Professor Johannes Pantel Foto: ZVG
Professor Johannes Pantel ZVG
Medizin-Professor

Impfpflicht für Ältere wäre „Altersdiskriminierung”

Der Altersmediziner Johannes Pantel warnt im Interview vor einer Impfpflicht für alle ab 50 oder 60 Jahren, die seit dieser Woche wieder im Gespräch ist.
Frankfurt (Main)

Herr Professor Pantel, Ihre Forschung beschäftigt sich vor allem mit älteren Menschen. Wie ist deren Situation nach zwei Jahren Corona-Pandemie?

Einige alte Menschen gehören zu einer hoch vulnerablen Gruppe, die stärker von besonders schweren Verläufen betroffen ist. Diese Menschen leiden teilweise immer noch unter den Folgen der sozialen Isolation, die durch Seuchenschutzmaßnahmen entstanden ist. Das gilt aber nicht pauschal für alle alten Menschen, sondern vor allem für Pflegebedürftige, chronisch mehrfach Erkrankte und Heimbewohner.

Man kann im Zusammenhang mit Corona also gar nicht ohne weiteres von „den älteren Menschen“ sprechen?

Genau. Ich störe mich schon seit Längerem daran, dass immer wieder unhinterfragt behauptet wird, Alter gehe per se mit einem stark erhöhtem Corona-Risiko einher. Man darf eine so große Gruppe von Personen nicht pauschal über einen Kamm zu scheren, vor allem wenn man die Grenze bereits bei 60 oder gar 50 Jahren ansetzt.

Sie haben an anderer Stelle schon gesagt, dass so etwas Altersdiskriminierung Vorschub leistet. Wie meinen Sie das?

Ich halte es für abwegig und sogar für destruktiv, den Umgang mit Corona generell zu einer Generationen-Frage zu machen und diesbezüglich Jung und Alt gegeneinander auszuspielen.

Was ja durchaus immer wieder stattfindet. Die jüngste Abgeordnete im Bundestag, Emilia Fester, hat kürzlich in der Debatte um Impfbereitschaft den Älteren zugerufen, sie als Jüngere habe jetzt lange genug Rücksicht auf die Älteren genommen – nun müsse es andersherum sein…

So etwas meine ich. Da wird in einer Weise pauschalisiert, die ich für nicht hilfreich halte. Es gibt in jeder Generation, sowohl bei den Älteren als auch bei den Jüngeren, solche und solche. Und selbst das Robert-Koch-Institut räumt ein, dass das Risiko eines schweren Verlaufs von vielen Risikofaktoren abhängig ist – nicht nur von solchen, die im Alter häufiger sind.

Zum Beispiel?

Fettleibigkeit, Rauchen, chronisches Asthma oder Geschlechtszugehörigkeit. Wir wissen, dass Männer gegenüber Frauen ein 2,8fach erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben. Immerhin eine Risikosteigerung um 180%. Deswegen würde aber niemand auf die Idee kommen, eine Impfpflicht speziell für Männer zu fordern.

Dennoch wird, seit sich abzeichnet, dass eine Impfpflicht für alle ab 18 wohl nicht kommen wird, wieder verstärkt über eine Impfpflicht für Über-60-Jährige oder Über-50-Jährige gesprochen.

Ich lehne das ab. Vor allem, weil es aus meiner Sicht keine belastbare Evidenz dafür gibt, dass eine solche Impfpflicht die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle in nennenswertem Umfang senken würde. Und daher wäre sie nicht nur unverhältnismäßig sondern auch altersdiskriminierend. Zumal sie die falsche Botschaft aussendet, alte Menschen seien starrsinnig und per se schutzbedürftig. Dass das nicht stimmt, machen schon allein die offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts klar, wonach heute bereits 89 Prozent der Über-60-Jährigen vollständig geimpft sind. Rechnet man noch die fünf Prozent hinzu, von denen das Robert-Koch-Institut selbst vermutet, dass sie nicht von der Statistik erfasst werden, liegen wir in dieser Altersgruppe bei einer Impfquote von 94 Prozent. Es widerspricht allein schon dem gesunden Menschenverstand, dass eine Impfpflicht diese Quote signifikant weiter steigern würde.

Sie haben auch prinzipielle Bedenken gegen eine Altersgrenze.

Die habe ich ja bereits ausgeführt. Wie hoch das individuelle Risiko ist, hängt nicht allein vom Alter ab. Es gibt fitte 80-Jährige und hoch gefährdete 40-Jährige. Man kann die verschiedenen Risikofaktoren nicht einfach mit einer Altersgrenze über einen Kamm scheren. Ich glaube im Übrigen auch nicht, dass das vor dem Verfassungsgericht Bestand hätte.

Sie argumentieren vom Geimpften her und von seinem Recht auf Selbstbestimmung. Befürworter einer Impfpflicht argumentieren hingegen, es gehe gar nicht darum, dass man sich mit der Impfung selbst schützt, sondern dass man andere schützt.

Mit diesem Argument soll moralischer Druck aufgebaut werden. Aber ich glaube, es verfängt in diesem Fall überhaupt nicht. Die insgesamt bereits sehr hohen Impfquoten – von Kindern einmal abgesehen in allen Altersgruppen, aber ganz besonders bei den Älteren – und der dadurch bedingte Grundschutz eines sehr großen Teils der Bevölkerung würde bei einer allgemeinen Impfpflicht nicht mehr zu wesentlichen Entlastungseffekten für unser Gesundheitssystem führen. Zumal eine Überlastung oder gar ein Zusammenbruch des Systems gar nicht droht.

Für den Winter wird von Befürwortern einer Impfpflicht aber eine solche Situation für möglich gehalten.

Ich halte das für reine Spekulation, das lässt sich gar nicht seriös vorhersagen. Im Übrigen ist es uns bislang ja auch immer gelungen, eine Überlastung des Gesundheitssystems abzuwenden – auch ohne Impfpflicht.

Sie haben sich auch kritisch gegenüber einer Impfpflicht für Pflegeberufe geäußert.

Weil ich dabei ganz ähnliche Bedenken habe. Auch in dieser Berufsgruppe ist die Quote der Geimpften bereits bei über 90 Prozent. Die Zahl der jetzt noch ungeimpften Pflegekräfte, die sich von einer Impfpflicht umstimmen lassen wird, dürfte gering sein. Die Impfpflicht würde – falls tatsächlich Berufsverbote vollstreckt werden sollten – vielmehr dazu führen, dass Pflegepersonal aus dem Job gedrängt wird. Das können wir das eigentlich am allerwenigsten wollen. Durch die weitere Zuspitzung der prekären Personalsituation in der Pflege wären die Patienten und Heimbewohner viel stärker gefährdet als durch einzelne ungeimpfte Pfleger.

Ist denn überhaupt sicher, dass ungeimpfte Menschen das Coronavirus mit höherer Wahrscheinlichkeit übertragen als geimpfte?

Das galt wohl für die Delta-Variante. Aber spätestens seit dem Aufkommen der Omikron-Variante gibt es hierfür keine sicheren Belege. Auch dies führt das Argument, die Impfung diene dem Schutz der Allgemeinheit, eigentlich schon ad absurdum.

Sind Sie denn generell gegen die Impfung?

Selbstverständlich nicht. Sie ist die wirksamste Schutzmaßnahme gegen schwere Verläufe, die wir haben. Aber ich bin unbedingt dafür, dass jeder die Entscheidung, ob und wie oft er sich impfen lässt, selbst treffen darf. Die Argumente der Impfpflichtbefürworter stehen aus medizinischer Sicht auf einem sehr wackeligen Fundament. Deutschland ist weltweit einer der ganz wenigen demokratischen Staaten, in denen eine allgemeine Impfplicht überhaupt noch ernsthaft diskutiert wird.

Blicken wir zum Abschluss noch einmal speziell auf die älteren Menschen. Gibt es etwas, das wir im Umgang mit der Pandemie speziell von dieser Altersgruppe lernen können?

Ich halte, wie gesagt, nicht viel von Verallgemeinerungen auf so große Altersgruppen. Man läuft dann immer Gefahr, dass man in Generationen-Schubladen denkt. Es kommt schnell zu Klischees und Diskriminierungen, die ich strikt ablehne. Genau über dieses Thema habe ich gerade ein Buch geschrieben. Man kann aber sicher sagen, dass die überwältigende Mehrheit alter Menschen bisher sehr verantwortlich mit der Pandemie umgegangen ist. Diese Eigenverantwortung sollte man ihnen nicht nehmen.

Zur Person

Professor Dr. med. Johannes Pantel ist Mediziner, Psychiater und Geriater und Inhaber einer Professur für Altersmedizin mit Schwerpunkt Psychogeriatrie und Klinische Gerontologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Sein Buch „Der Kalte Krieg der Generationen“ erscheint am 11.4.2022 im Herder Verlag. 272 Seiten, 22 Euro.

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