Thunberg. Severn Cullis-Suzuki schlug in Rio einen anderen Ton an. „Ich bin nur ein Kind” – so beginnen viele ihrer Sätze. „Ich bin nur ein Kind, und ich habe Angst, in die Sonne zu gehen wegen des Ozonlochs, und ich habe Angst zu atmen wegen der Chemikalien in der Luft. Ich bin früher zum Angeln gegangen mit meinem Vater, und dann fanden wir Fische voller Krebstumore. Und jetzt hören wir von Pflanzen und Tierarten, die ausgelöscht werden – für immer.”

Was wurde aus Severn Cullis-Suzuki?

Das klingt dann wieder wie 27 Jahre später bei Greta Thunberg, die Anklage wegen ihrer gestohlenen Kindheit und geraubten Zukunft erhebt. Und wie Greta Thunberg sagt auch Severn, dass sie selbst keine Patentlösungen hat. Aber einen radikalen Wandel, den zumindest fordert sie wie später die Schwedin auch. „Ich bin nur ein Kind und habe die Lösungen auch nicht. Aber Sie (die Staatsmänner) wissen auch nicht, wie man ausgestorbene Tierarten wiederbelebt, gerodete Wälder zurückbringt, Wüsten begrünt. Wenn Sie das also nicht lösen können, dann hören Sie damit auf, die Dinge kaputt zu machen.”

Rührung macht sich im Saal breit, als die Zwölfjährige dann über ihre persönliche Zukunft nachdenkt: „Ich habe davon geträumt, den Dschungel zu sehen, voller exotischer Tiere und Schmetterlinge, aber jetzt frage ich mich, ob das für meine Kinder noch existieren wird. All dies passiert vor unseren Augen, und dennoch tun wir so, als hätten wir alle Zeit der Welt, die Probleme zu lösen.”

Wie Greta Thunberg wurde auch Severn Cullis-Suzuki für diesen „mutigen Auftritt” in den Medien auf der ganzen Welt gefeiert. Sie sprach danach auf vielen Kongressen, erhielt auch Auszeichnungen. Sie blieb noch einige Jahre in den Medien präsent, dann wurde es ruhiger um sie. Was aus ihr geworden ist?

Hoffnung für die Zukunft?

Nun, ihre Kinder konnten zumindest den Dschungel noch erleben, sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Sie lebt heute auf einer traumhaft schönen Insel im Pazifik vor Vancouver. Sie arbeitet als TV-Moderatorin und Referentin, und sie ist immer noch eine Umweltaktivistin. Sie unterstützt das Engagement von Greta Thunberg, ist aber eher pessimistisch, dass Thunberg viel wird erreichen können, wie sie in einem Interview mit der „Welt” sagte. Ihr selbst sei das ja auch nicht gelungen.

Wobei viele der Probleme, die sie damals ansprach, wenn nicht gelöst, so doch deutlich verringert wurden. Die Armut in der Welt, die sie beklagt hatte, ist nicht mehr so himmelschreiend, der Hunger in der Welt ging zurück, die Luft wurde vielerorts deutlich besser, das Ozonloch hat sich geschlossen. Auch im Artenschutz wurde viel erreicht.

Der Ruhm als kindliche Aufrüttlerin wurde, und das lässt einen für Greta Thunberg dann auch hoffen, für Severn Cullis-Suzuki nicht zu einer Belastung für ihr späteres Leben. Sie fand eine Liebe, sie fand den Mut, Kinder in die Welt zu setzen, die sie als Zwölfjährige für dem Untergang geweiht hielt. „Was Sie tun, lässt mich weinen in der Nacht”, so begannen ihre Schlussworte damals in Rio, und auch das könnte heute Greta Thunberg sagen. Wer allerdings heute nach aktuellen Fotos von Severn Cullis-Suzuki googelt, findet viele Bilder einer selbstbewussten Frau, die gerne lacht. Das macht doch Mut und lässt einen auch für die persönliche Zukunft von Greta Thunberg hoffen.

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Kommentare (3)

war die Zeit noch nicht reif! Es musste erst noch schlimmer kommen.

Mittlerweile sind die Weltuntergangspropheten schlimmer geworden. Dank vieler älterer, weisser Frauen und Männer, die diese öffentlich hofieren und Angst- und Schreckenszenarien dankbar für eigene politische Zwecke missbrauchen. Da fällt mir der UNO-Generalsekretär Guterrez ein der, vermutlich von 97 Prozent aller Wissenschaftler positiv bestätigt, eine neue Hurrikanstufe erfunden hat namens "Hölle".

Die eine lässt sich instrumentalisieren, die andere nicht!