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Der Erdgasspeicher im niedersächsischen Rehden ist der größte Deutschlands und einer der größten der Welt. Er gehört dem russischen Staatskonzern Gazprom. Lino Mirgeler
In Gazprom-Besitz

Die peinliche Geschichte von Deutschlands größtem Gas-Speicher

Der Erdgasspeicher Rehden ist einer der größten der Welt – und er ist fast komplett leer. Das könnte auch damit zu tun, dass er Gazprom gehört. Wie konnte das passieren?
Rehden

Eine schwer vorstellbare Menge: Über 4 Milliarden Kubikmeter Erdgas lagern unterhalb des niedersäschsischen Örtchens Rehden in einer gigantischen künstlichen Lagerstätte – es ist der größte Erdgasspeicher Deutschlands und einer der größten der Welt. Ein gutes Fünftel der deutschen Lagerkapazitäten ließe sich dort unterbringen, doch der Speicher ist so gut wie leer. Sein Füllstand lag Anfang voriger Woche gerade einmal bei rund 0,5 Prozent.

Und das ist schon seit Monaten so. Bereits im vorigen Sommer hatte es immer wieder Medien-Berichte darüber gegeben, dass der Speicher auffällig leer sei. Genau wie viele andere Erdgas-Speicher in Deutschland.

Ließ Gazprom den Speicher absichtlich leer laufen?

Ob das mit dem Eigentümer der Lagerstätte zusammenhängen könnte, wurde auch damals schon gefragt. Denn hinter dem Speicher in Rehden verbirgt sich die Firma Astora, eine Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom. Der Verdacht, dass der Gasspeicher bewusst entleert wurde, um den deutschen Mangel an Erdgas im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg von vornherein zu verschärfen, liegt auf der Hand.

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Gazprom ist dieser Lesart – natürlich – von Anfang an entgegen getreten. Man betreibe den Erdgasspeicher nur und lagere dort Erdgas im Auftrag von westlichen Energieversorgern ein, hieß es bereits im Herbst 2021 auf entsprechende Presse-Anfragen.

Wie konnte die Anlage in russische Hände fallen?

Tatsächlich könnte der Füllstand des Speichers also auch marktwirtschaftliche Ursachen haben - zumindest zum Teil. Und doch hat der Ukraine-Krieg die Frage aufgeworfen, wie es passieren konnte, dass ein dermaßen wichtiger Teil der strategischen Erdgas-Reserve Deutschlands ausgerechnet in russische Hände geraten ist. Viele Politiker fordern, der Speicher müsse zurück in deutsche Hände.

Aus der Hand gegeben wurde er im Jahr 2015. Bis dahin gehörte er dem BASF-Konzern, für dessen chemische Produktionen exorbitante Mengen Erdgas benötigt werden. Gegen den Verkauf von BASF an die Gazprom-Tochter Astora hatte damals niemand etwas einzuwenden. Immerhin waren auch vorher schon weite Teile des deutschen Erdgas-Importmarkts über die bisherige Gazprom-Tochter „Gazprom Germania” in russischer Hand. In dieses Konstrukt ist mit der Gazprom-Ankündigung, die Tochter „Gazprom Germania” abzustoßen, nun Bewegung gekommen. Was aus der deutschen Gazprom-Dachmarke wird, ist gegenwärtig unklar.

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„Man hätte nur eins und eins zusammenzählen müssen”

Inzwischen gibt es in der deutschen Politik jedenfalls ein böses Erwachen hinsichtlich des Gasspeichers. „In Rehden hätte man sehr früh sehen können, dass da etwas gegen uns in Deutschland läuft”, sagte der energiepolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Michael Kruse, kürzlich dem RND: „Man hätte nur eins und eins zusammenzählen müssen.” Kruse fordert, dass für Gasspeicher künftig Mindestfüllstände vorgeschrieben werden und dass die Anlagen als „kritische Infrastruktur” eingestuft werden, womit man ihren Verkauf in deutsche Hände erzwingen könnte.

Doch bis es so weit ist, werden wohl noch Monate vergehen – und selbst, wenn das russische Gas dann immer noch fließt, würde es viele Wochen dauern, bis der Speicher gefüllt wäre. Dann allerdings könnte man allein mit den Reserven aus diesem Speicher den Gasmarkt über viele Wochen zumindest abstützen – zumal es neben der Anlage in Rehden noch weitere Gasspeicher gibt, um die es ganz ähnlich bestellt ist.

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Bei der Sicherung der Versorgung in Deutschland im kommenden Winter sollen Erdgasspeicher eine wichtige Rolle spielen. Ein neues Gesetz soll dafür sorgen, dass sie am 1. Dezember zu 90 Prozent gefüllt sind. Deutschland verfügt in Mittel- und Westeuropa über die größten Speicherkapazitäten für Erdgas. Laut Bundeswirtschaftsministerium reichen die Kapazitäten aus, um Deutschland für einen längeren Zeitraum zu versorgen. Anlass für die Einführung des Gesetzes waren die historisch niedrigen Füllstände im Winter: Am 1. Dezember 2021 waren die Speicher zu 65 Prozent gefüllt, am 1. Dezember 2019 zu 98 Prozent.

Seit jeher gleichen die Speicher Schwankungen beim Gasverbrauch aus und bilden damit eine Art Puffersystem für den Gasmarkt, auch preislich. Für gewöhnlich sind die Speicher mit Beginn der Heizperiode im Herbst gut gefüllt, bis zum Frühjahr nehmen die Füllstände dann ab. Am Dienstag waren die deutschen Speicher nach Angaben des europäischen Gasspeicherverbandes zu knapp 27 Prozent gefüllt. Zum Vergleich: Ende März 2019 lag der Füllstand zum Ende des sogenannten Speicherjahres bei 54 Prozent.

Laut Branchenverband Ines gibt es in Deutschland 47 Untertagespeicher, die von rund 25 Firmen betrieben werden. Größter Speicherbetreiber ist der Energiekonzern Uniper, auf den rund ein Viertel der deutschen Speicherkapazität entfällt. Auch der russische Staatskonzern Gazprom betreibt zwei Speicher in Deutschland, darunter den bundesweit größten im niedersächsischen Rehden. Auf ihn entfällt rund ein Fünftel der deutschen Kapazität. Vor über einem Jahr lag sein Füllstand zuletzt über zehn Prozent. Mittlerweile ist er auf nahezu null gesunken. (dpa)

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