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„Europas letzter großer Mischwald”

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Fake News um Hambacher Forst

Die Behauptung, dass im Hambacher Forst "Europas letzter und größter Mischwald" dem Profitinteresse eines gierigen Konzerns geopfert würde, stimmt nicht.
Die Behauptung, dass im Hambacher Forst „Europas letzter und größter Mischwald” dem Profitinteresse eines gierigen Konzerns geopfert würde, stimmt nicht.
Foto: Marcel Kusch/ Montage: NK

Die Räumung und geplante Rodung des Hambacher Forstes durch den Energieriesen RWE stößt auf erbitterten Widerstand. Und führt zu einem erstaunlich laxen Umgang mit Fakten auch durch Politiker, die aus einem Wäldchen einen riesigen Urwald machen.

Seit dem vergangenen Donnerstag läuft die groß angelegte Räumung des Hambacher Forstes, und kein Tag vergeht ohne spektakuläre Bilder, die sich rasch verbreiten. Im Gefolge erleben aber auch Fake News eine bedenkliche Blüte. Derzeit besonders beliebt: Die Behauptung, dass hier „Europas letzter großer Mischwald” dem Profitinteresse eines gierigen Konzerns geopfert würde. Das Muster dahinter ist klar: Je größer die vermeintliche Umweltsauerei, desto verdammungswürdiger das Vorgehen des von Politik und Gerichten unterstützten Konzerns.

Nur: Diese Nachricht stimmt nicht. Der Hambacher Forst ist in der realen Welt außerhalb von Facebook und Twitter nur ein Wäldchen. Den Alarmruf, dass hier ein riesiges Naturparadies der Kettensäge zum Opfer fällt, wurde allerdings intensiv in den Sozialen Netzwerken geteilt, auch Sahra Wagenknecht (Die Linke) postete sich so ihre Empörung von der Seele.

Aber auch Politiker aus der zweiten Reihe waren bereit, ohne weiteres die Erzählung vom Verschwinden eines riesigen Walds zu verbreiten. So teilten auf Twitter sowohl Dirk Friedriszik von der SPD-Fraktion im Schweriner Landtag als auch Silke Gajek, frühere Landtagsabgeordnete für Bündnis90/Die Grünen, den Beitrag, in dem der Hambacher Forst als letzter großer Mischwald Europas bezeichnet wird.

Viel größere Mischwälder in Rumänien und der Ukraine

Aber kann das wirklich stimmen? Masuren, Karpaten, Bayrischer Wald, Böhmerwald, sogar der Müritz Nationalpark: Die waren auch schon vor den Protesten um Hambach als Waldparadiese bekannt, vom Hambacher Forst hatte man dagegen doch eigentlich nie gehört. Was also stimmt da nicht?

Wir fragten Stefan Ruge, Professor für Botanik und Waldbau-Grundlagen an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg (Baden-Württemberg), der muss sich da ja auskennen. Und er muss tatsächlich nicht lange überlegen: „In der Ukraine und in Rumänien gibt es weitaus größere Mischwälder als den Hambacher Forst.” Darüber hinaus würde von dem ehemals knapp 5500 Hektar großen Waldstück nur noch ein Bruchteil existieren, sagt er weiter.

Laut offiziellen Schätzungen macht das Waldstück nur noch zehn Prozent der ursprünglichen Fläche aus. Das wären dann also nur noch bescheidene 550 Hektar. Und so eine Waldfläche wird locker an vielen Orten übertroffen. So macht etwa der Pfälzerwald (Rheinland-Pfalz) eine Fläche von 175.000 Hektar aus, so der Professor. Er ist also 318 Mal größer als der verbliebene Hambacher Forst.

Ein Drittel Deutschlands von Wald bedeckt

Zahlen des Bundesministeriums für Landwirtschaft belegen zudem, dass ungefähr ein Drittel Deutschlands von Wald bedeckt ist. „Allein in Nordrhein-Westfalen, wo der Hambacher Forst steht, existieren 900.000 Hektar Wald”, rechnet Ruge vor. Dagegen nehmen sich die 550 Hektar aus Hambach dann doch recht bescheiden aus.

Eine weitere Falschmeldung, die ebenfalls oft aufgegriffen und ungeprüft weiter ins Land getragen wurde, verbreitete Katja Kipping, Chefin der Linken, bereits in der vergangenen Woche auf Twitter. Zu einem Foto mit dem Hashtag #Hambibleibt schrieb sie, dass die Bäume in besagtem Forst 12.000 Jahre alt seien. Zwar begannen die ersten Bäume auf dem Areal bereits tatsächlich vor 12.000 Jahren, also unmittelbar nach der letzten Eiszeit, ihre Wurzeln zu schlagen, aber die ältesten Bäume sind maximal 350 Jahre alt, wie Stefan Ruge bestätigt.

Dieser Beitrag wurde in der Zwischenzeit bereits mehrfach von Twitter-Mitgliedern als Fake News kommentiert, aber trotzdem hält es die Politikerin nicht für nötig, diese Falschmeldung, ähnlich wie Dirk Friedriszik, zu löschen oder einzuordnen. Zumindest den Beitrag über den „größten Mischwald” hat Friedriszik nach der Nordkurier-Anfrage umgehend gelöscht. Gleichwohl stellt er klar, dass für ihn „der Beitrag eher einen Symbolcharakter hat und es tatsächlich nicht auf die Größe des Waldes ankommt”. Aha! Fake News also als Symbolkraftverstärker, das hat schon was für einen justizpolitischen Sprecher einer SPD-Landtagsfraktion.

Hambacher Forst soll bis zum Wochenende geräumt sein

Auch so wird das Klima im Konflikt um den Hambacher Forst natürlich angeheizt. Mehrere Hundertschaften der Bereitschaftspolizei auch aus anderen Bundesländern sind derzeit in und um das nordrhein-westfälische Waldgebiet versammelt, um die Protestler aus dem Wald zu vertreiben und die Forstarbeiter beim Abriss der insgesamt knapp 50 Baumhäuser zu sichern.

Laut aktuellen Behördenangaben soll das Areal bis zum kommenden Wochenende geräumt sein. Trotz des massiven Polizeieinsatzes setzen sich weiterhin viele Menschen gegen die Rodung dieses Waldes ein, bilden – friedliche – Menschenketten oder organisieren Solidaritätsveranstaltungen über das Internet. Zudem positionieren sich auch zahlreiche Politiker offen gegen Räumung und künftige Abholzung des Forstes.

Kommentare (4)

...Fäkalienbeutelwerfer ernst?

Lieber Herr Jürgen Mladek, Sie sind ein Lichtblick in der Schar Ihrer gleichgeschalteten Kollegen. Ich bin jedesmal gespannt auf ihre Kommentare.

Das ist so einer dieser Kommentare, bei denen einem um das Aussterben von Lokalzeitungen gar nicht mehr so bang um's Herz ist. Mal abgesehen davon, dass sich durch die Benutzung des Begriffes "Fake News" auf eine Stufe stellen mit Deppen wie Trump oder Seehofer für einen "neutralen" Journalisten eh bedenklich sein sollte, kann man Dinge auch absichtlich schlecht reden. Natürlich stehen die konkreten Bäume da nicht seit 12.000 Jahren! Was ist denn das für eine Vorstellung? Die BRD existiert auch seit bald 70 Jahren sagen die Leute, aber stellen Sie sich vor: Mit STÄNDIG wechselnder Regierung!!! :-O 70 Jahre BRD? FAKE NEWS! Und das die Ukraine und Rumänien auf einmal zu Mitteleuropa gehören sollen, ist tatsächlich mal News! Das haben Sie gut aufgedeckt. Bislang hätte ich allenfalls gedacht, das vllt. Teile geografisch zu Mitteleuropa gehören und die Länder politisch/kulturell auch nur teilweise und selten, aber eher gar nicht dazu gehören, doch danke für die Aufklärung... (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Mitteleuropa) Und überhaupt, bestimmt stehen in Amerika und Asien eh noch irgendwelche Wälder, insofern kann man doch gleich ganz Deutschland abholzen. Macht ja eh keinen Unterschied. Da sollte man lieber Rücksicht nehmen, auf derart arme und gebeutelte Firmen wie RWE, damit die wenigstens noch irgendwie ne gute Mark machen können. Gerade von einer "Zeitung" aus den Neuen Bundesländern hätte ich etwas mehr Umsicht und Differenzierung beim Thema Ausbeutung wegen Profitgier erwartet. Mal ehrlich, was war denn bitte Ihre Motivation eine derart überflüssige Meinungsnotdurft auf die Öffentlichkeit loszulassen? Natürlich kann und sollte man die Protestierer kritisieren, aber dann doch bitte mit Sinn und Verstand und nicht mit solch an den Haaren herbeigezogenen "Argumenten". Und Karsten Doerre, wann nehmen Sie denn Protestierer ernst? Wenn die Molotowcocktails werfen, statt Fäkalien? Wenn RWE-Büros angezündet werden? Seien Sie doch froh, wenn es auch Leute gibt, die sich friedlicherer Demonstrationsformen bedienen, als die AfD und ihre Sympathisanten... *KOPFSCHÜTTELNDDENRAUMVERLÄSST*

Nun, wenn man die Informationen unbedingt falsch verstehen möchte, dann kann man sie natürlich falsch verstehen und laut "Fake News" rufen. Wo wird denn suggeriert dass es hier um einen "riesigen" Wald geht? Und einigermaßen groß war der Wald, bevor RWE 90% davon abgeholzt hat. Nun kämpfen die Umweltschützer verzweifelt um den letzten verbliebenen Zipfel. Und um aus "12000 Jahre alter Wald" herauszulesen, dass die einzelnen Bäume 12000 Jahre alt sind, braucht es schon eine gute Portion bösen Willens. So macht sich Herr Mladek also seine Fake News selbst und kann sie dann spektakulär aufdecken. Bravo!