Über Deutschlands größtem Finanzstandort Frankfurt, mit dem EZB-Hauptgebäude rechts, ziehen dunkle Wolken
Über Deutschlands größtem Finanzstandort Frankfurt, mit dem EZB-Hauptgebäude rechts, ziehen dunkle Wolken auf. Braut sich ein Sturm im System zusammen? Boris Roessler
Systemkrise

Droht der Welt der Zusammenbruch des Finanzsystems?

Krieg, Energiekrise, Inflation, Rezession: Schlimmer kann es nicht mehr kommen, oder? Doch, kann es. Denn unter der Oberfläche des globalen Finanzsystems brodelt es gewaltig.
Berlin

Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind sich einig: In der Multikrise, die sich gerade in Europa und vor allem in Deutschland anbahnt, kommt es erst noch einmal schlimmer, bevor es besser wird. Doch wie schlimm kommt es tatsächlich? Könnte die Krise zu einem vollständigen Systemzusammenbruch führen? Zumindest scheint es so, als sei die Welt jener Phase näher gerückt, die Crash-Propheten als „das große Endspiel” bezeichnen.

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Der Finanzcrash habe bereits begonnen, sagte Finanzberater und Bestseller-Autor Marc Friedrich zuletzt der Berliner Zeitung, und er werde sich in nächster Zeit weiter ausspielen. Jeder spüre, dass "da was aus den Fugen geraten ist" und dass die vielen Krisen zu einem Super-Gau führten, so Friedrich. 

Was ist damit gemeint? In der Welt der Crash-Propheten ist das große Endspiel jene finale Kette von Ereignissen, die zum Kollaps des globalen Finanzsystems führt. Dieser wiederum könne eine Währungsreform im Euroraum auslösen, für den Zusammenbruch der EU sorgen oder gar in einer Neustrukturierung der globalen Machtordnung münden. Die Gründe für eine mögliche Systemkrise sind weder neu noch weit hergeholt.

Sie liegen in den Auswirkungen der Geldpolitik der Notenbanken, die nicht erst mit der Finanzkrise im Jahr 2008 begann, sondern bis in die frühen 1980er Jahre zurückgeht. Damals hatte die amerikanische Notenbank Fed durch massive Zinserhöhungen die hohe Inflation der 1970er besiegt und eine 40 Jahre anhaltende Phase (unter Schwankungen) sinkender Zinssätze eingeläutet.

Es drohen zerstörerische Domino-Effekte

In den 1990ern schloss sich auch Europa dieser Entwicklung an. Dies hatte zur Folge, dass aufgrund der günstiger werdenden Kredite Geld immer billiger wurde und folglich die Verschuldung in allen Bereichen der Wirtschaft wuchs: bei Staaten, Unternehmen und bei Privatpersonen.

Das Problem dabei: Steigende Zinsen würden diese Schulden massiv verteuern, was zu einer Kette von Insolvenzen auf allen Ebenen führen könnte. Dadurch werden Domino-Effekte wahrscheinlicher: Erst kippen schwache Firmen und Zombie-Unternehmen, die durch Querverschuldungen wirtschaftlich solide aufgestellte Unternehmen anstecken. Durch die zunehmende Zahl an Kreditausfällen kippen die ersten Banken, die wiederum andere Banken mit in den Abgrund reißen. Und am Ende wankt das gesamte System.

In vergangenen Zeiten, als das Hauptproblem der großen Volkswirtschaften ein zu langsames Wachstum war, war die Niedrigzinspolitik zwar riskant, blieb aber ohne Konsequenzen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Denn durch die hohe Inflation sind Zinsanhebungen absolut notwendig geworden. Diese führen zu Anschlussproblemen, die das System weiter destabilisieren.

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Zum Beispiel hat der Dollar durch die Leitzinsanhebungen in den USA relativ zu anderen Währungen an Stärke gewonnen. Das verschärft nicht nur die Schuldenkrise in den Schwellenländern, die hauptsächlich in US-Dollar verschuldet sind. Es verteuert auch global Energieimporte, da Rohstoffe größtenteils in Dollar gehandelt werden.

Auch Wachstumsprobleme entstehen: Das immense Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft basierte vor allem auf günstigen US-Krediten, die es nun schlicht nicht mehr gibt. Ähnlich sieht es in anderen wachstumsstarken Schwellenländern wie Indien oder Brasilien aus.

Die jüngsten Ereignisse in Großbritannien, die zu einem Beinahe-Zusammenbruch des britischen Rentensystems und einem Regierungswechsel in London führten, lassen erahnen, dass sich Systemprobleme dieses Mal nicht auf ferne Weltregionen beschränken lassen. Die Einschläge kommen näher.

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Wie wahrscheinlich ist es, dass auf die vielen Krisen der letzten Jahre nun auch eine finale globale Finanzkrise folgt? „Die Kreditrisiken im Finanzsektor nehmen derzeit vor allem aufgrund des realwirtschaftlich problematischen Umfelds zu”, erklärt Franziska Bremus, Expertin für Finanzstabilität am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW).

Der Krieg in der Ukraine, gestörte Lieferketten, gestiegene Energiepreise, Inflation und eine drohende Rezession sorgten allgemein für einen risikoreicheren Rahmen. „Es ist schwierig für die Banken, diese Risiken richtig einzuschätzen”, sagte Bremus dem Nordkurier. Auf der einen Seite sei die Kreditnachfrage der Unternehmen sehr hoch, da die Firmen aufgrund der gestiegenen Inputkosten frisches Geld brauchten.

Auf der anderen Seite kühle die Wirtschaft ab und die Finanzierungskosten der Unternehmen stiegen, was zu einer steigenden Zahl notleidender Kredite führen könnte. „Deshalb werden die Banken vorsichtiger. Insgesamt kommen gerade so viele Dinge zusammen, dass man insgesamt mehr auf die Finanzstabilität achtet”, so Bremus.

EU-Ausschuss warnt vor dramatischen Folgen

Zu einem noch dramatischeren Schluss kommt der Europäische Ausschuss für Systemrisiken, der zuletzt zum ersten Mal in seiner Geschichte eine „allgemeine Warnung” herausgab: Banken und Behörden sollten sich darauf vorbereiten , dass die verschiedenen Krisen auch den Finanzsektor ansteckten.

Der bei der EZB angesiedelte, aber unabhängig agierende Ausschuss sieht insbesondere drei Risiken, die sich gegenseitig verstärken und zu Schockwellen im Finanzsystem führen können: Erstens könnten Insolvenzketten den Bankensektor destabilisieren.

Zweitens könnten rasche Einbrüche bei Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen oder Immobilien für Verwerfungen an den Finanzmärkten sorgen, die ihrerseits – wie in Großbritannien in den vergangenen Wochen – wiederum das Finanzsystem destabilisieren. Und drittens sehen die Aufseher ein systemisches Risiko in der geringen Profitabilität der Banken insbesondere in Deutschland und Europa.

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Die geringe Ertragskraft im europäischen Bankensektor wird im Verhältnis zu den anderen Risiken in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, stellt aber in der Realität die größte Bedrohung für das globale Finanzsystem dar. Warum? Weil die Gewinne der Banken ebenjenen Puffer ausmachen, der Schockwellen im Finanzsystem abfedern kann. Insolvenzwellen und andere realwirtschaftliche Domino-Effekte können gestoppt werden, wenn betroffene Privatbürger und Unternehmen in ein System eingebunden sind, das aufgrund von ertragsstarken Banken Kreditausfälle gut verkraftet.

Doch genau dies ist insbesondere im Euroraum nicht der Fall. „Europäische Banken leiden unter Überkapazitäten und einem extrem hohen Wettbewerb untereinander, was zu einer geringen Profitabilität führt”, erklärt DIW-Expertin Franziska Bremus. Es gebe schlicht zu viele Banken und zu viele Filialen pro Einwohner. Bereinigungen im Bankensektor, zum Beispiel durch Fusionen oder Übernahmen, fänden in Europa kaum statt.

Neue Mechanismen stabilisieren das Finanzsystem

Hinzu käme eine potenziell ungesunde Verflechtung zwischen Finanzinstituten und jenen Staaten, in denen sie ansässig sind. „Die Regulierung begünstigt die Tendenz, dass sich Banken in erster Linie mit Anleihen des eigenen Staates eindecken”, sagt Bremus. Das bedeutet: Gerät ein EU-Staat in eine Schieflage, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er das nationale Bankensystem mitreißt – und umgekehrt. „Aufgrund der Stabilität deutscher Staatsanleihen ist das für die Bundesrepublik kein Problem, für Italien, Spanien oder Griechenland aber schon”.

Allerdings sei das globale Finanzsystem aufgrund von Reformen und Stabilisierungsmechanismen heute deutlich besser aufgestellt als zu Zeiten der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers, die im Jahr 2008 eine globale Finanzkrise auslöste.

Diese Einschätzung bestätigt auch das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW): „Aufgrund der grundlegenden Reformen des Finanzsystems nach der Lehman-Insolvenz sehe ich die Situation aktuell noch nicht so düster”, sagte Markus Demary, Senior Economist am IW, dem Nordkurier.

Dazu gehörten nicht nur höhere Eigenkapitalanforderungen an Banken und eine Verringerung der internen Kredit-Verflechtungen, sondern auch Mechanismen, die eine geordnete Sanierung oder Abwicklung von zahlungsunfähigen Banken in der EU erlauben. DIW-Expertin Franziska Bremus gibt allerdings zu bedenken: „Klar ist auch: Je größer der Schock, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Instrumente doch nicht helfen”.

 

 

 

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