Insolvenz

▶ Immobilien-Gigant in China wird zur Gefahr für die Weltwirtschaft

In China braut sich gerade eine Krise zusammen, die die gesamte Weltwirtschaft erschüttern könnte: Evergrande, das ehemals wertvollste Immobilienunternehmen der Welt, steht vor der Insolvenz.
In China hat sich eine Immobilienblase gebildet, die nun zu platzen droht. Die Folgen sind derzeit nicht absehbar.
In China hat sich eine Immobilienblase gebildet, die nun zu platzen droht. Die Folgen sind derzeit nicht absehbar. XinHua
Eine mögliche Insolvenz des Immobiliengiganten Evergrande könnte weltweit Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.
Eine mögliche Insolvenz des Immobiliengiganten Evergrande könnte weltweit Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Andy Wong
Rund vier Millionen Arbeitsplätze wären allein in China bedroht, wenn der Konzern die Schotten dicht machen müs
Rund vier Millionen Arbeitsplätze wären allein in China bedroht, wenn der Konzern die Schotten dicht machen müsste. Ng Han Guan
Berlin
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„Wenn sie mir nicht mein Geld zurückgeben, dann springe ich von einem ihrer Hochhäuser.” Die Frau ist in Tränen ausgebrochen, wirkt völlig aufgelöst, sie schreit, flucht – und sie ist nicht alleine. Mit ihr zusammen belagern Tausende Wohnungskäufer das Hauptgebäude des chinesischen Immobiliengiganten Evergrande in der Millionenmetropole Shenzhen. Schon seit Tagen zirkulieren Videos in den sozialen Medien, die die Verzweiflung der Menschen vor Ort dokumentieren.

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Die Polizei bewacht die Eingangshalle und den Vorplatz, doch sie werden der aufgebrachten Menge kaum Herr. Die Demonstration der Tausenden ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Evergrande, der zweitgrößte Baukonzern Chinas und das ehemals wertvollste Immobilienunternehmen der Welt, hat Wohnungen an Millionen Chinesen verkauft, viele davon gegen Vorkasse, in die einfache Bürger mit Krediten gegangen sind. Nun stehen die Baukräne still und auch Subunternehmer haben die Arbeit eingestellt, weil Evergrande ihre Rechnungen nicht mehr begleicht.

In China braut sich ein perfekter Sturm zusammen

Insgesamt sollen rund 1,2 Millionen bereits bezahlte Immobilien nicht fertiggestellt oder gar erst noch in der Planungsphase sein. Viele Anleger fürchten um ihre nackte Existenz: Sie könnten im schlimmsten Fall nicht nur mit leeren Händen dastehen, sondern mit unbezahlbaren Krediten. Warum? Weil der Immobilienriese Evergrande vor der Pleite steht – und damit nicht nur Schockwellen durch China, sondern die gesamte Weltwirtschaft schicken könnte.

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Tatsächlich braut sich in der größten Volkswirtschaft der Welt gerade eine Art perfekter Sturm zusammen. Die chinesische Wirtschaft schwächelt, die Kommunistische Partei setzt bei vielen großen Konzernen die Daumenschrauben an, börsennotierte Unternehmen stehen seit Monaten unter Druck, die globale Isolierung des Landes schreitet fort. Gleichzeitig reagiert die Regierung mit massiven Eingriffen in das gesellschaftliche Leben auf die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus, wieder werden Dörfer und Städte in den Total-Lockdown geschickt und ganze Regionen von der Außenwelt abgeschnitten.

Experten warnen vor Finanzkrise 2.0

In diese Gemengelage hinein kommen die Turbulenzen in Shenzhen zur absoluten Unzeit. Denn Evergrande ist nicht irgendein Konzern. Allein in seiner inneren Struktur umfasst das Unternehmen 200 Tochter- und Partnerfirmen mit wechselseitigen Beteiligungen und finanziellen Verpflichtungen, die kaum zu durchschauen sind. Eine Insolvenz würde die chinesische Wirtschaft hart treffen, insgesamt sind allein in China rund 200.000 Arbeitsplätze bei Evergrande direkt und 3,8 Millionen Jobs bei Partnern und Zulieferern bedroht. Der Immobilienkonzern hat praktisch Systemrelevanz, weswegen auch die staatlichen Banken gefährdet sind, bei denen Evergrande verschuldet ist.

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Die chinesische Zentralbank PBOC (People‘s Bank of China) hat deshalb zuletzt 14 Milliarden Dollar ins Bankensystem gepumpt, um dessen Liquidität aufrechtzuerhalten. Die Hoffnung ist, dass mit dem Konkurs Evergrandes nicht weitere Dominosteine fallen und so eine Kettenreaktion in Gang gesetzt wird. Das Problem: Evergrande hat 300 Milliarden Dollar Schulden, was unglaublichen zwei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Chinas entspricht. Zahlreiche Analysten und Börsenexperten befürchten bereits eine globale Finanzkrise wie vor 13 Jahren: „Die Angst vor einer nächsten Immobilienkrise ist zurzeit groß”, sagte zuletzt Marktexperte Christian Henke vom Handelshaus IG. „Die Sorge ist nun, dass weitere Konzerne aus diesem Sektor in die Tiefe gerissen werden und sich daraus möglicherweise eine neue Immobilienkrise entwickelt. Erinnerungen an die Pleite der US-Bank Lehman Brothers im Jahr 2008 werden wach.”

Ein legales Schneeballsystem für Finanzjongleure

Sind diese Sorgen berechtigt? Droht der Welt die nächste Finanzkrise, die mit nicht absehbaren Konsequenzen wie einer hohen Arbeitslosigkeit oder einer galoppierenden Inflation bei gleichzeitig schwacher Wirtschaft einhergehen könnte? Blicken wir zurück: In den USA war vor der Finanzkrise das Problem, dass viele Hypothekenkredite an Amerikaner mit einer schlechten Bonität vergeben wurden. Die Zinsen waren niedrig, das Geld billig und die Regierung versprach der Bevölkerung, dass bald jeder Amerikaner zum Eigenheim-Besitzer werden könnte.

Was machten die kreditgebenden Banken? Sie bündelten die risikoreichen Kredite von Amerikanern, die sich eigentlich kein Haus leisten konnten, einfach in Pakete von Wertpapieren und verkauften diese weiter, zum Beispiel an andere Banken weltweit, auch in Deutschland. Die Ratingagenturen spielten bei dem ganzen Spiel mit und gaben diesen Bündeln ausgezeichnete Noten. So sahen diese in sich hochrisikoreichen und völlig intransparenten Wertpapierpakete für außenstehende Institute wie sichere Anlagen aus. Das Ganze war also von vornherein wirtschaftliches Harakiri, ein legales Schneeballsystem der Finanzjongleure.

Immobilienpreise in China explodieren

Es entstand eine Immobilienblase, weil immer mehr Amerikaner Häuser und Wohnungen kaufen wollten, die in der Folge im Preis stiegen. Das funktionierte nur, weil die Leitzinsen in den USA, ähnlich wie heute in Europa, sehr niedrig waren. Doch ab 2004 erhöhte die amerikanische Notenbank Fed die Zinsen innerhalb von nur wenigen Jahren von gut einem auf über fünf Prozent. Und so fielen immer mehr Kredite aus, die entsprechenden Immobilien kamen auf den Markt, die Preise sanken und damit waren auch die Kredite von vormals sicheren Schuldnern nicht mehr gedeckt. Es setzte ein Dominoeffekt ein, der den amerikanischen Immobilienmarkt kollabieren ließ und damit zahlreiche Banken weltweit in die Krise stürzte. Das Ende ist bekannt: Die Staaten mussten einspringen, um nationale Banksysteme, und damit die Volkswirtschaften, zu retten.

Wie ist die Situation heute in China? Die großen Immobilienkonzerne des Landes ersteigern mit geliehenem Geld Land von lokalen Regierungen, oft zu deutlich überhöhten Preisen. Dieses Land wird mit Hochhauskomplexen übersät und die Wohnungen werden verkauft, bevor überhaupt der erste Spatenstich getan ist. Mit dem eingenommenen Geld werden die Kreditzinsen getilgt und es wird wieder Geld geliehen, um neues Land zu kaufen. Und so weiter. Das Ganze funktioniert, weil Chinesen aufgrund des stark regulierten Kapitalmarktes nur wenige Möglichkeiten haben, ihr Geld überhaupt anzulegen.

So entstand eine Kultur der Immobilienbesitzer, Eigentum ist zu einem sozialen Statussymbol geworden wie in kaum einem anderen Land der Welt. Deswegen zahlen Chinesen immer höhere Preise selbst für mittelmäßige Immobilien. So kostet in der Hauptstadt Peking eine einfache kleine Wohnung das 20-fache des durchschnittlichen Jahreseinkommens. Die Regierung will die Preisspirale nach oben stoppen, indem sie die Immobilienkonzerne nun immer stärker reguliert. Seit einigen Monaten ist es für Evergrande und andere Firmen in dem Sektor deutlich schwieriger geworden, neue Schulden aufzunehmen und damit Bauprojekte weiterzuführen. Auch in China kommt also eine Art Schneeballsystem zu einem plötzlichen Stopp, was dramatische Auswirkungen auf den nationalen Immobilienmarkt haben könnte – internationale Banken sind davon aber nicht unmittelbar betroffen, wie es 2008 durch die weltweite Spekulation mit Hochrisiko-Hypothekenkrediten der Fall war.

Warum auch Deutschland Probleme kriegen kann

Aber: Wenn in China der perfekte Sturm wütet, dann werden auch westliche Wirtschaften, allen voran Deutschland, die Ausläufer zu spüren bekommen. Chinas bereits angeschlagene Wirtschaft könnte weiter abkühlen, was zu einer Abnahme von deutschen Exporten führen würde. Da China der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik ist, würde dies die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland empfindlich treffen. Und so besteht hierzulande die Hoffnung, dass der chinesische Staat mit Rettungsmaßnahmen einspringt.

Momentan sieht es allerdings so aus, als wolle Peking an Evergrande ein Exempel statuieren: Mietpreisanstiege sollen verhindert, die ausufernde Kreditvergabe der Banken an Immobilienkonzerne eingedämmt und Schuldenobergrenzen für Unternehmen eingeführt werden. Wer sich nicht an die Regeln hält, so machte die Kommunistische Partei zuletzt deutlich, muss den Preis dafür zahlen. Deswegen spricht vieles dafür, dass Evergrande zerschlagen oder teilverstaatlicht wird. Noch ist allerdings unklar, wie die Führung in diesem Fall verhindern will, dass die Pleite des Konglomerats auf den gesamten Immobiliensektor des Landes, der mehr als ein Viertel der chinesischen Wirtschaftsleistung ausmacht, übergreift.

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