Unsere Themenseiten

Chefredakteur der „Freien Presse”

:

"Wir haben keine Hetzjagden beobachtet"

Gab es in Chemnitz Hetzjagden? Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der "Freien Presse" in Chemnitz, widerspricht dieser Darstellung.
Gab es in Chemnitz Hetzjagden? Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der „Freien Presse” in Chemnitz, widerspricht dieser Darstellung.
Jan Woitas

Seine Leute waren hautnah am Geschehen dran: Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der Tageszeitung „Freie Presse” in Chemnitz, beklagte in einem Interview, dass Medien und Bundesregierung ein falsches Bild von den Vorfällen zeichnen.

Gerüchte, Übertreibungen, glatte Falschmeldungen: Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der „Freien Presse” in Chemnitz, hatte in den letzten Tagen keinen leichten Job. Als nach dem schrecklichen Tod eines Tischlers, der mutmaßlich von einem Syrer und einem Iraker in der Nacht zum Sonntag am Rande des Chemnitzer Stadtfestes erstochen wurde, vor allem in rechten Netzwerken empört über diese Tat berichtet wurde, stemmte sich seine Zeitung mit allen Mitteln der seriösen Recherche gegen Falschinformationen.

Es gebe keine Informationen darüber, dass dem Verbrechen die sexuelle Belästigung einer Frau vorausgegangen sei, es gebe keinen zweiten Toten. Erfindungen und Übertreibungen, gegen die Torsten Kleditzsch Fakten setzte. Oft drang er damit aber inbesondere bei den aufgeputschten Rechtsradikalen nicht durch, die ihren eigenen Netzwerken mehr vertrauten.

Jetzt kämpft Kleditzsch auf einem ganz anderen Feld gegen falsche Darstellungen und Übertreibungen. Es geht um die „Hetzjagden” im Umfeld einer Demonstration rechter Hooligans im Nachgang der Messerattacke. Videoschnipsel von diesem Nachmittag hatten im Netz die Runde gemacht, im Internet war schnell von „Hetzjagden” auf Ausländer die Rede. Davon allerdings könne man nicht sprechen, sagte Torsten Kleditzsch in einem Interview mit „Deutschlandradio Kultur”.

Einzelne Angriffe auf Migranten, Polizisten und Linke

„Hetzjagden” hätten seine Reporter nicht beobachtet, mehre Kollegen seien vor Ort gewesen und könnten nichts dergleichen berichten. Ob er denn der Meinung sei, dass die überregionalen Medien das Geschehen in seiner Stadt adäquat abbilden würden, wurde er darauf gefragt. Antwort: „Das kann ich nur mit Abstrichen bejahen.”

Es habe zwar einzelne Angriffe auf Migranten, auf Polizisten und auf Linke gegeben, das seien aber sehr vereinzelte Fälle aus der Demonstration heraus gewesen. „Und das hatte mit einer Hetzjagd im wörtlichen Sinne nichts zu tun”, sagt Kleditzsch. Und tatsächlich sind solche Angriffe beim Zusammentreffen unterschiedlicher Gruppierungen in Städten in Ost wie West an der Tagesordnung, wie jüngste Vorfälle belegen.

Kleditzsch fuhr denn auch fort: „Ich will da nichts beschönigen. Aber wenn Begriffe übernommen werden, die ein Internet-Blog hochgepustet hat und dann auch die Bundesregierung das in einem Statement verwendet, die Leute vor Ort das aber anders wahrgenommen haben, dann trägt das nicht dazu bei, die Lage zu deeskalieren. Und das führt auch dazu, dass das Vertrauen in die etablierten Medien eher nicht gestärkt wird.”

Unterdessen veröffentlichte das Schweizer Nachrichtenportal "Watson" eine Sprachnachricht, die auf WhatsApp kursieren soll und deren Echtheit bisher nicht unabhängig bestätigt ist. Diese zeichnet ein anderes Bild: Darin schildert ein Mann, was er während der Krawalle in Chemnitz erlebt haben will. "Das waren vielleicht circa 1000 Rechte, die da durch die Straßen gezogen sind", heißt es in der veröffentlichten Sprachnachricht. "Du hast da nur noch Kanaken rumliegen sehen, die blutverschmiert mir entgegenkamen. Die haben so viel Schläge eben grad gekriegt."

In einer früheren Version des Artikels lautete die Überschrift: "Es gab in Chemnitz keine Hetzjagden!" Nach Rücksprache mit Torsten Kleditzsch wurde der Titel geändert.

Kommentare (4)

Wie unterschiedlich die Reaktionen: Obwohl der Fall in Wismar noch gar nicht aufgeklärt wurde, ist die veröffenliche Meinung samt ihrer Politikvertreter schon wieder ganz sicher in ihrem Urteil. Es fallen Begriffe wie "entsetzlich, abscheulich, fassungslos". Sogar die "geistigen Brandstifter" sind ausgemacht und - der Staatsschutz ermittelt (ermittelt der eigentlich auch in Chemnitz zu dem Mord?) In Chemnitz mußten sich tausende Bürger als "Nazis" medial beschimpfen lassen und kleinere Vorfälle wurden zum typischen Merkmal der Demonstration aufgebauscht. Der Mord kam dann fast nicht mehr vor, jedenfalls nicht als weiteres Beispiel abscheulicher Verbrechen der letzten Jahre unter der Regierung Merkel. Spürbares Mitgefühl mit dem Opfer, das im Unterschied zum Wismarer nicht mehr lebt - Fehlanzeige.

Die "Freie Presse" fängt eine Diskussion darüber an, was eine Hetzjagd und eine Jagdszene sei? Es ist schon auffallend, dass die sächsische Regierung (Interview des Ministerpräsidenten Kretschmer im ZDF am 28.8.) und dortige Lokalmedien die jahrelangen Probleme mit dem erstarkenden Extremismus im Freistaat Sachsen herunterspielen. Hintergrund wird sein, keine Polarisierung anzustreben. Ob das Herumgeeeiere die richtige politische Strategie gegen Extremismus ist, darf bezweifelt werden (immerhin können Nazis in Chemnitz ungestört öffentlich in alle Richtungen Hitlergrüße zeigen). Die nächsten Wahlen in Sachsen verheissen nichts Gutes. Wenn eine Partei - hier die CDU Sachsen - keine politische Position beziehen will, ist sie politisch unbedeutend und nicht wählbar.

Dieser Artikel gehört nicht auf Seite zwei versteckt sondern auf die Titelseite. Den alles was Empörungsbeauftragte und Volkserzieher in den letzten Tage von sich gegeben haben, wir zermalmt werden! Haben wir es nicht immer gesagt " lügenpresse“? wird das wenigste sein was den Medien und dem hysterischen Umgang mit den Vorfällen vorgeworfen werden wird. Die rechte wird gestärkt und die besorgen Bürger verlieren immer das Vertrauen in die Medien und in den Rechtstaat, wenn der Eindruck erweckt wird die Veröffentlichung des Haftbefehles wiegt schwerer als das Tötungsdelikt? Wann endlich erfolgt in den Medien und in den Köpfen von Politkern eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Thema, es gibt gelungen Integration und ohne Zweifel Fällen in welchen der Staat vorgeführt wird und der Bürger zurecht fordert das gehandelt wird. Natürlich darf das gewaltmonopol nach dem GG nicht angetastet werden von niemanden ob rechts oder links! Den bei links drückt man doch wohl in einigen Ländern nicht die Hühneraugen zu (Aachen). Alles in allem dürfen die Diskussion nicht entspannter werden im Gegenteil die Meiden haben mal wieder versagt und das auf ganzer Linie. Wie schon geschrieben ich wünsche ich mir ehrliche Medien und Politiker die zuhören können und nicht verteufeln sondern auch Sachen ansprechen die wehtun. Der NK hat manchmal richtig gute Tage und dann plötzlich ist er wieder Mainstream das es einem schüttelt warum bloß? Mangelt es an innerer Pressefreiheit?

"Der NK hat manchmal richtig gute Tage und dann plötzlich ist er wieder Mainstream das es einem schüttelt warum bloß? Mangelt es an innerer Pressefreiheit?" - Aus meiner Sicht ganz im Gegenteil. Die Frage ist natürlich, was man erwartet. Erwarten Sie eine Zeitung, die nur das schreibt, was Sie lesen wollen? Wie langweilig. Und gefährlich für das eigene Denken. Sie sind doch ein denkender Mensch - bilden Sie sich selbst eine Meinung, speisen Sie Ihre Meinung aus verschiedenen Quellen oder auch aus verschiedenen Sichtweisen in ein und derselben Zeitung. Debatten leben von verschiedenen Sichtweisen, seien es nun innere Debatten oder in der Gesellschaft. Leben ist Veränderung, dazu gehört auch das Denken. Ergo: Pressefreiheit heißt nicht, dass die Presse die Freiheit hat, nur das zu schreiben, was Sie lesen wollen.