Plastik-Verbot

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Falsche Zahlen bei Strohhalm-Debatte

Eins ist klar: Deutschland verbraucht im Jahr deutlich mehr Strohhalme als in dieser Installation des Künstlers Michael Beutler. Doch wie viele sind es denn nun?
Eins ist klar: Deutschland verbraucht im Jahr deutlich mehr Strohhalme als in dieser Installation des Künstlers Michael Beutler. Doch wie viele sind es denn nun?
Sven Hoppe

Den Plastik-Halmen geht es an den Kragen, ein EU-Verbot wird diskutiert. Dabei wird behauptet, Deutsche verbrauchen 40 Milliarden Halme im Jahr. Stimmt das?

Beim europaweiten Kampf gegen Plastikmüll hat es die Europäische Union auch auf Strohhalme abgesehen. Denn um die gewaltige Menge an Plastik einzudämmen, die die Europäer verbrauchen, sollen jene Einweg-Produkte verboten werden, für die es bereits gute und günstige Alternativen gebe. Und das trifft auch für Plastetrinkhalme zu, die einen nicht geringen Anteil am täglichen Müllberg tragen.

Doch wie viel Strohhalme verbraucht jeder Deutsche durchschnittlich jeden Tag überhaupt? Zu dieser Frage kursiert seit Jahren eine Zahl, die allerdings auf den zweiten Blick stutzig macht. „Nach Schätzungen” soll demnach der Jahresverbrauch von Strohhalmen in Deutschland 40 Milliarden Stück betragen, in Dutzenden Artikeln von Bloggern, Umweltaktivisten und auch namhaften Online-Redaktionen taucht die Zahl auf, nie wird jedoch berichtet, woher sie ursprünglich stammt.

Aber wo ist das Problem, klingt doch plausibel! Oder etwa nicht? Ein Jahresverbrauch von 40 Milliarden Strohhalmen in Deutschland würde bedeuten, dass jeder Deutsche vom Baby bis zum Greis eine Jahreshalmbilanz von 485 hat und im Schnitt 1,3 Strohhalme täglich verbraucht. Kann das wirklich sein?

640 Strohhalme pro Brite pro Jahr

Das hat der Nordkurier das Umweltbundesamt, Greenpeace, die Naturschützer vom WWF und eine Bio-Strohhalmfirma gefragt, die regelmäßig mit diesem hohen Verbrauch von Plastehalmen für ihr Produkt wirbt. „Uns liegen keine verlässlichen Daten zum Verbrauch von Strohhalmen vor”, sagt das Umweltbundesamt, die Antworten von Greenpeace und Strohhalmfirma stehen bis jetzt noch aus.

Beim WWF hatte man sich auch schon gefragt, woher diese ominösen 40 Milliarden Strohhalme denn wohl stammen würden. Selber habe man keine Zahlen dazu, aber zwei Studien können man empfehlen. In der einen vom WWF Großbritannien („Plastik-Konsum und Müll-Management in Großbritannien”) vom März 2018 wird – basierend auf Branchenreports – für dieses Jahr ein Halm-Verbrauch von 42 Milliarden Stück prognostiziert. Das wären rund 640 Strohhalme pro Brite und somit sogar noch höher als der Durchschnittsverbrauch in Deutschland.

Strohhalme häufig gefundener Meeresmüll

Die zweite Studie stammt von der internationalen Umweltschutzorganisation Seas at Risk. Die stellte im Juni 2017 in „Einweg-Kunststoffe und die Meeresumwelt” (PDF) fest, dass in der gesamten EU pro Jahr 36,4 Milliarden Strohhalme verbraucht würden, womit der Durchschnitts-Europäer im Jahr gerade mal auf 71 Halme käme.

Ähnlich gering fällt die Halmbilanz in einem Bericht der französischen Nachrichtenagentur AFP, die sich auf Zahlen der britischen Regierung bezieht. Demnach würden im Königreich 8,5 Milliarden Halme pro Jahr verbraucht (130 pro Kopf). Für die USA schwirrt regelmäßig von 500 Millionen Halmen pro Tag, also etwa 182 Milliarden pro Jahr durch die Berichte, das wären jedes Jahr 560 Halme auf jeden Amerikaner.

Doch warum ist das eigentlich so wichtig? Der Strohhalm ist für Anti-Plastik-Aktivisten auf der ganzen Welt ein Symbol für unnötigen Konsum mit drastischen ökologischen Folgen. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums gehören Strohhalme und Flaschendeckel neben Zigarettenstummeln, Lebensmittelverpackungen und Plastikflaschen zu dem am häufigsten gefundenen Meeresmüll. "24 Stunden am Tag enden in jeder Sekunde rund 700 Kilogramm Plastik in der Meeresumwelt”, warnt EU-Kommissar Timmermans. „Es dauert fünf Sekunden, das zu produzieren, fünf Minuten, es zu nutzen und etwa 500 Jahre, es wieder abzubauen.”