INTERVIEW

Thilo Sarrazin: "Ich bin eben kein Warmduscher"

Thilo Sarrazin ist derzeit der wohl umstrittenste Autor, der in deutscher Sprache veröffentlicht. Mit Nordkurier-Reporter Carsten Korfmacher sprach der SPD-Mann in Neubrandenburg über sein Leben als Islamkritiker.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
Thilo Sarrazin tourt derzeit mit seinem neuen Buch durch Deutschland.
Thilo Sarrazin tourt derzeit mit seinem neuen Buch durch Deutschland. Bernd Von Jutrczenka
Thilo Sarrazin bei seiner Lesung in Neubrandenburg.
Thilo Sarrazin bei seiner Lesung in Neubrandenburg. Carsten Korfmacher
Neubrandenburg.

Herr Sarrazin, es war gar nicht einfach, Sie heute zu treffen. Den Termin haben wir nicht mit Ihnen, sondern mit Ihren Personenschützern abgesprochen.

Ja, das ist richtig, aber so geht es allen sogenannten Islamkritikern. Das Landeskriminalamt Berlin hat mir angeboten, mich bei Vorträgen und Lesereisen zu beschützen. Dieses Angebot nehme ich gerne an.

Seit wann bekommen Sie schon Personenschutz?

Jetzt wieder seit der Veröffentlichung von „Feindliche Übernahme“, also ungefähr seit Herbst 2018.

Was sind die wichtigsten Thesen dieses Buches?

In dem Buch belege ich eine Hauptthese, nämlich dass der Islam und die Einwanderung von Muslimen nach Europa eine Gefahr für die Zukunft der westlichen Gesellschaften sind. Ich habe den Koran komplett gelesen und fasse ihn in dem Buch zusammen. Für sein Verständnis ist wichtig, dass die weit überwiegende Mehrheit der Muslime ihn als wörtliche Offenbarung Allahs aus dem Munde seines Propheten Mohammed versteht.

Danach gebe ich einen Überblick über die islamische Staatenwelt und das Leben von Muslimen in westlichen Gesellschaften. Und ich komme zu dem Schluss, dass der Islam durchweg eine einschränkende, demokratie-behindernde und wissenschaftsfeindliche Rolle spielt und vielen unserer westlichen Werte diametral gegenübersteht.

War Ihnen im Vornherein klar, dass die Kritik an dem Buch massiv sein würde?

Umfang und Ausmaß der Kritik haben mich überrascht. Allerdings habe ich durchweg nicht den Eindruck, dass meine Kritiker das Buch auch gelesen haben. Dass vielen meine Interpretation des Korans nicht gefällt, das kann ja sein. Ich gebe zu, darüber kann man tatsächlich streiten. Aber das ist keine inhaltliche Auseinandersetzung mit meinen Thesen. Die habe ich in den Medien bisher noch nicht wahrgenommen.

Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass Sie stark zu Verallgemeinerungen neigen. Die Welt ist nicht so einfach, wie Sie sie darstellen.

Entschuldigung, aber es geht doch um Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich eine solide statistische Basis habe, dann darf ich eine allgemeine Äußerung treffen. Nehmen Sie das Beispiel „Männer sind größer als Frauen“. Natürlich trifft das nicht auf jeden Mann und jede Frau zu. Trotzdem ist die Aussage richtig, weil die Zahlen die Aussage statistisch belegen.

Wahrscheinlichkeiten sagen aber nichts über Gründe aus. In Ihrem Buch reduzieren Sie alles auf den Islam, obwohl es vielfältige Gründe für bestimmte Missstände gibt.

Natürlich ist die Welt groß. Natürlich ist alles, was man sagt, unvollständig. Ich muss auswählen, was wichtig ist. Und ich sehe bei vielen Missständen in der islamischen Welt und unter Muslimen in Europa wiederkehrende Probleme und gemeinsame Nenner. Und die liegen oft im Wesen des Islam begründet.

Dennoch kann man andere Faktoren nicht einfach außen vorlassen. Integration ist ja eine wechselseitige Beziehung. Wenn die Ursprungsgesellschaft ablehnend reagiert, dann stärkt sich natürlich die Identität der Menschen, die nach Deutschland kommen.

Das ist so eine deutsche Lieblingsidee. Letztendlich behandeln die Deutschen alle Migranten mehr oder weniger gleich. Doch Migranten reagieren unterschiedlich darauf. Die Zahlen zeigen, dass sich Muslime generell schlechter integrieren als andere Migranten. Man sieht das ja wunderbar am Wahlverhalten der Türken der dritten Generation in Deutschland – die haben zu 65 Prozent den Islamisten Erdogan gewählt.

Wie reagieren Muslime auf Ihre Thesen?

Aus dem Kreis von muslimischen Verbänden kommt gar nichts, da herrscht Schweigen. Und die säkularen Muslime geben mir weitgehend recht.

Finden Sie es erstaunlich, dass sich die Muslime in Deutschland in der Masse nicht über Ihr Buch empören? Die müssten sich doch am ehesten verunglimpft fühlen.

Wieso? Ich habe doch nichts Verunglimpfendes gesagt. Außerdem müssten sie sich dazu in der Mehrheit ja erst einmal der Mühe des Lesens unterziehen. Sie müssten sich bemühen, Statistik zu verstehen, Argumente nachzuvollziehen. Dazu müssten sie ihr inneres So-Sein, ihr Muslim-Sein schon mal zu 80 Prozent ablegen. Schon alleine das würde sie kulturell verwandeln.

Sie geben in Ihrem Buch einen Überblick über die islamische Welt. Sind Sie selbst durch die islamische Welt gereist? Haben Sie Länder wie Afghanistan, Iran oder Syrien mit eigenen Augen gesehen?

Nein. Ich bin nicht viel in der islamischen Welt gereist. Ich war seit 1978 dreimal in der Türkei, einmal in Ägypten und einmal in Dubai, das war‘s.

Im Dezember 2018 hat die SPD bereits das dritte Parteiordnungsverfahren gegen Sie eingeleitet. Die Genossen werfen Ihnen vor, rassistische Ressentiments gegenüber Muslimen zu schüren. Warum schmeißen die Sie nicht einfach raus?

Das können die nicht. Denn es reicht ja nicht, dass ich denen unsympathisch bin. Dagegen steht das deutsche Parteienrecht.

Sie sagten, dass Sie sich seit Ihrem Eintritt in die SPD im Jahr 1973 nicht verändert haben. Hat sich stattdessen die SPD verändert?

Die Funktionärskader haben sich verändert. Eine Andrea Nahles hat halt nicht das Format eines Gerhard Schröder, Willy Brandt oder Helmut Schmidt. Die hat ja noch nicht einmal das Format eines Oskar Lafontaine. Zudem haben wir eine gewisse Tendenz zum geistigen Zwergwuchs. Zum Beispiel sind die Genossen im Parteivorstand offenbar nicht in der Lage, Texte zu lesen. Das sieht man ja an meinem Ausschlussantrag. Die greifen sich da Sätze völlig aus dem Zusammenhang und versuchen da Dinge hineinzuinterpretieren, die nicht da sind.

Sie polarisieren schon seit Jahren mit Ihren Thesen. Was hat sich dadurch privat für Sie verändert? Haben sich zum Beispiel Freunde abgewandt?

Nun, die Menschen, die gerne lau baden, um mit Herbert Wehner zu sprechen, die haben mit mir gewisse Schwierigkeiten. Doch das sortiert sich mit den Jahren. Ich bin eben kein Warmduscher.

In Neubrandenburg ist Ihr Buch als ein „Hassobjekt der deutschen Presse“ angekündigt worden. Wie ist Ihr Verhältnis zur Medienlandschaft?

Ich bin für den Großteil der deutschen Presse ein Feindbild. Das begann mit der Veröffentlichung meines Buches „Deutschland schafft sich ab“ vor zehn Jahren. Damals wollte man mich politisch und menschlich hinrichten. Das ist gescheitert. Aus der Debatte damals wurde eine Diskussion um Meinungsfreiheit. Und ich habe die Schlacht gewonnen. Und die Presse hat verloren. Und jetzt hat die Presse ein überwältigendes Bedürfnis, recht zu behalten, frei nach dem Motto: „Wir werden schon noch beweisen, dass der Sarrazin ein Rassist ist.“

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie sich auf das Negative beschränken und selbst keine Lösungsvorschläge bieten.

Das stimmt nicht. Ein ganzes Kapitel meines Buches dreht sich um Problemlösungen. Dass darunter Ansätze sind, die von vielen nicht gehört werden wollen, zum Beispiel, dass wir die Einwanderung von Menschen aus muslimischen Ländern ganz stark einschränken müssen, daran kann ich nun mal nichts ändern. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich auf einer Veranstaltung wie in Neubrandenburg viel mehr Optimismus ausstrahle, als ich eigentlich habe.

Wie meinen Sie das?

Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, die Menschen davon zu überzeugen, dass etwas grundlegend schiefläuft und dass man das auch ändern kann. In meinem Vortrag in Neubrandenburg habe ich es überspitzt so formuliert: Wenn es 1000 Thilo Sarrazins gäbe, die jeden Tag Vorträge vor 600 Menschen hielten, dann wäre das Problem schnell gelöst. Die gibt es aber nicht.

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Kommentare (1)

Ich habe dieses Buch komplett gelesen. Es ist sehr fundiert geschrieben, wenn auch nicht immer ganz flüssig zu lesen (viele Statistiken). Herr Sarrazin hat immer genau seine Quellen genannt, außerdem wie und warum er etwas so und nicht anders deutet. Der Leser kann daher beurteilen, ob er selbst zum gleichen Schluß kommt. Ich kann mich den Ausführungen und Schlußfolgerungen des Herrn Sarrazin zu 95 % anschließen und finde auch nirgends Passagen, die ich als Hass oder Hetze bezeichnen würde. Leider eher als "traurige Wirklichkeit".