SOCIAL-MEDIA-TREND

Empörung über junge TikToker, die sich als Holocaust-Opfer verkleiden

Ein neuer Trend im Netz: Auf TikTok verkleiden sich Jugendliche als Opfer des Holocaust, die aus dem Himmel sprechen. Das sorgt für Empörung, besonders bei jüdischen Zuschauern.
Auf TikTok verkleiden sich Jugendliche als Opfer des Holocaust.
Auf TikTok verkleiden sich Jugendliche als Opfer des Holocaust. NK-Grafik
Neubrandenburg.

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Bei einem Trend auf der Video-Plattform TikTok geht es darum, dass Menschen so tun, als seien sie Opfer des Holocaust und nun im Himmel. Mit dicker Schminke im Gesicht, die Narben, Verbrennungen und andere Spuren der Folter zeigen sollen, sprechen sie über „ihr” Schicksal und wie sie von den Nazis ermordet worden sind. Dazu läuft meist das Lied „Locked Out Of Heaven” von Bruno Mars.

Nach diesem Schema wurden bereits hunderte Videos bei TikTok hochgeladen, die zum Teil von hunderttausenden Nutzern gesehen worden sind. Das Thema ist weltweit viral gegangen. Oft beziehen sich die Videomacher auf das Konzentrationslager Auschwitz, in dem zur Zeit des Nationalsozialismus mehr als eine Million Menschen ermordet worden sind, darunter vor allem Juden. Die Produzenten nehmen die Rolle des verstorbenen Opfers ein, das aus dem Jenseits direkt zum Zuschauer am Smartphone-Display spricht. Diese Art von Videos wird „point of view” (POV) genannt. Die Produzentin schlüpft in eine Rolle und spricht den Zuschauer direkt an. Auf diese Weise soll eine Beziehung hergestellt werden. In wenigen Sekunden erzählen die geschminkten Protagonisten dann „ihre” Lebensgeschichte, wie sie und ihre Familien in das Konzentrationslager deportiert worden und wie sie dort umgekommen sind.

Die Musik und die dramatischen Effekte zielen darauf ab, beim Zuschauern Emotionen wie Mitgefühl oder Wut auszulösen. Viele Creator sagen, dass es ihnen bei diesen Videos darum geht, Aufmerksamkeit für dieses ernste Thema zu erzeugen. Doch so einfach ist das nicht.

Videos werden immer dramatischer

Denn wer in sozialen Netzwerken etwas veröffentlicht, der tut das in der Regel, um Aufmerksamkeit für sich selbst zu generieren. Das gilt besonders, wenn man einem Trend folgt, wie das in diesen Holocaust-Videos der Fall ist. Entscheiden ist dann meist, wie man sich verhält.

„Die meisten Creator machen diese Videos, um auf einen Trend zu springen, damit sie Likes und Bekanntheit bekommen, aber sie sind schlecht informiert und absolut unwissend”, sagte die 19-jährige Jüdin Briana dem Magazin „Wired”. Sie hat selbst Teile ihrer Familie im Holocaust verloren und kritisiert den Trend heftig. Sie nennt ihn „geschmacklos” und „schädlich”, weil er sich nicht sensibel genug mit dem Thema auseinander setze, sondern nur oberflächlich sei. Dennoch seien solche Trends, die auf einen möglichst großen Effekt setzen, heutzutage normal geworden, kritisiert sie. Nun hätten die Macher einfach ein neues Thema für sich entdeckt.

Das habt ihr vielleicht auch schon beobachtet: Um den Betrachter überhaupt noch beeindrucken zu können, müssten die Videoproduzenten immer noch eine Schippe drauf setzen, um in der Masse an anderen Videos auffallen zu können. Man neigt irgendwann zu Übertreibungen und die eigentliche Geschichte spielt dann keine Rolle mehr. Das kann, bei bestimmten Themen, unangemessen werden. Diese drastische Art, ein traumatisches Schicksal darzustellen, wird auch „trauma-porn” genannt. POV-Videos mit sterbenden Menschen gibt es auf TikTok schon länger unter dem Hashtag #museumofdeath. Die Holocaust-Videos sind gewissermaßen eine Steigerung davon.

Wirkliche Opfer könnten gekränkt werden

„Ich halte es für wichtig, dass jemand, der einen POV über jüdische Themen oder den Holocaust erstellt, selbst eine jüdische Person sein sollte”, sagt Taylor Hillman, der auch von „Wired” befragt wurde. Der 21-jährige ist Jude und hat seine eigene Version dieses Trends gepostet. Er legt darauf Wert, dass andere Leute nicht so tun sollten, als seien sie ein Opfer, wenn sie dies nicht sind. Dies könnte die wirklichen Opfer kränken. So gebe es viele Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren, die den Holocaust-Trend nutzen, um selber bei TikTok bekannter zu werden. „Meist sind es keine Juden und es fühlt sich an, als würden sie die tatsächlichen Opfer des Holocaust verspotten”, so Taylor Hillman.

Dass Holocaust-Opfer sich verspottet fühlen können, davor warnt auch Martin Schellenberg, der die Bildungsabteilung der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen leitet. Das ehemalige Konzentrationslager in Oranienburg liegt nördlich von Berlin, auch dort sind bis 1945 zehntausende Menschen ermordet worden.

Auch Schellenberg weist darauf hin, dass es bei TikTok-Videos vor allem um Aufmerksamkeit für die Produzenten selbst geht. Allerdings: „Wenn die Produzenten der Videos selbst Juden sind, die für die Geschichte ihrer Vorfahren Aufmerksamkeit erreichen wollen, wäre das anders zu bewerten, als wenn es lediglich um eine möglichst krasse 'Story' geht.” Dies sei aber nur schwer zu beurteilen und zu überprüfen, zumal bereits der Rollenwechsel Teil des „Spiels” sei. Schellenberg betont, dass man nicht jedes dieser Videos pauschal verurteilen sollte, wie es manche Kritiker tun.

Jugendliche sollten experimentieren dürfen

Der Experte lehnt den Trend nicht komplett ab. Er sagt: „Die spielerische Identifikation oder Empathie für Holocaust-Opfer ist per se erstmal nicht falsch. Auch künstlerisch-darstellerische Verarbeitungen sind prinzipiell erstmal begrüßenswert. Jugendlichen, die selbst in einer identitätsbildenden Phase sind, müssen zu einem gewissen Grad auch experimentieren dürfen.”

So würden es sich Kritiker oft zu leicht machen, das Fehlverhalten anderer im Umgang mit Themen wie dem Holocaust und Konzentrationslagern zu kritisieren. „Aus meiner Sicht ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Empörung über andere auch ein Weg sein kann, sich selbst nicht mit der eigentlichen Geschichte auseinandersetzen zu müssen.” Er verweist dabei auf die Debatte um Selfies, die häufig von Besuchern der Holocaust-Gedenkstätte in Berlin oder in Auschwitz auf Instagram gepostet werden. Auch darüber ist die Empörung häufig groß.

Ihr solltet also weiter nicht davor zurückschrecken, euch mit ernsten Themen zu beschäftigen. Wenn ihr das macht, habt ihr anderen Menschen oft schon etwas voraus. Wichtig ist es aber, dass ihr immer darüber nachdenkt, ob das, was ihr im Netz veröffentlicht, wirklich angemessen ist und vielleicht die Gefühle von anderen Menschen verletzen könnte. Im Zweifel solltet ihr immer vorher mit anderen darüber reden.

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