KEMMERICH NEUER MINISTERPRÄSIDENT

Eine Glatze, die Geschichte schreibt

Thomas Kemmerich ist neuer Ministerpräsident in Thüringen. Er hat ein FDP-Parteibuch. Doch was zeichnet den Mann aus, der mit der Treuhand nach Thüringen kam und im Wahlkampf gegen Nazis stichelte?
Machte mit seiner Glatze und Nazi-Anspielung bei den Landtagswahlen 2019 Wahlwerbung: Thüringens neuer Ministerpräsi
Machte mit seiner Glatze und Nazi-Anspielung bei den Landtagswahlen 2019 Wahlwerbung: Thüringens neuer Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP). liberale.de
Erfurt.

Er ist seit 1953 der zweite Ministerpräsident der FDP in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das alleine hat am Mittwoch bundesweit für Überraschungen gesorgt. Doch noch ein anderer Fakt macht Thomas Kemmerich zu einem besonderen Landesvater: Er ist der erste Ministerpräsident überhaupt, der mit Stimmen einer AfD-Landtagsfraktion ins Amt gewählt wurde. Kritiker meinen nun, dass er durch seine Annahme des Amtes Rechtsradikalen einen Steigbügel zur Regierungsbeteiligung in Thüringen bietet. Doch wer ist eigentlich dieser FDP-Mann im Osten, der aus dem Westen kam, zum Amtsantritt Blumen vor die Füße geworfen bekommt und vielleicht so viel Häme im Netz, wie kein anderer Ministerpräsident vor ihm ertragen muss?

Der 54-jährige Kemmerich kommt aus Aachen und und studierte Rechtswissenschaften in Bonn. Parallel absolvierte er eine kaufmännische Lehre im Groß- und Einzelhandel. Nach dem Mauerfall kam Kemmerich nach Erfurt, wie viele andere Geschäftsleute in den ersten Monaten und Jahren nach der Wende. Er suchte sein Glück in der Selbstständigkeit, wurde Unternehmensberater. Ab 1991 wandelte er für die Treuhand den Betriebsteil eines Friseur-Dienstleistungskombinates sowie dessen Produktionsgenossenschaft in Weimar, Rudolstadt, Auerbach und Sömmerda zu einer GmbH um. Die Treuhand war für die marktkonforme Privatisierung der DDR-eigenen Betriebe zuständig. Ihre Arbeit wird heute vor allem in den neuen Bundesländern kritisch gesehen. So forderte der Vorsitzende der Linksfraktion im Deutschen Bundestag, Dietmar Bartsch, mehrfach einen Untersuchungsausschuss, der die Arbeit der Treuhand aufarbeiten solle.

Erfurter ließen Kemmerich bereits 2012 abblitzen

Kemmerich trat bei der Oberbürgermeisterwahl in Erfurt 2012 als Kandidat für die FPD an. Mit 2,6 % erhielt er die wenigsten Stimmen aller sieben Kandidierenden. Seit 2015 leitet er die Geschicke der Liberalen als Landesvorsitzende.

Zur Bundestagswahl 2017 trat Kemmerich als FDP-Kandidat im Wahlkreis Erfurt–Weimar–Weimarer Land II und als Spitzenkandidat auf der Landesliste der FDP in Thüringen an und wurde in den 19. Deutschen Bundestag gewählt. Dort war er Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie und im Unterausschuss Regionale Wirtschaftspolitik und ERP-Wirtschaftspläne sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Sein Bundestagsmandat legte Kemmerich am 14. November 2019 nieder, als er Vorsitzender der FDP-Fraktion im Thüringer Landtag wurde.

Mit der Glatze gegen Glatzen

Bei der Wahlkampagne zu den Thüringer Landtagswahlen machte der glatzköpfige FDP-Politiker Wahlwerbung mit Plakaten, auf denen neben einem Foto seines Kopfes der Slogan „Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat” stand. Mit dieser Nazi-Anspielung schien er auch gegen die AfD zu schießen, die in Thüringen vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Prüffall eingestuft wird. Zudem war der Vorsitzende der Thüringer AfD, Björn Höcke, der seit einem Gerichtsbeschluss vom September 2019 als Faschist bezeichnet werden darf, vor seiner Karriere als Politiker Geschichtslehrer.

Jetzt soll Kemmerich eine Regierung in Thüringen bilden. Keine leichte Aufgabe, bei dem schwierigen Start und den komplizierten Mehrheitsverhältnissen nach der Landtagswahl im Oktober.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Erfurt

Kommende Events in Erfurt (Anzeige)

zur Homepage