G36-Nachfolge

Im Dauerfeuer der Bundeswehr-Probleme

Deutsche Soldaten sollen ein neues Standardgewehr bekommen. Mit den Vorschlägen der Waffenhersteller ist Verteidigungsministerin von der Leyen aber wieder nicht zufrieden.
Gerald Bahr Gerald Bahr
dpa
Zu unpräzise bei Dauerfeuer: So beurteilte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) das G36 nach Tests. Diese sind aber nicht unumstritten.
Zu unpräzise bei Dauerfeuer: So beurteilte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) das G36 nach Tests. Diese sind aber nicht unumstritten. Arno Burgi
0
SMS
Berlin.

Die Anschaffung neuer Sturmgewehre als Nachfolger des Standardmodells G36 bereitet der Bundeswehr Probleme. Der „Welt am Sonntag“ zufolge sind alle Waffen, die von unterschiedlichen Herstellern angeboten werden, bei ersten Tests durch. Sie genügten nicht den Anforderungen. Eines der Probleme: Dem Bericht zufolge haben alle Hersteller Gewehre mit dem Kaliber 5,56 Millimeter vorgelegt, wie es auch bei dem G36 der Fall ist. Teile der Streitkräfte fordern aber die Rückkehr zum Kaliber 7,62  Millimeter. Der G36-Vorgänger, das Sturmgewehr G3, hatte dieses Kaliber und verfügte über spürbar mehr Durchschlagskraft. Die geringere Durschlagleistung ist ein Kriterium, das auch bei den neu vorgelegten Gewehren bemängelt wird.

Die Zeitung beruft sich auf ein ihr vorliegendes vertrauliches Schreiben des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr an das Verteidigungsministerium. Das Ministerium wollte die Informationen am Sonntag nicht bestätigen.

Von der Leyen verlor vor Gericht

Das Sturmgewehr G36 gehört seit 1996 zur Standardausrüstung jedes Bundeswehrsoldaten. Das Verteidigungsministerium beanstandete Präzisionsmängel bei Dauerfeuer und Hitze. Eine Klage gegen den Hersteller Heckler & Koch hatte mit einer Gerichtsniederlage für die Behörde geendet – laut Urteil hatte die Firma genau das geliefert, was bestellt worden war. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) entschied, das G36 dennoch zu ersetzen. Ausgeschrieben waren 120 000  Sturmgewehre, dem Artikel zufolge für 250 Millionen Euro. Schon bei der Ausschreibung war unter anderem Waffenhersteller Sig Sauer unzufrieden mit den Bedingungen.

Einsatzerfahrene Soldaten hatten dem Bericht zuufolge dem G36 kein so schlechtes Urteil ausgestellt, wie von der Leyen. Treffsicherheit und Handhabung seien in Ordnung, Dauerfeuer ist außerdem nicht der Haupteinsatzzweck eines Sturmgewehres. Dafür gibt es Maschinengewehre.

Sparkurs ging zu weit

Ausrüstungsmängel der Truppe sind seit Jahren Thema. Panzer, Kampfflugzeuge, U-Boote – die wichtigsten Waffensysteme der Streitkräfte sind häufig nur zu einem geringen Teil einsatzbereit. Ein Bericht des Verteidigungsministeriums Anfang des Jahres etwa hatte unter anderem gezeigt, dass allein im vergangenen Jahr von 128 Eurofightern im Schnitt nur 39 einsatzbereit waren, von 52 Tiger-Hubschraubern nur 12 und von den 244 Kampfpanzern des Typs Leopard 2 im Schnitt 105.

Von der Leyen begründete das unter anderem mit einem Sparkurs in den vergangenen 25 Jahren. Bereits Anfang 2016 hatte sie Trendwenden für die Bundeswehr angekündigt, unter anderem sollte die Ausrüstung der Truppe mit einem 130 Milliarden Euro schweren Investitionsprogramm auf Vordermann gebracht werden.

Mängel, Verzögerungen und steigende Kosten haben der Bundeswehr immer wieder negative Schlagzeilen beschert. Einige Beispiele:

Eurofighter: Der Kampfjet gehört zu den Rüstungsprojekten, die dem Verteidigungsministerium am meisten Sorgen bereitet haben. Im Mai waren noch nicht alle bestellten Maschinen ausgeliefert. Dem Bericht zur materiellen Einsatzbereitschaft der Bundeswehr vom Februar 2018 zufolge wird der Jet unter anderem wegen des Mangels an Bauteilen um 6,7 Milliarden Euro teurer als dem Parlament ursprünglich zugesagt. Nur 39 der 128 Jets waren demnach damals einsatzbereit.

A400M: Deutschland hatte 53 Flugzeuge des Militär-Transporters beim Hersteller Airbus bestellt, um die ein halbes Jahrhundert alten Transportflugzeuge vom Typ Transall zu ersetzen. Die Auslieferung soll sechs Jahre länger dauern als bislang geplant. Was der Stolz der Luftwaffe sein sollte, machte immer wieder als Pannenflieger Schlagzeilen. Bei ihrer ersten Dienstreise mit einem A400M blieb Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vergangenes Jahr in Litauen liegen - Triebwerkschaden.

NH90: Triebwerksprobleme zwangen die Bundeswehr im Februar 2015, den Betrieb des Militärhubschraubers vorübergehend zu stoppen. Schon zuvor hatte ein Pilot auf einem Bundeswehr-Stützpunkt in Usbekistan nach der Explosion eines Triebwerks notlanden müssen.

Euro Hawk: Die Aufklärungsdrohne hätte den früheren Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) fast das Amt gekostet. Wegen Problemen bei der Zulassung des unbemannten Fliegers für den deutschen Luftraum und einer drohenden Kostenexplosion wurde die Entwicklung im Frühjahr 2013 gestoppt.