AfD-Fraktionschefin Alice Weidel bei ihrem Redaktionsbesuch im Nordkurier-Medienhaus im Neubrandenburg.
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel bei ihrem Redaktionsbesuch im Nordkurier-Medienhaus im Neubrandenburg. Thomas Türülümow
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel im Gespräch mit den Nordkurier-Reportern Jürgen Mladek (hinten) und Gabriel Kords.
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel im Gespräch mit den Nordkurier-Reportern Jürgen Mladek (hinten) und Gabriel Kords. Thomas Türülümow
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel gehört zu den umstrittensten Politikerinnen Deutschlands.
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel gehört zu den umstrittensten Politikerinnen Deutschlands. Thomas Türülümow
Alice Weidel

Frau Merkel als Person ist „gar nicht mal so unsympathisch”

Alice Weidel gehört zu den umstrittensten Politikerinnen des Landes: Die AfD-Fraktionschefin polarisiert. Im Nordkurier-Interview erklärt sie, was sie unter Debattenkultur versteht.
Neubrandenburg

Frau Weidel, Anfang der Woche haben Sie an der Fernseh-Sendung „Vierkampf“ teilgenommen. Danach hieß es, Sie seien der Antwort auf die Frage nach den Ursachen des Klimawandels ausgewichen. Darum zunächst die Gelegenheit, die Dinge klarzustellen: Was sind die Ursachen für den Klimawandel?

Ich bin dieser Frage natürlich nicht ausgewichen. Ich habe die Fragen beantwortet, so wie sie mir gestellt wurden – was bei Weitem nicht jeder im politischen Berlin macht. Was ich aber grundsätzlich feststelle: Dass diese gesamten großen Fragen extrem unsachlich und ideologisiert diskutiert werden. Das kennt man sonst aus repressiven Systemen, dass plötzlich ein vermeintlicher Konsens angeführt wird, um andere Meinungen auszublenden. Das erleben wir insbesondere in der Klimafrage. Da gibt es einen vom Weltklimarat vorgegebenen Konsens und alle anderen Meinungen werden für abwegig erklärt. Wir haben das zum ersten Mal 2015 bei der illegalen Grenzöffnung erlebt und seitdem eben auch bei der Klimafrage und der Corona-Politik: Es gibt eigentlich nur noch die eine, vermeintlich richtige Seite und alle, die nicht auf dieser Seite stehen, haben die falsche Meinung.

Trotzdem nochmal die Frage: Was sind die Ursachen für den Klimawandel? Ist er nun menschengemacht?

Das kann man so nicht sagen. Der konkrete Anteil des Menschen am Klimawandel ist nicht bekannt. Ich will aber nicht in Abrede stellen, dass es dort einen Einfluss des Menschen gibt. Es gibt eben auch andere Einflüsse. Das Klima hat sich nach allem, was wir wissen, im Laufe der Jahrtausende ständig gewandelt. Diesen plumpen Zusammenhang zwischen dem CO2-Anteil in der Atmosphäre und der aktuellen Wärmeperiode, der immer heraufbeschworen wird, geben die Analysen nicht her. Das schreibt auch der Weltklimarat: In einer Art Fußnote steht in den aktuellen Berichten immer drin, dass alle Vorhersagen auf Prognosemodellen basieren, die falsch sein könnten. Aber darüber darf in der Öffentlichkeit nicht diskutiert werden – das wäre ja gegen den Konsens!

Erklärt sich so auch die fundamentale Opposition der AfD zum Klimaschutz? Müssen Sie als junger Mensch und als Mutter nicht auch ein Interesse daran haben, Abgase und Schadstoffausstoß zu reduzieren?

Klar habe ich das. Natürlich müssen wir sparsam mit den fossilen Brennstoffen umgehen, weil die Ressourcen begrenzt sind. Ich habe aber den Eindruck, dass Klimaschutz, so wie er heute betrieben wird, und ganz besonders seine Fokussierung auf den CO2-Ausstoß, eher ein Selbstzweck ist. Warum engen wir Forschung und Entwicklung so sehr auf dieses Thema ein? Warum darf Atomkraft keine Rolle mehr spielen? Wir haben mit unserer bedingungslosen Fokussierung auf das, was vermeintlich grün ist, schon viele Innovationen aus Deutschland verschreckt. Zum Beispiel die Dual-Fluid-Reaktortechnik, das war ursprünglich ein deutsches Startup-Unternehmen mit dem Potential, eine völlig neue Form der Energiegewinnung zu entwickeln. Die haben hier aber keine Fördergelder bekommen, also sind sie nach Kanada abgewandert.

Sie haben vorhin eine Einengung des Meinungs-Korridors beklagt, die Sie wahrnehmen…

Allerdings. Den Umgang mit unserer Partei und auch mit meiner Person nenne ich eine klassische bürgerliche Entgrenzungsstrategie, die uns dämonisiert und uns das Recht abspricht, eine abweichende Meinung zu haben. Dabei komme ich aus einem mittelständischen Haushalt, bin vorher einem Beruf nachgegangen, habe meine Steuern gezahlt und auch nicht schlecht studiert – und dann werde ich im Rechtsaußen-Spektrum verortet. Und das, obwohl ich eine Meinung vertrete, die das überhaupt nicht zulässt!

Wir wollten eigentlich auf etwas anderes hinaus. Dass es nämlich, bei allem Dissens über den richtigen Umgang mit der AfD, wahrscheinlich eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und den „etablierten“ Kräften gibt…

…da bin ich jetzt aber gespannt!

Nämlich, dass wir derzeit in Deutschland eine Spaltung der Gesellschaft erleben.

In der Tat! Da haben Sie Recht.

Uns interessiert, was aus Ihrer Sicht passieren muss, um diese Spaltung zu überwinden.

Wir brauchen einen deutlich entspannteren und sachlichen Umgang miteinander. Ich wünsche mir, dass wir miteinander sprechen und dass wir die Meinung des anderen erst einmal stehen lassen, ohne Schaum vor dem Mund. In der Sache müssen wir hart argumentieren können. Aber es muss aufhören, dass Meinungen als „falsch“ gebrandmarkt werden. An dieser Stelle ist uns schon vor langer Zeit unsere viel beschworene Debattenkultur abhanden gekommen – und die wünsche ich mir wirklich zurück. Mag sein, dass sich das sehr blumig oder illusorisch anhört aber wenn Sie mich fragen, was ich mir wünsche, dann ist es das: Dass wir einander wieder zuhören und andere Meinungen akzeptieren.

Hat die AfD daran nicht auch einen Anteil? Die Sprache der AfD ist die Sprache von Verachtung und Herablassung. Sie sind doch mitverantwortlich für die Spaltung!

Ich nehme das mit unserer Sprache nicht so wahr wie Sie. Woran machen Sie das fest?

Beispielsweise am Tonfall Ihrer Parlamentsreden oder der Reden Ihrer Kollegen. Von den Äußerungen in den digitalen Netzwerken mal ganz zu schweigen…

Unser Stil ist hart in der Sache – ich glaube, das liegt in der Natur von Fundamental-Opposition, die wir nun einmal in vielen Fällen betreiben müssen um sich Gehör zu verschaffen. Aber grundsätzlich gilt das, was ich gerade gesagt habe, natürlich auch für uns. Sie müssen aber auch schauen, was mit unseren Leuten passiert: Die AfD ist von Anfang an aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen worden. Das macht etwas mit den Leuten. Wenn einem so etwas widerfährt, wird man automatisch immer etwas deutlicher im Ton. Das ist nicht immer zu unserem eigenen Nutzen, aber wenn Sie mal erlebt haben, wie einem von den anderen Parteien und von den Medien einfach die Legitimität abgesprochen wird, dann entwickeln Sie ein gewisses Verständnis dafür.

Klingt wie eine Art Pauschal-Entschuldigung für alles…

Absolut nicht! Ich werbe sehr dafür, dass die AfD einen Weg der Mäßigung geht. Wenn wir uns langfristig etablieren wollen, ist es jetzt an der Zeit, dass wir uns gewisse Entgleisungen einzelner, nicht mehr leisten. Das ist aber ein längerer, behutsamer Prozess.

Dazu ein konkretes Beispiel: Sie haben vor einigen Monaten den Parteiausschluss von Uwe Junge, einem früheren AfD-Abgeordneten aus Rheinland-Pfalz, gefordert, als er die Kapitänsbinde in Regenbogenfarben von Fußball-Nationalspieler Manuel Neuer als „Schwuchtelbinde“ bezeichnet hat. Nun hat kürzlich Björn Höcke in einer Rede die „Verschwuchtelung der Polizei“ beklagt. Muss der dann nicht jetzt auch ausgeschlossen werden?

Zunächst einmal: Was Uwe Junge, der ja inzwischen kein Parteimitglied mehr ist, über diese Kapitänsbinde gesagt hat, hatte jenseits aller berechtigter Kritik an dieser ganzen Debatte um Regebogenfarben im Fußball, eine ganz klare Konnotation. Das war abwertend gegenüber der gesamten Community. Was die Äußerung von Herrn Höcke angeht: Ich habe mir diese Rede inzwischen angeschaut und ich verstehe nicht, was er meint. Mir ist einfach nicht klar, was er mit seiner Aussage überhaupt sagen will. Darum möchte ich sie zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht bewerten.

Haben Sie persönlich Freunde in anderen politischen Lagern als Ihrem eigenen? Gelingt Ihnen privat die Debattenkultur, die Sie sich für unser Land wünschen?

Ja, allerdings. Ich habe zum Beispiel einen Schulfreund, zu dem ich immer noch guten Kontakt habe, der ist so richtig Links. Und wir reden trotzdem noch regelmäßig miteinander, auch über Politik. Ich muss allerdings einräumen: Er findet die Linke in ihrer aktuellen Form unwählbar, weil es dort auch eine Kultur von Sprechverboten gibt.

Da müsste Frau Wagenknecht für ihn doch gerade wählbar sein – die beklagt das ja auch.

Frau Wagenknecht ist aber doch völlig isoliert in ihrer Partei! Was schade ist für die Linke, denn Frau Wagenknecht hat ohne Zweifel eine intellektuelle Tiefe, die der aktuellen Parteispitze völlig fehlt. Ich habe das gerade diese Woche wieder gemerkt, bei der TV-Sendung mit Frau Wissler. Die ist intellektuell überhaupt nicht auf der Flughöhe einer Sahra Wagenknecht. Da geht es nur um Ideologie – und das macht es dann schwierig, zu diskutieren.

Eine Lieblingsgegnerin der AfD ist Angela Merkel. Gibt es auch etwas Positives, dass sie über die Kanzlerin sagen können? Was finden Sie gut an ihr?

Das ist schwierig. Vielleicht so: Wenn es um den Mensch Angela Merkel geht, muss ich sagen, dass ich sie als Person gar nicht mal so unsympathisch finde. Wie ich sie zum Beispiel in den ganzen Telefonkonferenzen mit dem Kanzleramt im Zuge der Corona-Krise erlebt habe: Da hatte sie eine sehr menschliche und durchaus sympathische Art, durch diese Sitzungen zu führen. Und, was ich ihr auch zugute halte: Sie kann zuhören.

Das war doch jetzt schon eine ganze Menge!

Ja, aber ich kriege jetzt die Kurve. Ich wollte einfach nur einordnen, was ich jetzt sagen werde. Denn Angela Merkel ist nicht meine „Lieblingsgegnerin“, wie Sie es vorhin genannt haben, sondern sie ist für mich das politische Grundproblem in diesem Land. Für mich gibt es politisch überhaupt gar nichts Positives an Angela Merkel. Diese Frau hat das Land so heruntergewirtschaftet, wie wir es jetzt vorfinden. Und das geht schon seit Jahren so! Frau Merkel ist der Grund, warum ich gesagt habe, ich trete in eine Partei ein und setze meine bescheidene Energie für eine Gegenbewegung ein. Um diesen ganzen Irrsinn aufzuhalten, der von Angela Merkel angezettelt wurde. Frau Merkel hat, angefangen mit der Eurorettung, unser Rechtssystem ausgehöhlt, sie hat einfach alles zur Seite gewischt, die ganzen Institutionen, die Justiz. Wir sind überall im internationalen Vergleich abgestürzt, nur bei den Steuern, da sind wir noch spitze. Bildungspolitik, Wirtschaft, Innovationen – überall sind wir nur noch Mittelmaß. Unser Wohlstand wird mehr und mehr zur Illusion. Und jedem, der etwas dagegen sagt, dem wird der Mund verboten. Und das verdanken wir, allen voran, Angela Merkel und ihrer Kultur der vermeintlichen Alternativlosigkeit.

Erklären Sie sich damit auch die aktuelle Umfragelage der CDU?

Die CDU ist einfach am Ende. Sie hat keine Konzepte mehr für dieses Land, sie hat keine Ideen – denn sie ist von Angela Merkel entkernt worden. Frau Merkel hat von Anfang an nicht das CDU-Wahlprogramm von 2005 umgesetzt, sondern einfach gemacht, was sie wollte: sozialdemokratische Politik. Und die CDU hat es zugelassen, offenbar besoffen von ihrer Macht. Das rächt sich jetzt. Es gibt einfach nichts, wofür die CDU steht – abgesehen von Angela Merkel.

Die AfD steht aber auch nicht so prächtig da in den Umfragen...

Wir können zufrieden sein. Wir liegen auf dem Niveau von 2017. Davon kann die CDU ja wohl nur träumen!

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