Trainingspause auf dem Heck des „Boxers“. Daniel Andrä (2.v.r.) zusammen mit Kameraden im Gefechtsübungs
Trainingspause auf dem Heck des „Boxers“. Daniel Andrä (2.v.r.) zusammen mit Kameraden im Gefechtsübungszentrum des Heeres. Bundeswehr
Oberstleutnant Daniel Andrä führt das in Viereck stationierte Panzergrenadierbataillon 411 seit 2020.
Oberstleutnant Daniel Andrä führt das in Viereck stationierte Panzergrenadierbataillon 411 seit 2020. Bundeswehr
Interview Daniel Andrä

„Im Ernstfall werden wir Litauen mit verteidigen“

Der Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 411 in Viereck übernimmt die Führung des Nato-Kampfverbandes in Litauen. Das sagt Daniel Andrä über dessen Führung, den Dienstalltag sowie die Ziele:
Neubrandenburg

In welcher Stärke verlegen Sie nach Litauen?

Wir unterscheiden zwischen dem nationalen und dem multinationalen Kontingent. Aus Deutschland kommen rund 550 Soldatinnen und Soldaten, mit Schwerpunkt aus meinem Bataillon und der Panzergrenadierbrigade 41. Hinzu kommen weitere deutsche Soldaten aus anderen Bundesländern.

Zudem sind Kameradinnen und Kameraden aus den Niederlanden, Norwegen, Tschechien, Luxemburg und Belgien in der Battlegroup vertreten. Insgesamt wird der Gefechtsverband permanent etwa 1200 Soldatinnen und Soldaten zählen. Diese können für die Zertifizierungsübung auf ca. 1500 Frauen und Männer aufgestockt werden.

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Sie sind aber der Kommandeur des kompletten Verbands in Litauen?

Genau. Mein Stellvertreter ist ein Niederländer. Zusammensetzen wird sich der Verband aus einer deutschen Stabs- und Versorgungskompanie. Hinzu kommen drei Kampfkompanien: eine deutsche Kompanie aus meinem Bataillon in Viereck, außerdem eine norwegische und eine niederländische Kompanie.

Zudem gibt es eine multinationale Versorgungskompanie, die vor allem Transport- und Instandsetzungsaufgaben hat, und eine tschechische Flugabwehrbatterie. Als Verstärkungskräfte sind dann vor allem Artilleristen und Aufklärer vorgesehen.

 

Wie viele Frauen finden sich in der Truppe und welche Aufgaben übernehmen sie?

Wir haben sowohl aus Deutschland als auch aus den Partnerländern eine Vielzahl an Frauen im Team. Und diese Frauen sind in allen Bereichen, auch als Führungskräfte eingesetzt. Die multinationale Versorgungskompanie wird beispielsweise durch eine Frau Major geführt, ebenso die Sanitätskompanie. In der Ärzteschaft sind Frauen traditionell schon immer stark vertreten, wir haben aber in allen Einheiten Frauen verschiedenster Dienstgrade. Sie sind mindestens genauso gut und professionell wie die Männer.

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Für Außenstehende, insbesondere Männer, die in der NVA gedient haben, ist die „Frauen-Frage“ in der Bundeswehr immer noch eine besondere. Für Sie sicher nicht?

Das ist längst Normalität. Auch im Bataillonsstab haben wir Frauen. Meine Leiterin des Lagezentrums ist beispielsweise eine Frau Leutnant, die einen exzellenten Job macht. Und natürlich kommt es bei uns wie im zivilen Arbeitsumfeld auch zu Beziehungen. Die Niederländer beispielsweise bringen miteinander verheiratete Offiziere mit, die in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden.“

Geht die gesamte Ausrüstung von Deutschland aus mit auf die Reise?

Die Verlegung des Materials ist Teil des Konzeptes. Hier üben wir den Transport über so eine weite Strecke. Dazu gehört insbesondere das Großgerät, also Panzer, Fahrzeuge aber auch Waffen, die vor allem mit der Bahn nach Litauen verlegt werden.

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Wie zufrieden sind Sie mit der Technik, die Sie nach Litauen mitnehmen?

Es liegt in der Natur der Sache, dass das Material natürlich immer besser sein kann. Aber man muss sagen, dass man mit der materiellen Einsatzbereitschaft sehr zufrieden sein muss. Wir Panzergrenadiere nutzen beispielsweise den Schützenpanzer „Marder“ und noch nicht den moderneren „Puma“. Aber der „Marder“, der gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, ist unverändert ein sehr verlässliches Fahrzeug. Er erhält auch regelmäßig Kampfwertsteigerungen, wird also technisch verbessert.

 

Wie wird sich Ihre Arbeit in Litauen im Vergleich zu Viereck unterscheiden?

In Viereck habe ich einen Stab, der rund 45 Frauen und Männer umfasst. In Litauen zählt der Stab etwa 180 Soldatinnen und Soldaten. Hier bin ich für alles verantwortlich bis hin zu Infrastruktur und der Besucherbetreuung. Wir erwarten dort abhängig von der Covid-Situation viele hochrangige Offiziere, Politiker oder Medienvertreter als Gäste.

Ein zweiter großer Unterschied ist natürlich die Multinationalität: Der Stab besteht aus sechs Nationen, weil jeder, der Kräfte stellt, paritätisch auch im Stab vertreten ist. Die Führungssprache ist Englisch. Der Führungsprozess entspricht den innerhalb der Nato abgestimmten Standards. Die Arbeit als Kommandeur wird auf jeden Fall komplexer und vielschichtiger als in Viereck.

In Litauen habe ich auch Rechtsberater, Truppenpsychologen und einen Militärpfarrer permanent vor Ort. Das sind Berater und Unterstützer, die ich hier in Deutschland allenfalls im Brigadestab in Neubrandenburg oder aber in der Division in Oldenburg vorfinden würde.

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Was bedeutet die Berufung zum Kommandeur der multinationalen Nato-Einheit für Sie persönlich?

Schon die Verwendung als Bataillonskommandeur ist eine ganz besondere. Der Einsatz in Litauen toppt das aber sicherlich noch mal. Ich trage natürlich wesentlich mehr Verantwortung. Aber zum Schluss wächst man ja mit seinen Aufgaben. Ich bin froh und dankbar für den Auftrag.

 

Wie lange dauert der Einsatz?

Ziemlich genau ein halbes Jahr, weil halbjährlich rotiert wird. Wir übernehmen als elfte Rotation voraussichtlich am 9. Februar von unseren Vorgängern und übergeben Mitte August dann an unsere Nachfolger.

 

Gibt es in der Zeit Urlaub für die Truppe?

Wir befinden uns in Litauen auf EU-Gebiet und nicht in Mali oder Afghanistan. Daher besteht unter normalen Bedingungen, wenn es die Pandemie zulässt, auch die Möglichkeit, das Kasernengelände zu verlassen, zum Einkaufen oder zum Sporttreiben beispielsweise in der dienstfreien Zeit. Zudem werden Betreuungsfahrten in große Städte wie Kaunas und Vilnius angeboten, wo man Land und Leute kennenlernen kann.

Unsere Soldaten sollen auch sehen, wie tickt das Land, wie ticken die Menschen. Urlaub kann es nach Einzelfallentscheidung beispielsweise bei familiären Problemen geben. Es besteht aber auch die Möglichkeit, mit Familienmitgliedern ein verlängertes Wochenende in Litauen zu verbringen.

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Der dreiwöchige Erholungsurlaub fällt in dieser Zeit aus?

Der muss tatsächlich in das zweite Halbjahr verlegt werden. Wobei das in den unterschiedlichen Nationen unterschiedlich gehandhabt wird. Die Urlaubsregeln liegen in nationaler Verantwortung, für die sich die jeweiligen Kontingentführer verantwortlich zeichnen.

 

Wie wird der Dienstalltag aussehen?

Das halbe Jahr wird vor allem bestimmt durch Ausbildung und Übungen, um unsere Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten und weiter zu erhöhen. Wir wollen dabei im multinationalen Umfeld voneinander lernen. Es gibt von Beginn an einen Halbjahresplan, der mit Übungen und Ausbildungsvorhaben gespickt ist.

Nach der Übernahme werden wir auf das erste Highlight, das Kompanie-Gefechtsschießen, hinarbeiten. Danach bereiten wir uns auf die große Übung zur Zertifizierung des gesamten Kampfverbandes vor. Nach dieser Übung wird es noch einmal ein gemeinsames Schießen des gesamten Verbandes geben.

 

Wird es auch gemeinsame Übungen mit den Litauern geben?

Der Kampfverband ist eingebunden in die Strukturen der litauischen Armee. Wir unterstehen faktisch einer litauischen Brigade. Wir werden deshalb nicht nur mit den Litauern, sondern auch mit den anderen drei Kampfverbänden in den baltischen Staaten und Polen sowie weiteren Nato-Verbänden gemeinsame Übungen durchführen.

 

Die Nato-Aktivitäten in Osteuropa werden nicht nur von Russland, sondern auch von der Öffentlichkeit speziell in Ostdeutschland sehr kritisch gesehen. Sind denn diese Übungsszenarien, ausgerichtet auf den Ernstfall, wirklich notwendig?

Ich bin selbst in der DDR geboren und aufgewachsen. Ich kenne natürlich die Diskussionen. Ich drehe den Spieß mal um: Dass wir jetzt dort im Baltikum sind, ist ein Ergebnis der Aktivitäten Russlands der vergangenen Jahre. Ich nenne als Stichpunkte nur Georgien sowie später die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die Aktivitäten in der Ostukraine. Aktuell müssen aber auch die Spannungen an der russisch-ukrainischen Grenze sowie der belarussischen Grenze zur EU einbezogen werden.

 

Was folgern Sie daraus?

Russland hat mehrfach bewiesen, wozu es in der Lage ist und wozu es auch willens ist. Darauf hat die Nato reagiert, indem einerseits unsere osteuropäischen Partner im Rahmen der Bündnissolidarität unterstützt werden. Andererseits leisten wir einen Beitrag im Rahmen der Abschreckung, deswegen sind wir mit Kampfverbänden vor Ort und in die Verteidigungsplanungen unserer Gastländer eingebunden, um im Ernstfall unseren Beitrag zu leisten und diese Länder mit zu verteidigen.“

 

Inwieweit beeinflusst die Corona-Lage den Einsatz?

Bisher haben wir es geschafft, dass sich die Pandemie dank unserer Hygienekonzepte und viel zusätzlicher Kraft nicht auf die Vorbereitung unseres Einsatzes ausgewirkt hat. Es gab schon immer eine Duldungspflicht für die Kräfte, die in den Einsatz gehen. Der Großteil der Soldaten ist mittlerweile auch geboostert, sodass wir hier gut vorbereitet sind.

Vor Ort gibt es unterschiedliche Stufen, die unter anderem das Infektionsgeschehen in Litauen selbst und im Gefechtsverband einbeziehen. Je nach Infektionslage wird es dann bestimmte Maßnahmen geben, damit sich das Virus nicht innerhalb des Kampfverbandes ausbreiten kann. Aber, wir haben vor Ort auch Ärzte und eine Sanitätskompanie, sodass nicht nur regelmäßige Tests und Behandlungen, sondern auch permanente fachkundige Beratung sichergestellt sind.

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