CORONA-PANDEMIE

Die Stunde der Crash-Propheten

Seit Jahren warnen einflussreiche Kommentatoren vor einem Zusammenbruch des globalen Finanzsystems. Die Corona-Pandemie beflügelt diese Theorien. Steht der Welt der große Crash bevor?
Crash-Propheten unter sich: Max Otte, Dirk Müller, Marc Friedrich und Markus Krall (von links)
Crash-Propheten unter sich: Max Otte, Dirk Müller, Marc Friedrich und Markus Krall (von links) Youtube-Screenshots
Neubrandenburg.

Mehr als zehn Millionen Kurzarbeiter in Deutschland, die höchste Arbeitslosenquote in den USA seit der Großen Depression, die Aktienmärkte spielen verrückt, weltweit droht eine Rezession: Die Corona-Pandemie ist nicht einmal im Ansatz überwunden, da beginnt schon das nächste Drama. Denn die globale Wirtschaft befindet sich in einer der größten Krisen ihrer Geschichte. Viele Bürger haben nun Angst um ihr Erspartes. Die Börsen sind volatil, dem Immobilienmarkt droht ein drastischer Einbruch und wenn erst einmal Banken vor der Insolvenz stehen, dann sind selbst Sparbücher – so die Befürchtung – keine sichere Anlage mehr.

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Befeuert wird diese Angst durch einflussreiche Crash-Propheten, die schon seit Jahren den Zusammenbruch der Weltwirtschaft predigen. So wie der Ökonom Marc Friedrich. Mit heller Stimme peitscht der Dampfplauderer seine Zuschauer auf der Video-Plattform Youtube von einem Thema zum nächsten, spricht von „wirtschaftlichem Selbstmord”, „Staatsversagen” und der „größten Krise aller Zeiten”. Friedrich prophezeit eine massive Geldentwertung, die das Ende des Euro herbeiführen wird, und sieht die Länder des Westens bereits mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen konfrontiert.

Der „Sensemann” richtet ein „Blutbad” an

Ähnlich drastische Worte wählen andere Kommentatoren. Der als „Mister DAX” bekannte Börsenmakler Dirk Müller spricht von einem „Sensenmann”, der im Zuge der Corona-Krise „durch den Mittelstand geht” und „ein Blutbad bei kleinen und mittelständischen Unternehmen” anrichten werde. Und der wohl profilierteste Crash-Prophet, der Bestseller-Autor Markus Krall, sieht einen „Insolvenz-Tsunami” auf Deutschland zukommen und bezeichnet die Geldpolitik der EZB als „Maschinenraum des Völkerselbstmordes”. Mit ihren Büchern erreichen diese Kommentatoren hunderttausende Leser, ihre Videos werden millionenfach angeklickt. Durch Tantiemen und Werbeerlöse lässt die Verbreitung von Weltuntergangsszenarien mächtig die Kassen klingeln.

Doch wie nah an der Wahrheit sind diese Theorien? Warum steht in den Augen der Crash-Propheten der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems bevor? Im Zentrum ihrer Thesen steht vor allem der Situation der Banken, die Goldlobbyist Markus Krall als treibende Kraft für den Kollaps sieht. Schon vor Corona seien die großen Geldinstitute von einer „massiven Erosion der Bankerträge” heimgesucht worden, die vor allem durch die anhaltende Niedrigzinsphase ausgelöst wurde. Banken können also an den Krediten, die sie vergeben, nicht mehr so viel verdienen wie früher.

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Rund 15 Prozent der deutschen Firmen seien ohnehin „Zombie-Unternehmen”, die nur durch die Minuszinspolitik der EZB überleben könnten. Krall rechnet zudem damit, dass aufgrund der Corona-Krise 20 bis 30 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Kredite nicht mehr bedienen können, über kurz oder lang werde dies auch für Privatkredite gelten. Die Folge: Erste Banken würden in die Insolvenz gehen und aufgrund von wechselseitigen Verflechtungen und Garantiebeziehungen andere Banken mit sich in den Abgrund reissen.

Die Corona-Pandemie sei als „Schwarzer Schwan” – ein unwahrscheinliches Ereignis mit enormen Auswirkungen – dabei aber nur der Auslöser. Die strukturellen Probleme der Banken hätten laut Krall auch ohne Corona irgendwann zum Kollaps des globalen Finanzsystems geführt. Denn der Banken-Crash sei nur der erste Schritt in einer Kettenreaktion, die nun einsetzen und zu tiefen gesellschaftlichen Verwerfungen führen werde.

So oder so verlieren die Bürger ihr Erspartes

Denn flächendeckende Banken-Insolvenzen sind keine Option. Banken können laut Krall aber nur auf zwei Arten gerettet werden: Entweder greifen sie auf die Sparguthaben ihrer Kunden zurück, die wiederum „als Alibi” mit dann wertlosen Bank-Aktien entschädigt würden. Dies führe zu einer faktischen Enteignung der Sparer. Die zweite Möglichkeit sei ein sogenannter „Bail-Out”: Hier wird Helikopter-Geld der Zentralbanken genutzt, um die Banken zu retten. Doch das führt laut Krall zu einer massiven Inflation, was wiederum die Kaufkraft des Sparguthabens der Bürger mindere – ihr Geld habe anschließend nur noch den Bruchteil seines heutigen Wertes. So oder so werden die Bürger, so Kralls Fazit, in den kommenden Jahren ihr Erspartes verlieren.

Kralls Prognose ist düster: Die Inflation werde plötzlich und extrem nach oben schießen und sich „wie ein Flächenbrand” ausbreiten. Dadurch würde das Misstrauen der Bürger in das Geldsystem weiter befeuert, was wiederum die Inflation beschleunigt – ein Teufelskreis beginnt. Krall rät Anlegern daher, zunächst Geld im Tresor aufzubewahren, ohne aber den Beginn der Inflation zu verpassen. Ansonsten sollten Bürger in Gold, Immobilien oder in antizyklische Aktien (Lebensmittel, Pharma, Edelmetalle, Rüstung, Unterhaltung und Big Tech) investieren – aber auch diese Assets hätten im Zuge einer globalen Finanzkrise ihre Risiken.

„Euro und US-Dollar überleben Krise nicht”

Auch „Mister DAX” Dirk Müller geht davon aus, dass es zu einer „galoppierenden Inflation” kommen wird. Damit würden die Währungen einen Kaufkraftverlust von mindestens 30 Prozent pro Monat erleiden. Laut Müller würden die klassischen Währungen wie der Euro und der US-Dollar dies nicht überleben. Müller glaubt, dass die Krise erst mit der Einführung neuer, digitaler Währungen beendet wird, um Schulden und Inflation in den Griff zu kriegen. „Das wird der E-Euro sein, der jetzt in der französischen Nationalbank bereits in der Testphase ist und es wird der Digital-Dollar sein, der sollte jetzt bei den Hilfspaketen schon als Währung verwendet werden”. Diese Währungen werde es erst gar nicht als Bargeld geben.

Die Crash-Propheten erhalten vor allem in den sozialen Medien einen enormen Zuspruch. Wirtschaftsexperten glauben aber nicht, dass sie mit ihrer Einschätzung richtig liegen. „Die Crash-Demagogen nutzen Behauptungen, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Sie sind nicht wissenschaftlich fundiert, sondern eher populistisch motiviert”, sagte der Präsident des renommierten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, dem Nordkurier. Fratzscher widerspricht Krall vor allem in Bezug auf den Auslöser, nämlich den vermeintlich bevorstehenden Banken-Crash. „Das globale Finanzsystem war vor dieser Krise stabil und solide. Es wurden wichtige Lehren aus der Finanzkrise 2008 gezogen, Banken wurden gestärkt und die Systeme widerstandsfähiger gestaltet”, sagte Fratzscher.

Schwache Realwirtschaft führt zu fallenden Preisen

Der Berliner Wirtschaftsprofessor und ehemaliger EZB-Chefanalyst glaubt außerdem nicht, dass der Euro seine Kaufkraft verlieren wird. Die Behauptung, „es gäbe nun bald eine Hyperinflation, zeigt, dass die Demagogen nicht verstanden haben, worum es in dieser Krise geht”, so Fratzscher. Schon nach der globalen Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise hätten die Crash-Propheten eine Hyperinflation herbeigeredet, diese sei jedoch nie gekommen. „Das viel größere Problem heute ist eine schwache Realwirtschaft, die zu fallenden Preisen führt und damit die Realwirtschaft gefährdet”, sagte Fratzscher.

Auch der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Reint Gropp, glaubt nicht an eine starke Inflation. „Das halte ich für unwahrscheinlich, um nicht zu sagen ausgeschlossen”, sagte Gropp vor Kurzem in einem Interview mit dem Nordkurier. Zwar werde derzeit viel Geld in den Markt gepumpt. „Doch für eine starke Inflation müssten mehrere Faktoren zusammenkommen: Es müsste zum Beispiel Lohnsteigerungen geben, die über der Produktivität liegen. Oder es müsste eine steigende Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen geben. All dies ist nicht der Fall.”

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Nicht Inflation, sondern Deflation ist problematisch

Bis zuletzt habe es weltweit sogar das gegenteilige Problem gegeben: „Die Zentralbanken überall auf der Welt, vielleicht mit Ausnahme der USA, haben es nicht geschafft, die Inflationsrate auf ein vernünftiges Level von um die zwei Prozent zu bringen. Wir hatten zu wenig Inflation. Deshalb halte ich die Wahrscheinlichkeit einer Deflation für höher als die einer Inflation.”

Die Debatte zwischen Crash-Propheten und Wirtschaftsexperten läuft schon seit vielen Jahren und sie wird wahrscheinlich auch die Corona-Krise überleben. Wie schwer es die Weltwirtschaft treffen wird, ist ungewiss. Doch es lässt sich schon jetzt sagen, auf welche Punkte es in den kommenden Monaten ankommen wird.

Sechs Punkte, die jetzt wichtig sind

Sechs Aspekte spielen hier eine wichtige Rolle: Erstens ist die Welt – anders als zur Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 – heute globalisiert, so dass eine Krise in einem Land wirtschaftlich automatisch eine Krise in einem anderen Land auslöst. Selbst wenn die westlichen Staaten die Pandemie wirtschaftlich meistern, wie werden China und die Schwellenländer die Krise überstehen? Auch wenn es überraschen mag: China könnte zum Motor einer Weltwirtschaftskrise werden. Denn die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sitzt aufgrund seiner vielen Zombie-Firmen und hochverschuldeten Kommunalregierungen auf einer Unmenge an faulen Krediten und ist deshalb auf ein exorbitantes Wirtschaftswachstum angewiesen – bricht es ein, hätte dies katastrophale Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.

Gleichzeitig leben schwankungsanfällige Schwellenländer wie Brasilien und Indien von Tourismus und globalem Handel, so dass Export- und Reisebehinderungen oder eine zunehmende Re-Nationalisierung der Volkswirtschaften des Westens dort zu einer Krise führen könnte, die sich wiederum auf die westlichen Märkte auswirkt.

Angebotsschock trifft auf Nachfrageschock

Zweitens erfährt die globale Wirtschaft zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg einen weltweiten „Angebotsschock”: Unternehmen haben die Produktion heruntergefahren, Fabriken blieben wochenlang dicht, Läden waren geschlossen. Dadurch trifft eine reduzierte Produktmenge auf den Markt, der die Preise nach oben treibt. Drittens gibt es zeitgleich zu diesem verminderten Abgebot einen „Nachfrageschock”: Viele Menschen bleiben zu Hause anstatt einkaufen oder ins Restaurant zu gehen. Andere haben Angst um ihre Jobs und geben deshalb weniger Geld aus.

Dadurch bricht der Konsum ein, was viele Unternehmen an den Rand der Insolvenz treibt. Da sie gleichzeitig Liquidität benötigen, will jeder Unternehmer der erste sein, der die geringere Nachfrage bedient – das wiederum sollte die Preise nach unten treiben. Da die Preise aber aufgrund des Angebotsschocks eigentlich steigen müssten, entsteht eine unvorhersehbare, hochexplosive Marktsituation, die sich schon durch kleine Veränderungen stark in die eine oder andere Richtung entwickeln könnte.

Realwirtschaft im Westen war schon vor Corona schwach

Viertens kommt zu dieser ohnehin schon volatilen Lage eine weltweite Gesundheitskrise hinzu, auf die selbst hochentwickelte Länder wie die USA, Großbritannien oder Italien nicht vorbereitet sind. Fünftes war die Realwirtschaft in den Ländern des Westens schon vor Corona schwach, weil sie sich noch nicht vollständig von der Finanzkrise von 2008 erholte. Selbst in Deutschland lag die Wirtschaftsleistung Ende 2019 deutlich unter dem Trendwachstum vor der damaligen Finanzkrise.

Eine steigende Verschuldung der Unternehmen führt zu sinkenden Investitionssummen, die wiederum das Wachstum verringern. Auch die steigende staatliche Verschuldung könnte das Wachstum über Umwege – zum Beispiel notwendig werdende Steuererhöhungen oder Vermögensabgaben – hemmen.

Drohen gesellschaftliche Verwerfungen?

Und sechstens hat das viele Geld, das nun weltweit von Regierungen in die Märkte gepumpt wird, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie aufzufangen, Auswirkungen auf die Märkte und die Gesellschaft. Zum einen könnte es – wie die Crash-Propheten glauben – in die Inflation führen. Zum anderen aber kommt das viele Geld nicht bei allen an. Große Konzerne begeben Anleihen, die wiederum von Notenbanken gekauft werden, um diese Firmen zu stützen. Somit profitieren vor allem die systemtragenden Banken und Unternehmen.

Doch kleine und mittelständische Unternehmen haben außer ein paar Tausend Euro Soforthilfe überhaupt nichts davon. Somit kommt das viele Helikoptergeld, das größtenteils durch Steuereinnahmen gedeckt wird, einer gigantischen Umverteilung von öffentlichen in private Hände gleich, die sich nun im Schoss der ganz Großen konzentriert – und das ist zumindest in der Theorie das Parade-Beispiel für eine Situation, in der es zu massiven gesellschaftlichen Verwerfungen kommt. Wie sich die Lage tatsächlich entwickeln wird? Das weiß momentan niemand. In ein paar Monaten sind wir alle schlauer.

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