SCHOCK FÜR SPARER

Droht uns jetzt die Mega-Inflation?

Die Inflation ist zuletzt in die Höhe geschossen – eine Katastrophe für Sparer. Ist dies nur vorübergehend so oder müssen wir uns langfristig auf eine höhere Geldentwertung einstellen?
Die Verbraucherpreise sind zwischen Juli 2020 und Juli 2021 stark angestiegen.
Die Verbraucherpreise sind zwischen Juli 2020 und Juli 2021 stark angestiegen. NK-Grafik/Ackermann
Experten gehen von einer Inflationsrate von bis zu 5 Prozent bis Jahresende aus.
Experten gehen von einer Inflationsrate von bis zu 5 Prozent bis Jahresende aus. Danny Gohlke
Neubrandenburg ·

Die Inflationsrate in Deutschland ist nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes von Montag im August auf 3,9 Prozent gestiegen. Zwar blieb ein sprunghafter Anstieg wie im Vormonat aus, als die Teuerung innerhalb von nur vier Wochen von 2,3 auf 3,8 Prozent zulegte. Trotzdem markiert die derzeitige Inflationsrate den höchsten Stand seit Dezember 1993, als sie sogar 4,3 Prozent betrug. Volkswirte rechnen damit, dass die Verbraucherpreise in Deutschland in den nächsten Monaten weiter steigen werden. Vorübergehend gelten sogar Teuerungsraten von fünf Prozent als möglich.

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„Der Inflationsdruck bleibt in Deutschland bis mindestens zum Jahresende sehr hoch”, sagte Friedrich Heinemann, Ökonom am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Fünf Prozent pro Jahr mögen auf den ersten Blick nicht viel wirken, doch über einen längeren Zeitraum wirkt sich diese Inflation verheerend aus: Nach gut 13 Jahren hätte sich das Gesparte halbiert. Deshalb stellen sich viele Menschen die Frage, ob es bei einer solch hohen Geldentwertung bleibt oder ob die Zahlen nur vorübergehend sind.

Was für eine kurzfristig hohe Inflation spricht

Die Antwort darauf ist komplex. Es gibt sicherlich gute Gründe für die Annahme, dass die hohe Teuerungsrate zeitlich begrenzt ist. Zum einen resultiert sie aus statistischen Effekten: Durch die Senkung der Mehrwertsteuer und die Lockdowns im Zuge der Corona-Pandemie waren viele Güter in Deutschland im vergangenen Jahr günstiger als sonst. Da die Mehrwertsteuersenkung erst zum 1. Juli 2020 eingeführt wurde und am 31. Dezember 2020 auslief, schlägt sie sich statistisch erst jetzt in den Inflationszahlen nieder, wodurch der sprunghafte Anstieg von Juni zu Juli 2021 zu erklären ist. Gleichzeitig brach aufgrund der weltweiten Corona-Lockdowns vor einem Jahr der Rohölpreis ein, was zu fallenden Energiepreisen führte. Mit der Erholung des Ölpreises kehren die Preise für Energie wieder auf ihr Vorkrisenniveau zurück, was sich in der Statistik im Jahresvergleich als Preiserhöhung widerspiegelt.

Zum anderen resultieren die höheren Preise aus situationsbezogenen Effekten. Zum Beispiel führten corona-bedingte Lieferschwierigkeiten und Engpässe zu steigenden Preisen bei Rohstoffen und Vorprodukten, was wiederum viele Produkte und Dienstleistungen verteuerte. Viele Firmen haben ihre Produktion gedrosselt und Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, gleichzeitig haben die Bürger in der Corona-Zeit weniger Geld ausgegeben. Dadurch trifft nun eine verstärkte Nachfrage auf ein vermindertes Angebot: Nach dem kleinen Einmaleins der Marktwirtschaft wirkt sich das ebenfalls preistreibend aus.

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Deutsche kaufen Gold in Massen

Kurzum: Es gibt viele Gründe, die die derzeit hohen Inflationsraten erklären. Führende Ökonomen in Deutschland, Europa und den USA gehen deshalb davon aus, dass die hohe Teuerungsrate vorübergeht und sich schon bald wieder deutlich unter der Marke von zwei Prozent – dem Ziel von EZB und Fed, den Notenbanken in der EU und den USA – einpendeln wird. Die Verbraucher sehen das aber anscheinend anders. In vielen deutschen Familien sind die traumatischen Erinnerungen an die Hyperinflation von 1923 noch lebendig.

Um ihr Erspartes in Sicherheit zu bringen, kaufen die Deutschen deshalb momentan massiv Gold. Im ersten Halbjahr 2021 gingen 90,5 Tonnen des Edelmetalls in Form von Barren und Münzen über deutsche Ladentheken, so viel wie seit der Finanzkrise im Jahr 2009 nicht mehr. Das berichtete in dieser Woche die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg mit Bezug auf Daten des World Gold Council. Damit erwarben die Deutschen 60 Prozent des EU-weit verkauften Edelmetalls, weltweit kaufen derzeit nur noch die Chinesen mehr.

Was für eine langfristig hohe Inflation spricht

Diese Flucht in den vermeintlich sicheren Hafen ist nicht nur psychologisch begründet, sondern basiert auch auf harten makroökonomischen Fakten. Denn: Wenn die Inflation erst einmal Fahrt aufgenommen hat, dann gibt es nur wenige geldpolitische Mechanismen, um sie aufzuhalten. Eine davon ist die Anhebung der Zinsen durch die Notenbanken. Doch dieser Weg ist versperrt: Da europäische und amerikanische Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren eher Probleme mit Deflation hatten, haben EZB und Fed eine als „Quantitative Lockerung” bezeichnete Geldpolitik verfolgt, die stark inflationär wirkt: So kauft die Fed jeden Monat Staatsanleihen im Wert von 80 Milliarden Dollar und Hypothekenanleihen im Wert von 120 Milliarden Dollar.

Auch die EZB kauft massiv Staatsanleihen auf. Die Idee dahinter: Durch die Aufkäufe fließt Geld ins Bankensystem, dadurch sinken die Zinsen und Kredite werden günstiger. Das treibt Investitionen und Konsum an, wodurch wiederum die Wirtschaft wächst und mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Staatsanleihen sind aber nichts anderes als staatliche Schuldscheine. Wenn die Notenbanken nun die Zinsen anheben, um der Inflation entgegenzuwirken, würde sich das unmittelbar auf die Haushalte der hochverschuldeten Länder auswirken – einigen EU-Staaten würde gar die Pleite drohen.

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Lohnsteigerungen würden Inflationsspirale auslösen

Zum anderen hat in den vergangenen Jahren vor allem ein Faktor deflationär gewirkt: die Stagnation der Löhne, die ihren Ursprung vor allem im demografischen Wandel und der Globalisierung hatte. Sollten sich nun aber Inflationsraten von drei Prozent oder mehr verfestigen, dann werden die in der Corona-Krise verhalten agierenden Gewerkschaften gar nicht anders können als für den Erhalt der Kaufkraft der Arbeitnehmer zu kämpfen. Paradoxerweise ist dies, die Steigerung der Löhne, das letzte Tröpfchen, was derzeit noch zur Beschleunigung der Inflationsspirale aus Preis- und Lohnsteigerungen fehlt. Damit könnte eine Eigendynamik entstehen, die dann von außen nur noch durch radikale Schnitte zu stoppen wäre.

Der Ausweg aus dieser Bedrohung liegt also in einem Drahtseilakt, bei dem sich zwei Auswegmöglichkeiten die Waage halten sollten: zum einen ein radikaler Schuldenabbau, um den Spielraum der Notenbanken zu erhöhen, und zum anderen ein starkes Wirtschaftswachstum, damit verschuldete Staaten und Unternehmen einen Anstieg des Realzinses verkraften können. Wie erfolgreich die EZB dabei sein wird, entscheidet über die Frage, ob wir in Deutschland auch langfristig stark steigende Preise sehen werden.

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Kommentare (5)

Auto, Tabak und Alkohol darf gerne preislich um 100% steigen.

Wenn ich den Artikel so lese, verstehe ich, dass eine Lohnanhebung die Inflation befeuern würde. Die eigentlich Preis treibenden Faktoren wie Miete und Energie werden als Randerscheinung behandelt. Fakt ist, dass viele Arbeitnehmer in dem in MV weit verbreiteten Niedriglohnsektor fast einen Kredit aufnehmen müssen, um Benzin zu kaufen, damit die Arbeit erreicht werden kann. Man traut sich kaum noch das Licht anzuschalten, weil die Nebenkoksten für Strom (der reine Produktionspreis ist seit Jahren unverändert bei 9 Cent) wie Netzkosten, EEG-Umlage und Steuern einen fast unbezahlbares Niveau weltweit erreicht hat.
Sieht man Geld als endliche Ressource, so wird klar, warum eine Inflation unausweichlich ist: ein ALG II Empfänger gibt zu 100% sein Geld in den Wirtschaftskreislauf zurück. Ein Milliardär hingegen gibt nur einen kleinen Teil in den Wirtschaftskreislauf zurück. Er entzieht dem Markt also auf lange Sicht die Ressource Geld. Irgendwann haben wir also einen Geldmangel. Begünstigt wird dies durch legale Steuervermeidungsmodelle. Im Verhältnis kann ein Milliardär theoretisch das Futter für seinen Hund von der Steuer absetzen, eine kinderreiche Familie hingegen nicht einmal eine Windel.
Die Politik begünstigt diesen Zustand nach bester Amigo-Manier.
Eigentlich sollte die Politik Probleme ansprechen und beseitigen und nicht schön lügen. Jeder vernünftige Bürger weiss, dass sich weder der Generationenvertrag Rente noch die soziale Absicherung so auf Dauer finanzieren lässt. Anstatt durch digitalisierte Verwaltung Kosten einzusparen, wird nach wie vor viel Geld für die Arbeitslosenverwaltung (Vermittlung findet schon lange nicht mehr statt) auf Papierbasis verschwendet. In Litauen oder Serbien wird die Verwaltung digital ausgeführt mit einem Bruchteil an Verwaltungskosten.
Der Lockdown hat die Schwächen des Systems aufgezeigt: Die KfW wurde beauftragt, die Corona-Hilfen auszubezahlen, obwohl dem Finanzamt alle Daten aus dem Vorjahr bereits vorlagen. In einer digitalen Verwaltung hätte man also über eine negative Einkommenssteuer das ganze wesentlich effizienter gestalten können, ohne sich von Betrügern das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. Aber die, die das entschieden haben, verfügen vermutlich nicht über die erforderliche Sachkompetenz. Politik ist eben wie eine gute Jeans: an den entscheidenden Stellen sitzen Nieten...
Ein Schelm wer Böses dabei denkt...

in das Amt der EZB Chefin gehievt, ja genau CDU und SPD haben hier ganze Arbeit geleistet. Dafür wurde dann Frau von der Leyen Ratspräsidentin. Heißt für diese Spitzenposten zahlt der Kleine Bürger jetzt die Tausendfache Zeche! Früher gab es mal Volksvertreter, heute belügen diese Leute ihre Bevölkerung mit höchster Professionalität und teilweise auch mit Verachtung, Pöbel ist auch so ein Ausdruck eines SPD Politikers!

Leider haben Sie Deflation statt Inflation beschrieben. Sie haben den Artikel nicht verstanden.

Danke für den richtigen Hinweis, den ich gerne zur Kenntnis nehme.
Wenn jedoch bei Geldmangel die Regierung Geld ohne Gegenwert nachdruckt.... ist dann doch Inflation?
Ein Wäschekorb voller Geld für ein Brot? Hatten wir in Deutschland schon einmal, wenn ich mich nicht irre...