DOPINGOPFER IN DER DDR

Experten befürchten Missbrauch von Entschädigungsgeldern

Heute entscheidet der Bundesrat über eine Aufstockung der Mittel für Dopingopfer der DDR. Bis zur letzten Sekunde gibt es dagegen erbitterten Widerstand.
Jürgen Mladek Jürgen Mladek
Da verstanden sie sich noch: Im November 2015 traten Ines Geipel und Werner Franke gemeinsam bei einer Pressekonferenz auf. Ein Jahr zuvor hatte Geipel Franke als „Wahrheitsinstanz im deutschen Sport“ gerühmt.
Da verstanden sie sich noch: Im November 2015 traten Ines Geipel und Werner Franke gemeinsam bei einer Pressekonferenz auf. Ein Jahr zuvor hatte Geipel Franke als „Wahrheitsinstanz im deutschen Sport“ gerühmt. Rainer Jensen
Neubrandenburg.

„Eine Einladung zum Betrug!“ Das sind nach Ansicht von vier profilierten Anti-Doping-Kämpfern die Millionen, die im Entschädigungsfonds für Opfer des DDR-Dopings bereitliegen. Dass dieser Fonds am Freitag vom Bundesrat um drei Millionen Euro auf dann 13,65 Millionen Euro aufgestockt werden soll, könnte einen Missbrauch dieser Gelder noch verschlimmern, befürchten der Molekularbiologe Professor Werner Franke, Professor Gerhard Treutlein sowie die Anti-Doping-Kämpfer Claudia Lepping (ehemalige Leichtathletin) und Henner Misersky (Ex-Skilanglauftrainer). Sie hatten sich vergangene Woche in einem offenen Brief an die verantwortlichen Politiker gewandt, um diesen Schritt noch zu verhindern (Nordkurier berichtete).

Große Erbitterung löste das bei der Vorsitzenden der Dopingopfer-Hilfe (DOH), Ines Geipel, aus. Sie setzt sich schon lange vehement für eine Aufstockung der Mittel ein, sie geht auch von wesentlich höheren Opferzahlen aus als andere Experten. Ihrer Meinung nach können sich Doping-Traumata nämlich auch über die DNA auf die nächste Generation übertragen. Statt von ursprünglich angenommenen 1000 Opfern könne man deshalb inzwischen von 15.000 Opfern sprechen.

Geipel vermutet hinter Attacken persönliche Gründe

Für den Molekularbiologen Werner Franke ist das wissenschaftlicher Humbug. Es gebe keinen einzigen toxikologischen Befund, der dieser These Nahrung gebe. Was ihn und die anderen Experten ebenfalls stört, sind die Bedingungen, unter denen die Opferentschädigungen (10.500 Euro pro Fall) ausgezahlt werden. Auch Beschwerden, die nicht mehr vorliegen und die mit einer Wahrscheinlichkeit von lediglich mehr als 50 Prozent auf Doping zurückzuführen sind, führen nach derzeitigen Kriterien zu einer Auszahlung des Geldes.

Solche schwammigen Begründungen könnten dazu führen, dass auch subjektive Psycho-Befindlichkeiten am Ende eine Entschädigungszahlung zufolge hätten. Voraussetzungen für Zahlungen müssten aber wissenschaftlich begründet sein.

Ines Geipel vermutet hinter den Attacken gegen ihre Opfer-Interpretationen persönliche Gründe ihrer vier früheren Mitstreiter, geht allerdings nicht näher auf deren mögliche Motive ein. Die Vier weisen diese Vermutung von sich. Es gehe um Wahrhaftigkeit und darum, den wirklich Betroffenen zu helfen und Betrug zu verhindern. Es gehe schließlich auch um Geld der Steuerzahler.

Intensive Lobbyarbeit hat Erfolg

Ein spezieller Umstand macht es für Ines Geipel schwierig, die Glaubwürdigkeit ihrer Kritiker zu erschüttern. Sie selbst hatte 2014 an Werner Franke die Heidi-Krieger-Medaille verliehen, weltweit die einzige Auszeichnung für Engagement gegen Doping-Missbrauch. Bei diesem Anlass hatte Ines Geipel den Zellbiologen als „Wahrheitsinstanz im deutschen Sport“ gerühmt. Ihm nun die Glaubwürdigkeit abzusprechen, obwohl er auch international als Kapazität auf seinem Gebiet gilt, dürfte ihr nur schwer gelingen.

Allerdings betreibt Geipel seit Jahren eine intensive Lobbyarbeit in Politik und Presse – und das durchaus mit Erfolg. Als der Nordkurier zum Beispiel im September kritisch über mögliche Trittbrettfahrer bei der Doping-Entschädigung berichtete, brach ein mediales Trommelfeuer über unsere Zeitung herein, orchestriert aus Redaktionen, die der DOH nahe stehen. Und im Bundestag passierte die Aufstockung der Opferhilfe überraschend schnell die Gremien, obwohl die Bundesregierung noch im September erklärt hatte, dass es keine wissenschaftlichen Belege für die Vererbbarkeit von Doping-Schäden gebe.

 

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