„DESO DOGG”

Die Mutter des Terroristen

Vor eineinhalb Jahren wurde der deutsche IS-Terrorist Denis „Deso Dogg” Cuspert in Syrien durch einen amerikanischen Drohnenangriff getötet. Seine Mutter Sigrid spricht im Nordkurier erstmals öffentlich über den Tod ihres Sohnes – und über ihr eigenes bewegtes Leben.
Von Carsten Korfmacher Von Carsten Korfmacher
Sigrid Cuspert spricht im Nordkurier zum ersten Mal ausführlich über das Leben und den Tod ihres Sohnes Denis &ndash
Sigrid Cuspert spricht im Nordkurier zum ersten Mal ausführlich über das Leben und den Tod ihres Sohnes Denis – und über ihr eigenes bewegtes Leben. Twitter/Korfmacher/NK-Grafik
Denis Cuspert mit seinem ersten Sohn Maleeq.
Denis Cuspert mit seinem ersten Sohn Maleeq. Privat
Immer wieder lässt sich Denis Cuspert beim IS, wie hier im August 2014 im Nordirak nahe der Stadt Mosul, mit Waffen ablic
Immer wieder lässt sich Denis Cuspert beim IS, wie hier im August 2014 im Nordirak nahe der Stadt Mosul, mit Waffen ablichten. SITE Intelligence Group
Im Jahr 2000 feiert Cuspert das letzte Mal gemeinsam mit Stiefvater B. (Mitte) und Halbbruder J. (rechts) Weihnachten.
Im Jahr 2000 feiert Cuspert das letzte Mal gemeinsam mit Stiefvater B. (Mitte) und Halbbruder J. (rechts) Weihnachten. Privat
Immer wieder ist Denis Cuspert in Propagandavideos des IS zu sehen, seine Aufgabe ist es, deutsche Muslime zum Salafismus zu b
Immer wieder ist Denis Cuspert in Propagandavideos des IS zu sehen, seine Aufgabe ist es, deutsche Muslime zum Salafismus zu bekehren. Screenshot, IS-Video
Sigrid Cuspert, Mutter des in Syrien getöteten IS-Terrorist Denis „Deso Dogg” Cuspert
Sigrid Cuspert, Mutter des in Syrien getöteten IS-Terrorist Denis „Deso Dogg” Cuspert Carsten Korfmacher
Mutter Sigrid und Sohn Denis Cuspert im Jahr 1978 in Berlin-Charlottenburg.
Mutter Sigrid und Sohn Denis Cuspert im Jahr 1978 in Berlin-Charlottenburg. Privat
Denis Cuspert als kleiner Junge – er liebte Weihnachten.
Denis Cuspert als kleiner Junge – er liebte Weihnachten. Privat
Mit 17 wird Denis Cuspert im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms nach Namibia im südlichen Afrika geschickt, als Alte
Mit 17 wird Denis Cuspert im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms nach Namibia im südlichen Afrika geschickt, als Alternative zu einer längeren Gefängnisstrafe. Privat
Berlin.

„Denis wollte nach Syrien in den Krieg ziehen, er hat mich damals um Erlaubnis gebeten”. Sigrid Cuspert atmet tief durch. Ihre Augen wandern unruhig über den Tisch vor ihr, auf dem sich Zeitungsausschnitte, Briefe und alte Fotos stapeln. Das einzige, was ihr von ihrem Sohn geblieben ist. Andenken an einen Mann, der sich in den 1990er Jahren „Deso Dogg” nannte und Rapmusik machte, der aber erst unter seinem richtigen Namen berühmt wurde: Sigrids Sohn war Denis Cuspert, Deutschlands bekanntester IS-Terrorist.

Er starb am 17. Januar 2018 durch einen amerikanischen Luftangriff. In Syrien, wo er unbedingt hinwollte, durch die Hände der Amerikaner, die er so sehr hasste. Amerikaner wie sein Stiefvater, Sigrids Ehemann. „Natürlich habe ich ihm die Erlaubnis verweigert”, sagt Sigrid schließlich. Sie starrt auf den Stapel Zeitungsartikel, als könnte sie immer noch nicht fassen, was in den letzten Jahren geschah. Was in ihrem Leben geschah, im Leben ihres Sohnes geschah. „Das war das letzte Mal, dass ich Denis lebend sah.”

Treueeid auf den Kalifen des IS

Dieser schicksalhafte Tag, an dem sich Denis Cuspert entschied, in den Krieg zu ziehen, liegt mittlerweile acht Jahre zurück. Damals, im Jahr 2011, saß Sigrids Sohn ihr zum letzten Mal auf der Couch in ihrer Spandauer Wohnung gegenüber. Dann tauchte er unter. Durch Medienberichte kann Sigrid Cuspert nachvollziehen, wie sein Leben anschließend verlief: Der damals 36-Jährige zog von Berlin nach Nordrhein-Westfalen, wo er mit anderen Salafisten in Solingen zusammenlebte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Karriere als Gangsta-Rapper bereits beendet, da er Rapmusik als „haram” betrachtete, als nach der Scharia verboten.

Stattdessen produzierte Cuspert sogenannte Naschids, musikalische Lobpreisungen auf den Islam, in denen er den Dschihad besang, Osama bin Laden huldigte und zur Geiselnahme von Deutschen aufrief, um sie gegen verhaftete Islamisten einzutauschen. Als die deutschen Sicherheitsbehörden Cuspert auf den Schirm bekamen, setzte er sich ins Ausland ab, erst nach Ägypten, dann nach Syrien. Dort kämpfte er für die radikalislamische Al-Nusra-Front, bis er 2014 den Treueeid auf den selbsternannten Kalifen des Islamischen Staates, Abu Bakr al-Baghdadi, ablegte.

Endlose Suche nach Liebe

Terrorist. Ihr Sohn, ein Terrorist. Wie konnte es so weit kommen? Diese Frage hat die letzten Jahre des Lebens von Sigrid Cuspert bestimmt. Die 67-Jährige ist eine fast schon schroffe, aber auch herzliche Person, eine Frau, die im Leben schon viel gesehen hat und deswegen mit Großmut in den Umgang mit anderen Menschen gehen kann. Sie ist direkt und lacht auch dann, wenn sie über schmerzhafte Ereignisse spricht. Dann sind sie weiter weg, diese Dinge, denn dann ist ja das Lachen dazwischen. Doch die Frage nach dem Warum, die kann sie nicht so einfach weglachen. Diese Frage bringt das Berliner Urgestein an den Rand des Ertragbaren. „Die Reporter sind mir jahrelang die Türe eingerannt, doch ich habe sie alle abgewiesen”, sagt Sigrid Cuspert mit leiser Stimme.

Sie weiß, wusste schon immer, dass die Aufarbeitung des Lebens ihres Sohnes auch eine Aufarbeitung ihres eigenen Lebens bedeuten muss. Davor hatte sie Angst. Ihr eigenes Leben, diese endlose Suche nach Liebe, die keine Erfüllung fand. Das Leben ihres Sohnes, diese endlose Suche nach Liebe, die in einem hasserfüllten Tod endete. Wie sollte sie der Öffentlichkeit, die ihren Sohn jahrelang für die Ausgeburt des Bösen hielt, das alles erklären? Wie sollte sie erklären, wie aus dem kleinen Jungen mit dem herzhaften Lachen der internationale Top-Terrorist Denis Cuspert werden konnte? Lange hat sie geschwiegen. „Doch jetzt bin ich bereit”, sagt Sigrid Cuspert. „Jetzt spreche ich.”

Mutter wächst in Armut auf

Sigrid Cuspert wurde 1952 als Sigrid Neumann in Berlin geboren. Ihr unstetes Leben lässt sich anhand ihrer Meldebescheinigung ablesen, die 47 Umzüge alleine innerhalb Berlins bezeugt. Sie wuchs mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater, einem Bruder und sechs Halbgeschwistern in einer sogenannten Mau-Mau-Siedlung am Eichborndamm im Berliner Bezirk Reinickendorf auf. Diese Elendsviertel wurden nach dem Zweiten Weltkrieg am Rande zerstörter Großstädte erbaut, in den Baracken lebten häufig Vertriebene oder Arbeiterfamilien, deren Häuser durch Bombenangriffe vernichtet worden waren.

Sigrids Stiefvater war Gerüstbauer, die Mutter Hausfrau. Die insgesamt neun Familienmitglieder teilten sich eine Einzimmerwohnung. Das Schlafzimmer der Eltern bestand aus einer Nische hinter einer Schrankwand, die Hochbetten der Kinder waren mit Vorhängen abgetrennt, der Rest des Raums bestand aus Küche und Wohnzimmer. Duschen und Toiletten waren draußen und wurden gemeinschaftlich genutzt. Die Eltern waren überfordert, weshalb die kleine Sigrid immer wieder in Kinderheime gesteckt wurde, zuerst in Fronau, später in ein Mädchenwohnheim in Tegel.

Wilde Zeiten unter Rockern

Mit 16 lernte sie dort ihre damals 19-jährige Jugendliebe kennen, einen Rocker, der auf den Spitznamen „Johnny” hörte. Die Liebe zu ihrem Freund war eine neue und intensive Erfahrung für das junge Mädchen. „Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Mutter mich nie richtig geliebt hat”, erzählt Sigrid. Im Bann dieses überwältigenden Gefühls entschloss sich die damals 16-jährige Cuspert, aus dem Heim wegzulaufen und sich Johnnys Biker-Gang anzuschließen.

Der Club hieß „One” und sein Territorium war der Norden West-Berlins, vor allem das damals neugebaute Märkische Viertel mit seinen rund 17 000 Sozialwohnungen. Es war Ende der 1960er, die Zeit des Vietnamkriegs und der Studentenrevolte, und Berlin war das deutsche Zentrum der Kulturrevolution, die sich in vielen Ländern vor allem des Westens gerade entwickelte. Die Rocker, zu denen Sigrid damals zählte, waren gesellschaftliche Außenseiter, die einen Gegenpol zu den hochpolitisierten, intellektuellen Subkulturen der Zeit bildeten.

Tagsüber schlafen, nachts feiern

Sie waren ziellose Straßenkinder, oft aus asozialen, gewalttätigen Verhältnissen, und sie lebten in den Wohnkommunen, die in den späten 60ern und frühen 70ern überall in Berlin entstanden. Meistens waren das Privatwohnungen von Pädagogen, die sogenannte „Trebegänger”, also schwer erziehbare und obdachlose Kinder und Jugendliche, bei sich aufnahmen. In einer solchen Sechs-Zimmer-Kommune in Schöneberg lebte Sigrid Cuspert jahrelang.

Sie schlief tagsüber und war nachts auf Achse, trank Alkohol, nahm Drogen, lebte das Leben eines Rockers. Die Leiterin ihrer Kommune war die Sonderschullehrerin Irmgard Kohlhepp, die in den 1980ern für die Alternative Liste im Berliner Abgeordnetenhaus saß und später aufgrund ihrer Nähe zum Rechtsextremisten Horst Mahler bei den Grünen rausflog.

Für Kohlhepp war der Umgang mit den Rockern, die sie in ihre Privatwohnung einziehen ließ, eine Mischung aus gesellschaftlichem Engagement und pädagogischem Projekt. Sie wollte den jungen Leuten helfen und schrieb mehrere Bücher über das Leben in der Kommune. Irgendwann jedoch wurde es Sigrid, Johnny und den anderen Rockern zu bunt und sie schlugen die Wohnungseinrichtung kurz und klein. Damit war dieses Kapitel beendet.

Leben als junge Mutter

Nach rund fünf Jahren als Rocker trennte sich Sigrid von Johnny. Kurz darauf lernte sie einen Mann kennen, den alle immer nur „Kidson” nannten. Er war Asylbewerber aus Ghana und arbeitete am Wochenende als DJ in einer Diskothek in Schöneberg. „Kidson hatte so ein tolles Lachen, so überschwänglich, so einnehmend, ich war gleich fasziniert von ihm.” Die beiden verliebten sich, Sigrid Cuspert wurde schwanger.

Als die beiden heiraten wollten, eröffneten die Behörden Kidson, dass er zunächst seine Meldeauflagen erfüllen und in ein Auffanglager nach Zirndorf in Mittelfranken ziehen müsse. Monatelang war er weg. Als er nach Berlin zurückkehrte, lag Cuspert im Krankenhaus, einige Wochen später brachte sie den gemeinsamen Sohn, den sie Denis Mamadou Gerhard nannte, zur Welt. Doch ihre Liebe zu Denis' Vater war verflogen. Sigrid trennte sich von Kidson, die beiden sahen sich nie wieder.

Denis' Stiefvater war US-Soldat

Auch in den ersten Jahren nach Denis’ Geburt lebte Sigrid Cuspert ein unstetes Leben. Kurzzeitig kehrte sie zu ihrem Rockerfreund Johnny zurück, zog danach immer wieder um, lebte bei Freundinnen und Bekannten, Denis immer im Huckepack. Sie verkehrte häufig in den Diskotheken der Stützpunkte der in Berlin stationierten US-Streitkräfte. Als ihr Sohn knapp drei Jahre alt war, lernte sie dort den afro-amerikanischen Soldaten B. kennen, der schließlich zu Denis' Namensgeber und Stiefvater werden sollte.

Die beiden zogen zusammen nach Berlin-Charlottenburg, heirateten, bekamen einen weiteren Sohn. Einige Jahre lang sah es so aus, als sollte sich das raue Leben der Sigrid Cuspert zum Positiven wenden. Doch dann begannen die Probleme. „Je älter Denis wurde, desto mehr hat er gespürt, dass er von seinem Stiefvater nicht angenommen wurde”, sagt Sigrid mit beschlagener Stimme. Der Stiefvater bevorzugte seinen leiblichen Sohn. Er trank und ließ im Suff seine Aggressionen an Denis aus.

Als Rapper nennt er sich „Sohn des Teufels”

So kam es, dass Denis schon mit elf, zwölf Jahren häufig in der Schule fehlte und sich auf den Straßen Berlins herumtrieb. In der Schule galt er als schwer erziehbar, in Kreuzberg und Neukölln war er gefürchtet. Als einer der wenigen schwarzen Jungs in den von Türken und Arabern dominierten Straßengangs musste er doppelt so hart sein, doppelt so krass sein. Und das war er. Immer wieder wurde Denis verhaftet, Diebstahl, Drogendelikte, Körperverletzungen, Raubüberfälle, Messerstechereien.

Schon als Jugendlicher verbracht er Zeit in Heimen, im Jugendarrest, im Gefängnis. 1993, mit 17, musste er an einem Resozialisierungsprogramm für kriminelle Jugendliche teilnehmen, um einer längeren Haftstrafe zu entgehen. Er wurde für über ein Jahr nach Namibia im südlichen Afrika geschickt. In der Zwischenzeit hatte Sigrid Cuspert in Berlin die Reißleine gezogen und sich von ihrem Mann getrennt. Doch da war es schon zu spät. Denis hatte sich zu einem aggressiven, geltungssüchtigen jungen Mann entwickelt, der sein Leben der Kriminalität und der Gewalt widmete.

Lügen, um geliebt zu werden

„Er wusste nie so richtig, wo er hingehörte”, sagt Sigrid Cuspert heute. So wie sie selbst, die viele Fehler machte, den falschen Menschen vertraute, an den falschen Stellen nach Liebe suchte, so wurde auch Denis zu einem Suchenden. Auf alten Bildern sind die Narben seines Schmerzes zu sehen, Wunden, die er sich selbst zufügte, mit Messern, Rasierklingen, auf den Oberarmen, körperlicher Schmerz, um das Seelenleid nicht mehr zu spüren. Er wollte nur geliebt werden, angenommen werden, dazugehören. Alte Freunde berichten, dass er ständig mit neuen Lügengeschichten ankam, um seine Kumpels zu beeindrucken.

Immer wieder ließ er sich mit anderen Frauen ein, sprang von einer Liebschaft zur nächsten, zeugte drei Kinder mit verschiedenen Freundinnen. Doch erfüllt wurde seine Sehnsucht, sein unstillbares Liebesbedürfnis, nie. Mit der Hilfe eines Freundes, der als Rapper damals bereits erste Erfolge erzielte, begann Denis schließlich, Musik zu machen. Er sang über sein Leben auf der Straße, über Gewalt, Drogen, Hass, über die Dinge, die er kannte. Er nannte sich „Deso Dogg”. Deso stand für „Devil's Son”, Sohn des Teufels.

Für Denis vereint der Salafismus Liebe und Hass

In der Szene wurde er vor allem deswegen bekannt, weil er der Typ von der Straße war, der Musik machte, und kein Musiker, der so tat, als sei er von der Straße. Doch der große Durchbruch blieb ihm verwehrt, Denis war nie in der Lage, mit der Musik genug Geld zu verdienen, um auch nur einigermaßen über die Runden zu kommen. Die Suche nach der bedingungslosen Liebe führte Denis Cuspert schließlich zum Islam. Er konvertierte mit Mitte 20, während eines seiner vielen Gefängnisaufenthalte.

Die innere Stille der Religiosität war anfänglich ein besänftigender Faktor in einem Leben voller Rastlosigkeit. Doch auch der Islam konnte das schwarze Loch in Denis’ Herzen nicht füllen. Als die erhoffte Musikerkarriere den Bach runter ging, klammerte sich Denis mit der Vehemenz eines Ertrinkenden an den Islam, suchte nach Wegen, um die ersehnte Liebe und den erlebten Hass in der Idee der perfekten Spiritualität zu vereinen. Er fand sie: im gewalttätigen Salafismus.

Denis Cuspert verkehrte immer häufiger in den berüchtigten radikalislamischen Gemeinden Berlins, erst in der As-Sahaba-Moschee im Wedding, später in der Al-Nur-Moschee in Neukölln. Dort lernte er die Hauptakteure des radikalen Islamismus in Deutschland kennen, Pierre Vogel zum Beispiel, Deutschlands wohl bekanntesten Salafisten. Oder Anis Amri, der 2016 beim Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz elf Menschen tötete.

Denis taucht auf Enthauptungsvideo auf

„Mir ist zu spät aufgefallen, dass er in den falschen Händen ist”, sagt Sigrid heute. Sie habe immer geglaubt, dass es nur eine Phase sei, eine fixe Idee, von denen er schon so viele in seinem Leben hatte. Bis er eines Tages bei ihr auf der Couch saß und um die Erlaubnis bat, nach Syrien in den Krieg ziehen zu dürfen.

Die Jahre danach erlebte Sigrid Cuspert wie in Trance. „Ich war auf einmal die Mutter des Terroristen”, sagt sie. Sie lächelt dabei, ungläubig. Als hätte das alles gar nichts mit ihr zu tun, mit Denis zu tun. In den Nachrichten wurde der Name ihres Sohnes immer wieder in Verbindung mit den Gräueltaten des IS genannt. Einmal tauchte ein Video im Internet auf, in dem IS-Opfer in Syrien geköpft wurden, danach erschien Denis Cuspert im Bild.

Er hob einen der abgetrennten Köpfe an den Haaren auf, positionierte ihn auf dem dazugehörigen leblosen Torso und sagte auf Deutsch in die Kamera: „Sie haben gegen den Islamischen Staat gekämpft in der Hoffnung, uns zu töten. Dafür haben sie die Todesstrafe bekommen”. Immer wieder wurde über Cusperts Ableben spekuliert, drei Mal vermeldeten deutsche Medien sogar ganz offiziell seinen Tod. Doch jedes Mal tauchte Tage oder Wochen später das nächste Hassvideo auf.

Der Goebbels des IS

In Syrien baute Cuspert die ausländische Propagandaabteilung des IS auf, weshalb er in englischsprachigen Medien häufig als „Goebbels des IS” bezeichnet wurde. Aufgrund seiner Rapkarriere hatte er die notwendige Erfahrung und die Anhängerschaft, um die grausamen Bilder und Videos der radikalen Islamisten in Deutschland zu verbreiten. Und er brachte noch etwas mit: Denis war ein charismatischer Mann, bezeugen viele seiner Freunde und Weggefährten.

So charismatisch sogar, dass es ihm gelang, eine Übersetzerin des FBI, die auf seinen Fall angesetzt war und seine Kommunikation überwachen sollte, über die sozialen Medien zu bezirzen. Sie ließ in den USA alles stehen und liegen und reiste zu ihm nach Syrien – um ihn zu heiraten. Eine unglaubliche Geschichte, die lange als Legende erzählt und von den amerikanischen Behörden bestritten wurde – bis der amerikanische Fernsehsender CNN an Gerichtsakten gelangte, durch die der ganze Vorgang bewiesen werden konnte.

Auf einmal klingelt das BKA

Im Januar 2018 vermeldeten einige Medien schließlich, Denis Cuspert sei in Syrien durch einen amerikanischen Drohnenangriff getötet worden. Seine Mutter Sigrid glaubte die Berichte zunächst nicht, zu oft schon hatte sie über den vermeintlichen Tod ihres Sohnes gelesen. Doch ein paar Tage später standen zwei Beamte des Bundeskriminalamtes vor ihrer Tür und hielten ihr ein Foto einer Leiche unter die Nase: „Ist das ihr Sohn?” Sigrid Cuspert war schockiert, verunsichert, immer noch nicht ganz überzeugt.

Dem Nordkurier teilte das BKA mit, dass Denis Cuspert „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ums Leben gekommen ist”. Der Verbleib des Leichnams sei nicht bekannt, daher sei „eine vollständige Klärung mangels entsprechender DNA-Proben nicht möglich”. Doch es gebe Fotos, eine Stellungnahme des IS zum Tod Cusperts und „ergänzende Erkenntnisse aus strafprozessualen Maßnahmen”. Eine nicht unwesentliche Rolle werden auch Informationen der amerikanischen Geheimdienste spielen, auf deren Anti-Terror-Listen Denis Cuspert seit Jahren stand.

Die Frage der Schuld will nicht verschwinden

Nach dem Tod ihres Sohnes kommt Sigrid Cuspert zum ersten Mal in ihrem Leben zur Ruhe. Um abschließen zu können, muss sie jetzt verstehen, wie all dies geschah, warum all dies geschah. Welchen Anteil sie hatte. Die zermürbende Frage der Schuld steht wie der sprichwörtliche Elefant im Raum ihres Lebens. „Denis war kein Monster, er war kein Terrorist.”

Sie richtet den Blick starr aus dem Fenster, die Miene versteinert, als könnte es mit jeder Regung aus ihr herausbrechen: das ganze Leid ihres Lebens, die Tragik eines Lebens, das immer wieder Liebe suchte und immer wieder Hass fand, und das sich im Leben ihres Sohnes wiederholte, multiplizierte. Hier soll der Hass enden. Jetzt. „Er hat mich immer 'Murmel' genannt”, sagt sie schließlich, immer noch aus dem Fenster blickend.

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