Öko-Aktivisten haben in der vergangenen Woche in Berlin den Eingang zum Chemiekonzern Bayer blockiert. Das Unternehmen st
Öko-Aktivisten haben in der vergangenen Woche in Berlin den Eingang zum Chemiekonzern Bayer blockiert. Das Unternehmen stellt den umstrittenen Unkrautvernichter her. Bayer-Manager Peter Müller verteidigt das Mittel. Fabian Sommer
Peter Müller
Peter Müller Bayer Cropscience Ag
Landwirtschaft

„Die Marke Glyphosat ist in der Öffentlichkeit verbrannt”

Glyphosat läuft bald aus; die Landwirtschaft steht vor Veränderungen. Wie Bayer sich für die Zukunft aufstellt und warum der Konzern an Glyphosat glaubt, lesen Sie im Interview.
Neubrandenburg

Wohl kaum eine Ackerchemikalie ist so umstritten wie der Unkrautvernichter Glyphosat, dessen Zulassung im nächsten Jahr ausläuft. Über die Folgen für den Weltkonzern Bayer und möglichen Ersatz für Glyphosat hat Nordkurier-Reporter Jörg Spreemann mit Peter Müller, Geschäftsführer der Landwirtschaftssparte von Bayer in Deutschland, gesprochen.

 

Die Bundesministerien für Landwirtschaft und Umwelt stehen jetzt unter grüner Regie. Da kommt viel auf Sie zu. Wie wichtig ist für Bayer die Landwirtschaftssparte?

Enorm. Etwa die Hälfte unseres Geschäfts weltweit geht auf das Konto der Landwirtschaft, die andere Hälfte auf den Gesundheitsbereich. Das war ja auch einer der Gründe, warum wir mit dem Kauf von Monsanto massiv in das Agrargeschäft investieren wollten. Wir wollen die Zukunft mitgestalten. Wir müssen vielfältig aufgestellt sein und die Herausforderungen der Landwirtschaft annehmen. Da reicht der Pflanzenschutz nicht aus. Wir müssen uns bei Saatgut, Biotechnologie, neuen Züchtungsmethoden und bei der Digitalisierung verstärken.

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Die Bundesregierung strebt eine Landwirtschaft an, in der weniger Chemie auf die Felder kommt. Läuten bei Ihnen seitdem die Alarmglocken?

Überhaupt nicht. Wir sind relativ entspannt, weil wir uns als Konzern breit aufgestellt haben. Wir stehen allen Technologien flexibel gegenüber. Ob wir nun die Probleme, die es weltweit in der Landwirtschaft gibt, mit Chemie, modernem Saatgut oder moderner Pflanzenzüchtung einschließlich digitaler Verfahren zu lösen versuchen: Hauptsache, wir lassen Fortschritt und Innovation in der Landwirtschaft überhaupt zu. Wir stehen vor einem Veränderungsprozess, bei dem wir das Bewährte nicht über Bord werfen sollten. Ich denke, dass wir auch in Deutschland und Europa wieder stärker zu der Überzeugung kommen werden, dass wir künftig einen chemischen und biologischen Pflanzenschutz brauchen werden, der ganz anders als heute aussieht.

 

Das klingt ein wenig nach der Devise „weniger ist mehr“. Wie genau soll das funktionieren?

Wir entwickeln neue Wirkstoffe und machen sie besser. Darüber hinaus bündeln wir die Dinge: So etwa den Pflanzenschutz mit dem Thema Saatgut und der Digitalisierung. Mit dem Ziel, Pflanzenschutzmittel auf Teilflächen und bezogen auf die Problemlagen viel passgenauer einzusetzen. Also genau da, wo es gebraucht wird – vielleicht um eine Pilzerkrankung zu behandeln oder Beikräuter zu entfernen. Auf keinen Fall aber nach dem Gießkannenprinzip.

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Das heißt, Sie wollen den Landwirten mehr Komplettpakete verkaufen. Wächst dadurch nicht die Abhängigkeit der Betriebe von Bayer?

Das wollen wir nicht, und das dürfen wir nicht. Landwirte haben auch künftig die Freiheit, sich für das Komplettangebot oder einzelne Komponenten zu entscheiden.

 

Wie hart wird es Sie treffen, wenn das umstrittene Pflanzengift Glyphosat, wie von der Bundesregierung in Aussicht gestellt, nach 2023 nicht mehr genutzt werden darf. Haben Sie schon Ersatz in der Schublade?

Selbst wenn wir einen Nachfolger hätten, würde ich ihn nicht als solchen bezeichnen. Die Marke Glyphosat ist in der Öffentlichkeit verbrannt. Die ganze Branche arbeitet seit 40 Jahren an einer Alternative zu Glyphosat. Das ist so schwierig, weil das Mittel bei Umweltverhalten und der Wirksamkeit so gut ist. Wir arbeiten mit Hochdruck an Lösungen und bereiten uns auf eine Zeit vor, in der wir komplementäre beziehungsweise auch neue Angebote zu Glyphosat machen können.

 

Haben Sie damit Glyphosat schon abgehakt?

Wir stehen nach wie vor hinter dem Wirkstoff. Schon wegen seiner Wirksamkeit, wegen des überschaubaren Risikos bei richtiger Anwendung und auch mit Blick auf den künftigen Bedarf. Deshalb unternehmen wir alle Anstrengungen, in Europa die Wiederzulassung ab 2024 zu erreichen. Wenn man über moderne Ansätze der Landwirtschaft mit Blick auf den Klimaschutz redet, kommt man zu einem Ackerbau, der Kohlendioxid bindet. Da geht es dann um Boden, Bodenbearbeitung und Humusaufbau. Da bietet Glyphosat, etwa beim Zwischenfruchtanbau oder Gründüngung, immer noch einen Riesennutzen.

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Welches Loch würde bei Bayer ein endgültiges Aus von Glyphosat reißen?

Der Anteil von Glyphosat am Gesamtgeschäft von Bayer wird in der Öffentlichkeit meist überschätzt. Glyphosat ist aber fast schon zu einer Überzeugungssache geworden. Vor allem dahin gehend, dass wir auch in Zukunft wissenschaftlich-technisch basierte, verlässliche Zulassungsverfahren benötigen, in denen keine Entscheidungen auf politischen Druck hin getroffen werden.

 

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